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Angstforscher im Interview Schüchterne lieben besser

Schüchternheit hat viele Folgen: Sie kann krank machen, betrunken, oder auf die Bühne bringen. Der Angstforscher Borwin Bandelow erklärt, warum - und weshalb er jedem nur raten kann, sich einen schüchternen Partner zu suchen.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Legende mit schwerer sozialer Phobie: Marilyn Monroe

In einer Umfrage bekennen sich 61 Prozent dazu, „mindestens ein bisschen schüchtern“ zu sein. Schüchternheit kann krank machen, betrunken, oder auf die Bühne bringen. Der Angstforscher Borwin Bandelow erklärt im Interview, warum - und weshalb er jedem nur raten kann, sich einen schüchternen Partner zu suchen.

Herr Bandelow, wann ist man schüchtern?

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Schüchternheit ist die Angst, von anderen Menschen kritisiert oder negativ beurteilt zu werden. In der Folge dieser Angst meiden schüchterne Personen Situationen, in denen sie anderen begegnen. Das können Behördengänge sein oder ein Gespräch mit dem Vorgesetzten. Sie fürchten sich vor sozialen Performance-Situationen, also davor, Vorträge zu halten oder Witze zu erzählen. Sie haben Angst vor Auseinandersetzungen und häufig auch davor, Menschen des anderen Geschlechts zu begegnen.

Freddie Mercury neu © picture-alliance / dpa Vergrößern Der soll schüchtern sein? Freddy Mercury, im wirklichen Leben keine „Rampensau”

Sind das nicht Ängste, die fast jeder schon einmal mehr oder weniger ausgeprägt erlebt hat?

Das ist richtig. Bei einer Umfrage in Kanada haben deshalb auch 61 Prozent der Befragten angegeben, sie seien „mindestens ein bisschen schüchtern“.

Wann empfinden die Menschen ihre Schüchternheit als Problem?

Es gibt Schüchternheit und die sogenannte soziale Phobie. Die Grenze zwischen beiden ist fließend. Wichtiger als diese Abgrenzung ist aber ohnehin die Frage, ab wann jemand behandlungsbedürftig ist.

Und?

Wenn der Leidensdruck so groß ist, dass die Person die Hälfte des Tages darüber nachdenkt. Wenn sich Depressionen oder Suizidgedanken einstellen oder jemand anfängt, seine Schüchternheit mit Alkohol zu bekämpfen. Wir haben 1,6 Millionen Alkoholiker in Deutschland. Und man schätzt, dass jeder zweite Alkoholiker abhängig geworden ist, weil er eine soziale Phobie hat. Das Problem ist dann, dass zu seiner Phobie noch die Alkoholabhängigkeit dazukommt. Und mit der hat man ein viel größeres Problem, weil sie nicht so einfach zu behandeln ist.

Man ersetzt gewissermaßen eine Krankheit durch eine andere: die Angst durch die Sucht.

Richtig. Niemand trinkt nur deswegen Alkohol, weil der Riesling so gut schmeckt, sondern hauptsächlich, weil man damit Ängste bekämpft. Hinter jeder Alkoholabhängigkeit steckt eine weitere psychische Erkrankung. Neben den Persönlichkeitsstörungen, wie der Borderline-Störung, sind das häufig Angsterkrankungen, allen voran die soziale Phobie.

Sie schreiben, dass sich viele Ihrer Angstpatienten sehr gut ausdrücken können und auch normal bis sehr gut aussehen. Woher kommt ihre Schüchternheit?

Wir wissen, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Man schätzt den Einfluss der Vererbung - je nach Studie - auf zwischen 24 und 51 Prozent. Wir wissen auch, dass frühkindliche Traumata einen Einfluss haben, vor allem die Trennung der Eltern. Bei anderen Traumata hingegen, wie Gewalt in der Familie, Alkoholabhängigkeit oder sexuellem Missbrauch, konnte das nicht bewiesen werden.

Wenn man noch gar nicht genau weiß, woher eine soziale Phobie kommt, woher wissen Sie dann, wie sie zu behandeln ist?

Das gibt es häufig in der Medizin, dass wir erst wissen, wie man etwas behandelt und dann herausfinden, woher es kommt.

Wie behandeln Sie Sozialphobiker?

Es gibt Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva, die nach klinischen Studien wirksam sind. Und es gibt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei konfrontieren wir die Patienten mit Situationen, denen sie normalerweise ausweichen würden. Und wir machen ihnen klar, dass sie unter einer verzerrten Wahrnehmung leiden. Sie glauben oft, sie seien nicht gut genug, und andere würden schlecht über sie reden. Man muss sie dann fast gebetsmühlenhaft darauf hinweisen, dass sie lernen müssen, ihre Eigenschaften und Möglichkeiten realistischer einzuschätzen.

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