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Anthropologie Was geschah wirklich im Neandertal?

 ·  Sie waren anders als wir. Aber wie anders? Kannten die Neandertaler schon Kunst und Kultur? Wie intim war ihre Beziehung zum modernen Menschen? Auch nach 150 Jahren Forschung entzweien diese Fragen die Fachwelt.

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Vor 40.000 Jahren im südlichen Kaukasus: Schon seit Tagen harren fünf Neandertaler in ihrem Versteck aus und warten auf die Bergziegen, die genau wie all die Jahre zuvor im Spätherbst zu Tal ziehen werden. Die Männer haben Holzspeere dabei, auf denen scharfe Steinklingen sitzen. Die Speere sind zu groß, als daß die Männer sie werfen könnten.

Das brauchen sie auch nicht - die Jagdtaktik ist mit allen Gruppenmitgliedern genau abgesprochen. Wenn die Ziegen kommen, werden die Jäger sie aus nächster Nähe aufspießen. So ungefähr könnte es gewesen sein, glaubt Daniel Adler von der University Connecticut. Der Anthropologe leitet seit Jahren Ausgrabungen im heutigen Georgien. Die Funde sprechen eine deutliche Sprache. „Sie waren in der Lage, zu jagen, was sie wollten und wann sie wollten.“ Adler sieht keine Anzeichen dafür, daß die anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) jener Zeit bessere Jäger waren als diese Neandertaler.

Noch vor ein paar Jahren wären solche Behauptungen undenkbar gewesen. Aber neue Ausgrabungsmethoden, exaktere Datierungsverfahren und immer besseres Fundmaterial rücken den Neandertaler Stück für Stück näher an den modernen Menschen heran. „Die Neandertaler müssen aktive Jäger gewesen sein“, sagt auch Fred Smith von der Loyola University in Chicago. Anders könne man den hohen Fleischkonsum, der durch Isotopenanalysen eindeutig belegt wurde, gar nicht erklären. Die These, die Neandertaler hätten sich nur von zufälligen Fleischfunden und Aas ernährt, sei jedenfalls unhaltbar, sagt Smith. Darauf deuten auch die Analysen aus dem Kaukasus hin. Archäozoologen aus dem Team von Daniel Adler haben Tierknochen aus verschiedenen Jagdperioden gefunden, die ausschließlich von ausgewachsenen Bergziegen stammen. Alte, junge oder kranke Tiere haben die Neandertaler demnach dort nicht gejagt. Da im südlichen Kaukasus sowohl Neandertaler als auch Homo sapiens auf die Jagd gingen, stellt sich die Frage nach der Koexistenz, also danach, ob die beiden Menschenarten sich damals begegnet sind.

„Sie könnten auch miteinander geschlafen haben

Eine eindeutige Antwort kann Daniel Adler noch nicht geben. Es klafft eine Fundlücke von rund 1000 Jahren - zumindest für diese Region. Jedoch sei eine Begegnung der beiden Menschenformen generell nicht auszuschließen, meint der britische Archäologe Paul Mellars von der Universität Cambridge. Ein solches Treffen könnte sich demnach vor rund 40.000 Jahren in der Höhle bei Châtelperron im heutigen Frankreich ereignet haben. Dort stieß Mellars im Höhlensediment auf drei Schichten. Die obere und die untere enthielten Spuren von Neandertalern, die mittlere Schicht jedoch vom anatomisch modernen Menschen. „Wir konnten damit zum ersten Mal direkt beweisen, daß es eine rund 1000 Jahre lange Überlappung der Existenz der beiden gegeben haben muß“, sagt Paul Mellars, der mit seinen Kollegen die drei Bodenschichten der Höhle mit der Radiokarbonmethode datiert hat. Dabei mißt man den Gehalt des instabilen Kohlenstoffisotops C-14 in organischem Material, in dem es noch bis zu 50.000 Jahre nach dem Tod des Organismus nachweisbar bleibt, so daß man es aufgrund des radioaktiven Zerfallsgesetzes datieren kann - in den günstigsten Fällen bis auf vierzig Jahre genau.

