In einer Umfrage bekennen sich 61 Prozent dazu, „mindestens ein bisschen schüchtern“ zu sein. Schüchternheit kann krank machen, betrunken, oder auf die Bühne bringen. Der Angstforscher Borwin Bandelow erklärt im Interview, warum - und weshalb er jedem nur raten kann, sich einen schüchternen Partner zu suchen.
Herr Bandelow, wann ist man schüchtern?
Schüchternheit ist die Angst, von anderen Menschen kritisiert oder negativ beurteilt zu werden. In der Folge dieser Angst meiden schüchterne Personen Situationen, in denen sie anderen begegnen. Das können Behördengänge sein oder ein Gespräch mit dem Vorgesetzten. Sie fürchten sich vor sozialen Performance-Situationen, also davor, Vorträge zu halten oder Witze zu erzählen. Sie haben Angst vor Auseinandersetzungen und häufig auch davor, Menschen des anderen Geschlechts zu begegnen.
Sind das nicht Ängste, die fast jeder schon einmal mehr oder weniger ausgeprägt erlebt hat?
Das ist richtig. Bei einer Umfrage in Kanada haben deshalb auch 61 Prozent der Befragten angegeben, sie seien „mindestens ein bisschen schüchtern“.
Wann empfinden die Menschen ihre Schüchternheit als Problem?
Es gibt Schüchternheit und die sogenannte soziale Phobie. Die Grenze zwischen beiden ist fließend. Wichtiger als diese Abgrenzung ist aber ohnehin die Frage, ab wann jemand behandlungsbedürftig ist.
Und?
Wenn der Leidensdruck so groß ist, dass die Person die Hälfte des Tages darüber nachdenkt. Wenn sich Depressionen oder Suizidgedanken einstellen oder jemand anfängt, seine Schüchternheit mit Alkohol zu bekämpfen. Wir haben 1,6 Millionen Alkoholiker in Deutschland. Und man schätzt, dass jeder zweite Alkoholiker abhängig geworden ist, weil er eine soziale Phobie hat. Das Problem ist dann, dass zu seiner Phobie noch die Alkoholabhängigkeit dazukommt. Und mit der hat man ein viel größeres Problem, weil sie nicht so einfach zu behandeln ist.
Man ersetzt gewissermaßen eine Krankheit durch eine andere: die Angst durch die Sucht.
Richtig. Niemand trinkt nur deswegen Alkohol, weil der Riesling so gut schmeckt, sondern hauptsächlich, weil man damit Ängste bekämpft. Hinter jeder Alkoholabhängigkeit steckt eine weitere psychische Erkrankung. Neben den Persönlichkeitsstörungen, wie der Borderline-Störung, sind das häufig Angsterkrankungen, allen voran die soziale Phobie.
Sie schreiben, dass sich viele Ihrer Angstpatienten sehr gut ausdrücken können und auch normal bis sehr gut aussehen. Woher kommt ihre Schüchternheit?
Wir wissen, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Man schätzt den Einfluss der Vererbung - je nach Studie - auf zwischen 24 und 51 Prozent. Wir wissen auch, dass frühkindliche Traumata einen Einfluss haben, vor allem die Trennung der Eltern. Bei anderen Traumata hingegen, wie Gewalt in der Familie, Alkoholabhängigkeit oder sexuellem Missbrauch, konnte das nicht bewiesen werden.
Wenn man noch gar nicht genau weiß, woher eine soziale Phobie kommt, woher wissen Sie dann, wie sie zu behandeln ist?
Das gibt es häufig in der Medizin, dass wir erst wissen, wie man etwas behandelt und dann herausfinden, woher es kommt.
Wie behandeln Sie Sozialphobiker?
Es gibt Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva, die nach klinischen Studien wirksam sind. Und es gibt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei konfrontieren wir die Patienten mit Situationen, denen sie normalerweise ausweichen würden. Und wir machen ihnen klar, dass sie unter einer verzerrten Wahrnehmung leiden. Sie glauben oft, sie seien nicht gut genug, und andere würden schlecht über sie reden. Man muss sie dann fast gebetsmühlenhaft darauf hinweisen, dass sie lernen müssen, ihre Eigenschaften und Möglichkeiten realistischer einzuschätzen.
