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Angstforscher im Interview : Schüchterne lieben besser

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Ist das denn ein hilfreicher Tipp? Besteht die Not der Schüchternen nicht gerade darin, dieses Einschätzungsvermögen gar nicht erst zu besitzen?

Ja, sie besteht schon darin. Aber es hilft ja nichts. Sie müssen es üben, und das Zauberwort heißt Habituation, also Gewöhnung. Es ist wie beim Skifahren, wo man lernen muss, den Tal-Ski und nicht den Berg-Ski zu belasten. Das ist zunächst schwierig, weil es kontraintuitiv ist. Man muss gegen die eigene Höhenphobie arbeiten. So muss ein Sozialphobiker auch gegen die eigene Phobie arbeiten.

Sie schreiben, schüchterne Menschen würden sich selbst aus der „Perspektive des Beobachteten“ sehen. Außerdem gebe es eine Reihe von berühmten Schauspielern, die sagen, früher sehr schüchtern gewesen zu sein. Schüchterne Schauspieler haben also im Grunde einen Beruf gewählt, in dem sie sich sehr gut auskennen. Könnte man sagen, dass sie das Optimum aus ihrer persönlichen Schwäche herausgeholt haben?

Ich glaube, es ist noch komplexer. Ein schüchterner Mensch kann schlecht Emotionen zeigen. Darunter leidet er. Wenn also schüchterne Schauspieler auf der Bühne etwa Liebesschwüre aussprechen können, dann zeigen sie Emotionen, ohne dass sie ihnen persönlich zuzuschreiben sind. Indem sie Schauspieler werden, haben sie sozusagen eine elegante Ausrede, ihre Emotionen zur Schau zu stellen. Über diesen Umweg können sie eines Tages ihre Gefühle auch im wirklichen Leben ausdrücken. Unter berühmten Leuten finden sich häufig solche mit einer sozialen Phobie. Bei manchen Superstars finden wir allerdings auch solche mit einer Borderline-Störung.

Würden Sie sagen, das sind die besten Voraussetzungen, um ein guter Schauspieler zu werden?

Ich behaupte zumindest, dass es viele gibt, die solche Erkrankungen hatten. Zum Beispiel Marilyn Monroe. Sie hatte eine Borderline-Störung und gleichzeitig eine schwere soziale Phobie. Sie hat sich vor den Aufnahmen ja immer betrunken und Barbiturate genommen. Man findet auch viele Schüchterne unter Musikern, gerade unter den „Rampensäuen“, die auf der Bühne eine große Leistung bringen. Bob Dylan ist scheu, und auch George Harrison und Freddy Mercury waren im wirklichen Leben sehr schüchterne Menschen.

Sie schreiben: „Jemand, der seine Furcht überwunden hat, empfindet größeres Glück als einer, der sie gar nicht erst wahrnimmt.“

Ja, denn wenn man sich nie darüber Gedanken gemacht hat, ob man Anerkennung durch andere Menschen kriegt, dann empfindet man auch nicht das gleiche Glück wie jemand, der jahrelang dachte, dass er keine Anerkennung findet.

Leben Schüchterne intensiver?

Nur dann, wenn sie es geschafft haben. Vorher leben sie äußerst langweilig. Aber wenn sie an ihrer Schüchternheit arbeiten, dann können sie auch von Beziehungen mehr profitieren. Die Krankheit hat bei vielen jahrelang verhindert, dass sie jemanden kennenlernen. Wenn es dann doch geklappt hat, kann es intensiver sein, weil diese Menschen mehr Dankbarkeit empfinden. Man kann eigentlich jedem nur raten, sich einen schüchternen Partner zu suchen, weil man mit dem vielleicht mehr Spaß hat.

Und Sie, sind Sie schüchtern?

Ja, sicher, ich habe auch immer große Angst vor Kritik. Das glauben Sie wahrscheinlich nicht, aber es ist wirklich so. Ich dachte auch jahrelang, dass meine Arbeit nicht genug anerkannt wird, aber wenn man dann, so wie jetzt, seinen Namen ständig in der Zeitung liest, denkt man, vielleicht war das doch nicht so falsch, was man die ganze Zeit gemacht hat.

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