Aber auch die sich überlappenden Schichten von Châtelperron sind kein Beweis dafür, daß sich Neandertaler und Homo sapiens dort tatsächlich begegnet sind. „Ich kann es leider nicht beweisen. Dazu müßte ich schon beide händchenhaltend in der Höhle finden“, sagt Mellars. „Aber ein Treffen ist sehr wahrscheinlich. Wenn zwei Populationen über 1000 Jahre lang in dem gleichen Gebiet in Frankreich gelebt haben, müssen sie sich begegnet sein.“ Wie diese Begegnungen ausgesehen haben, kann auch Paul Mellars nur erahnen. „Sie könnten sich bekämpft haben, aber genausogut könnten sie miteinander geschlafen haben.“

„Die Neandertaler waren keine Linguisten“

Um sich derart entgegenkommend zu treffen, müssen die Neandertaler nach Meinung vieler Evolutionsbiologen bereits eine wichtige Fähigkeit besessen haben: die Sprache. Kommunikation funktioniert zwar auch nonverbal, aber die Lautsprache ist für viele Forscher Vorraussetzung jeder transkulturellen Begegnung. Nun gibt es seit 1983 ein schlagkräftiges Indiz dafür, daß die Neandertaler anatomisch zu einer Lautsprache fähig waren: ein gut erhaltenes Zungenbein in der Kebara-Höhle in Israel. An diesem auch Os hyoideum genannten Knochen sitzen Muskeln und Bänder an, die der Zunge eine Artikulation ermöglichen.

Trotz dieses Fundes allerdings gehen die Meinungen der Forscher in dieser Frage auseinander. Chris Stringer vom Naturhistorischen Museum in London etwa ist eher vorsichtig. „Die Sprache des modernen Menschen zeichnet sich durch eine hohe Komplexität mit abstrakten Konzepten aus. Die Form der Sprache der Neandertaler war wahrscheinlich wesentlich einfacher konstruiert. Ich bin sicher, daß sie eine Art Sprache hatten, aber nicht in dem Maße wie wir.“ Noch skeptischer beurteilt der Paläoanthropologe Ian Tattersall vom American Museum of Natural History in New York das Sprachvermögen der Neandertaler: „Die Neandertaler waren wahrscheinlich keine Linguisten und kannten auch keinen Symbolismus. Es gibt jedenfalls keinen Beweis für Symbolismus in ihren archäologischen Hinterlassenschaften.“

War der Neandertaler ein früher Künstler?

Solche symbolhaltigen Artefakte, vor allem figürliche Darstellungen, gelten vielen Forschern als Beweis für eine entwickelte Kultur. Tatsächlich sind mittlerweile viele solcher Objekte aus der Zeit vor 30.000 bis 35.000 Jahren bekannt. Wessen Werk diese Gegenstände wohl gewesen sein mögen, war bis vor wenigen Jahren unstrittig: Die frühen Kulturgüter finden sich meist zusammen mit Steinwerkzeugen einer Kulturstufe, die man nach einem französischen Fundort „Aurignacien“ nennt. Und seit man im Jahre 1868 bei Cro Magnon an der Dordogne solche Aurignacien-Werkzeuge bei Skelettresten anatomisch moderner Menschen fand, gelten diese auch als Schöpfer jener frühen Kulturgüter. Dem Neandertaler wurde eine solche künstlerische Fähigkeit kategorisch abgesprochen. Aurignacien-Funde galten immer als Werk des Homo sapiens - genau wie alle anderen eiszeitlichen Kunstwerke, selbst wenn diese kaum mit Knochenfunden in Zusammenhang gebracht werden konnten.

Die wichtigste Ausnahme waren lange Zeit Skelettreste aus der Vogelherd-Höhle auf der Schwäbischen Alb, einem der bedeutendsten Fundorte frühester figürlicher Darstellungen überhaupt. Um so größer die Aufregung, als im Jahr 2004 ein Team um Nicholas Conard von der Universität in Tübingen mit der Radiokarbonmethode nachwies, da die Knochen vom Vogelherd höchstens 5000 Jahre alt sind (Sonntagszeitung vom 11.7.2004). Demnach stammen die dort gefundenen Elfenbeinfiguren nicht notwendigerweise vom anatomisch modernen Menschen, vielmehr sind ihre Schöpfer unbekannt. Das bedeutet natürlich nicht unbedingt, daß es Neandertaler waren, aber ausschließen kann Conard das nicht.