Ist das denn ein hilfreicher Tipp? Besteht die Not der Schüchternen nicht gerade darin, dieses Einschätzungsvermögen gar nicht erst zu besitzen?
Ja, sie besteht schon darin. Aber es hilft ja nichts. Sie müssen es üben, und das Zauberwort heißt Habituation, also Gewöhnung. Es ist wie beim Skifahren, wo man lernen muss, den Tal-Ski und nicht den Berg-Ski zu belasten. Das ist zunächst schwierig, weil es kontraintuitiv ist. Man muss gegen die eigene Höhenphobie arbeiten. So muss ein Sozialphobiker auch gegen die eigene Phobie arbeiten.
Sie schreiben, schüchterne Menschen würden sich selbst aus der „Perspektive des Beobachteten“ sehen. Außerdem gebe es eine Reihe von berühmten Schauspielern, die sagen, früher sehr schüchtern gewesen zu sein. Schüchterne Schauspieler haben also im Grunde einen Beruf gewählt, in dem sie sich sehr gut auskennen. Könnte man sagen, dass sie das Optimum aus ihrer persönlichen Schwäche herausgeholt haben?
Ich glaube, es ist noch komplexer. Ein schüchterner Mensch kann schlecht Emotionen zeigen. Darunter leidet er. Wenn also schüchterne Schauspieler auf der Bühne etwa Liebesschwüre aussprechen können, dann zeigen sie Emotionen, ohne dass sie ihnen persönlich zuzuschreiben sind. Indem sie Schauspieler werden, haben sie sozusagen eine elegante Ausrede, ihre Emotionen zur Schau zu stellen. Über diesen Umweg können sie eines Tages ihre Gefühle auch im wirklichen Leben ausdrücken. Unter berühmten Leuten finden sich häufig solche mit einer sozialen Phobie. Bei manchen Superstars finden wir allerdings auch solche mit einer Borderline-Störung.
Würden Sie sagen, das sind die besten Voraussetzungen, um ein guter Schauspieler zu werden?
Ich behaupte zumindest, dass es viele gibt, die solche Erkrankungen hatten. Zum Beispiel Marilyn Monroe. Sie hatte eine Borderline-Störung und gleichzeitig eine schwere soziale Phobie. Sie hat sich vor den Aufnahmen ja immer betrunken und Barbiturate genommen. Man findet auch viele Schüchterne unter Musikern, gerade unter den „Rampensäuen“, die auf der Bühne eine große Leistung bringen. Bob Dylan ist scheu, und auch George Harrison und Freddy Mercury waren im wirklichen Leben sehr schüchterne Menschen.
Sie schreiben: „Jemand, der seine Furcht überwunden hat, empfindet größeres Glück als einer, der sie gar nicht erst wahrnimmt.“
Ja, denn wenn man sich nie darüber Gedanken gemacht hat, ob man Anerkennung durch andere Menschen kriegt, dann empfindet man auch nicht das gleiche Glück wie jemand, der jahrelang dachte, dass er keine Anerkennung findet.
Leben Schüchterne intensiver?
Nur dann, wenn sie es geschafft haben. Vorher leben sie äußerst langweilig. Aber wenn sie an ihrer Schüchternheit arbeiten, dann können sie auch von Beziehungen mehr profitieren. Die Krankheit hat bei vielen jahrelang verhindert, dass sie jemanden kennenlernen. Wenn es dann doch geklappt hat, kann es intensiver sein, weil diese Menschen mehr Dankbarkeit empfinden. Man kann eigentlich jedem nur raten, sich einen schüchternen Partner zu suchen, weil man mit dem vielleicht mehr Spaß hat.
Und Sie, sind Sie schüchtern?
Ja, sicher, ich habe auch immer große Angst vor Kritik. Das glauben Sie wahrscheinlich nicht, aber es ist wirklich so. Ich dachte auch jahrelang, dass meine Arbeit nicht genug anerkannt wird, aber wenn man dann, so wie jetzt, seinen Namen ständig in der Zeitung liest, denkt man, vielleicht war das doch nicht so falsch, was man die ganze Zeit gemacht hat.