„Der Neandertaler wird diskriminiert und unterschätzt“

Harald Floss, ein Kollege Conards in Tübingen, ist da skeptischer. Wenn die Neandertaler überhaupt zu solchen schöpferischen Leistungen in der Lage waren, dann allenfalls in einer Art kulturellem Strohfeuer, das paradoxerweise mit ihrem Verschwinden einherging. In der Diskussion steht hier vor allem die Grotte du Renne bei Arcy-sur-Cure im nördlichen Burgund, die für ihre Funde aus der Übergangsphase zwischen mittlerer und jüngerer Altsteinzeit bekannt ist - ebenjener Zeit, in der die materiellen Zeugnisse kultureller Aktivität explosionsartig zunahmen und die Neandertaler verschwanden. In den Knochengeräten, Steinwerkzeugen und verzierten Objekten aus der Grotte du Renne sehen einige Forscher einen Beleg für die kulturelle Modernität der Neandertaler, weil dort ebenfalls ihre Skelettreste gefunden wurden. Es sollten Neandertaler gewesen sein, welche die Schmuckstücke angefertigt oder zumindest aufgelesen beziehungsweise imitiert haben.

Dem widerspricht Harald Floss vehement. Zwar will er nicht ausschließen, daß die Neandertaler dort unter den kulturellen Einfluß anatomisch moderner Menschen geraten sein könnten. Aber daß sie genau in dieser Höhle auf einmal zu großen Künstlern und Erfindern wurden, das glaubt Floss nicht. Zwar werde seit Jahren immer wieder versucht, „dem diskriminierten und unterschätzten Neandertaler dadurch die Ehre zu retten, daß man alles nur Erdenkbare aus seinem Schaffensspektrum zusammenträgt, was ihm Intellekt, Ästhetik und Kognition bescheinigt“. Doch die Unterschiede zwischen den Neandertalern und den anatomisch modernen Menschen seien zu groß, sagt Floss, als daß man sie einfach ignorieren könne.

Was nutzt hier der Artbegriff?

Ähnlich sieht das auch Ian Tattersall aus New York. Nicht nur in Sprachfähigkeit und künstlerischem Interesse müsse es zwischen dem eiszeitlichen modernen Menschen und dem Neandertaler deutliche Unterschiede gegeben haben. Die Verschiedenheit zeige sich ja schon auf jener Ebene, die uns am besten zugänglich ist: der der Knochen. Die anatomischen Abweichungen - die auffälligsten davon werden auf dieser Seite vorgestellt - sind so offensichtlich, daß Tattersall im Neandertaler auf jeden Fall eine eigene Art Homo neanderthalensis sieht, die sich biologisch vom Homo sapiens deutlich abhebt. Diese Diskussion ist aktueller denn je, da der biologische Artbegriff - nach dem die Vertreter einer Art in der Lage sein müssen, fruchtbare Nachkommen miteinander zu zeugen - momentan nicht nur bei Evolutionsbiologen in der Kritik steht. Die Frage lautet: Was nutzt der Artbegriff angesichts von Populationen, die sich in kleinen Grüppchen 200.000 Jahre lang nomadenhaft über ganz Europa verteilten?

Von dem Neandertaler an sich könne man gar nicht sprechen, sagt Gerd Christian Weniger, Direktor des Neandertal-Museums in Mettmann. Die genetische Variationsbreite innerhalb der Neandertaler und der damaligen anatomisch modernen Menschen sei so groß, daß eine strikte Abgrenzung beider Menschenformen gar nicht möglich sei. Milford Wolpoff von der Universität von Michigan teilt Wenigers Ansicht und sieht in Interpretationen wie der von Ian Tattersall eine Art selbsterfüllender Prophezeiung. Für Wolpoff sind die Unterschiede zwischen dem modernen Menschen und dem Neandertaler ähnlich gering wie die zwischen den australischen Ureinwohnern und heutigen Europäern. Er geht daher davon aus, daß beide Menschenformen auch ähnlich gut miteinander kommunizieren konnten und daß sie sich wohl auch sonst nähergekommen sind. „Eine einfache Erklärung für die Ähnlichkeit zwischen dem Neandertaler und den Europäern ist, daß es Vermischungen gab“, sagt Wolpoff. „Wenn die Neandertaler Gene beim modernen Menschen hinterlassen konnten, können sie keine separate Art sein.“ Und auch keine Unterart des Homo sapiens, meint Wolpoff, denn im Tierreich unterschieden sich Vertreter verschiedener Unterarten einer Spezies stärker als der moderne Mensch und der Neandertaler.

Der Vaterschaftstest steht noch aus

Es bleibt abzuwarten, ob Wolpoffs Sicht der Dinge vor den weiteren Befunden der Paläogenetiker Bestand haben wird (siehe „DNA-Analysen beim Neandertaler“). Allerdings: Nach Ansicht von Gerd Christian Weniger müssen die beiden Menschenformen gar nicht so ähnlich gewesen sein, um miteinander intim zu werden. In der Völkerkunde gibt es viele Beispiele für Liebesbeziehungen zwischen Individuen verschiedener Populationen. Ob dergleichen zwischen Neandertalern und einigen unserer eiszeitlichen Vorfahren tatsächlich vorkam, ob daraus fruchtbare Nachkommen entstanden und ob auf diese Weise tatsächlich ein paar Neandertalergene in unser aller Erbgut gelangt sind - diese Frage ist noch offen, aber mit der Paläogenetik wenigstens ein Stück weit beantwortbar.

Etwas anders sieht es im Moment bei einem anderen großen Rätsel aus, das uns die Neandertaler hinterlassen haben: der Frage, warum sie schließlich scheiterten. Denn vor rund 30.000 Jahren, als die Eiszeit ihrem letzten Höhepunkt entgegenstrebte, waren sie von der Bildfläche verschwunden. Wie konnte ihnen das passieren, nachdem sie ganz Europa und Teile Asiens besiedelt hatten und dabei mehreren Eiszeiten trotzen konnten?

Offensichtliche Gründe sind kaum auszumachen. Einig sind sich die meisten Wissenschaftler nur, daß das Verschwinden der Neandertaler wohl etwas mit dem Erscheinen des anatomisch modernen Menschen in Europa zu tun hatte. Genaueres weiß man nicht. Immerhin schieden inzwischen einige althergebrachte Hypothesen im Lichte neuer Funde aus: etwa die, daß der moderne Mensch den vermeintlich friedlicheren Neandertaler aufgrund aggressiver Veranlagung ausgerottet habe. Das ist ebenso unwahrscheinlich wie die Vermutung, daß eine Seuche nur die Neandertaler dezimiert und unsere Vorfahren vollkommen verschont haben könnte. Überlegungen, daß etwa bereits ein geringes demographisches Defizit (weniger Geburten als Todesfälle) in den Neandertalerpopulationen ausreichte, um sie in wenigen Generationen zu einer nicht mehr überlebensfähigen Gruppe zusammenschrumpfen zu lassen, sollen in den kommenden Jahren untersucht werden. An einem Mangel an technischem Verständnis für die Jagd lag es aber auf keinen Fall - da sind sich zumindest Daniel Adler und seine Mitarbeiter sicher. Adler vermutet, die Isolation kleiner Gruppen und der damit einhergehende Mangel an Flexibilität könnten ein Grund für das Verschwinden der Neandertaler sein. „Fest steht nur, daß es nicht an nur einer Sache lag.“

Aktuelle Literatur: Bärbel Auffermann & Jörg Orschied: „Die Neandertaler. Auf dem Weg zum modernen Menschen“, erscheint im April im Theiss Verlag, Stuttgart. Michael Bolus & Ralf W. Schmitz: „Der Neandertaler“. Thorbecke Verlag. Nicholas J. Conard, Stefanie Kölbl und Wolfgang Schürle (Hrsg.), „Vom Neandertaler zum modernen Menschen“, Thorbecke Verlag 2005.

Quelle: F.A.S. vom 19.3.2006
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