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Autofahren : Schweißgebadet hinterm Lenkrad

  • -Aktualisiert am

Albtraum Stadtverkehr: Die Journalistin Elena Schad stellt sich in einer Mannheimer Fahrschule ihrer Angst vor dem Autofahren. Bild: Michael Kretzer

Wer Angst vor dem Autofahren hat, muss sich im Alltag enorm einschränken. Doch die Zahl der Betroffenen steigt – besonders unter Frauen. Unsere Autorin ist eine davon. Sie wagt eine Auffrischungsfahrt.

          Spätestens als mir der kalte Fahrtwind die Regentropfen ins Gesicht blies, das Fahrrad um die nächste Pfütze schlingerte und ein Auto mich beim Überholen von oben bis unten mit Spritzwasser taufte, musste ich mir eingestehen, dass ich ein ernstes Problem hatte: nicht der strömende Sommerregen oder die durchweichten Jeans und nassen Turnschuhe, sondern die Tatsache, dass ich mich bei diesem Wetter aufs Fahrrad geschwungen hatte, anstatt eines der beiden Autos zu nehmen, die abfahrbereit in der Garage standen.

          Während das Autofahren für die meisten Menschen zum Alltag gehört, sorgt bei mir allein der Gedanke daran für Herzrasen, schweißnasse Hände und schlaflose Nächte. Schuld daran ist meine Fahrangst.

          Seit sieben Jahren darf ich mich laut Führerschein schon hinters Lenkrad setzen, doch ich vermeide es, wann immer es geht. Am meisten zittere ich vor dem Stadtverkehr und dem Einparken. Komme ich mal nicht ums Fahren herum, mache ich mir schon Tage vorher Gedanken, wie ich am besten die Innenstadt umfahre und wo ich das Auto am Ziel abstellen kann. Ich erkunde die Gegend per Stadtplan oder gar persönlich. Ein Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Ertrag steht, und eine Situation, die in einer Gesellschaft, in der Flexibilität und Mobilität großgeschrieben werden, zu einem echten Problem wird.

          Egal ob für den Großeinkauf, berufliche Termine oder die Fahrt in den Sommerurlaub - immer bin ich auf öffentliche Verkehrsmittel oder andere Fahrer angewiesen. Grund genug, das endlich zu ändern. Doch von dieser triefenden Erkenntnis dauerte es fast ein weiteres Jahr, bis ich den Mut fasste, mich der Angst mit professioneller Hilfe zu stellen.

          Individuelle Trainingseinheiten für Menschen mit Fahrangst

          Die Mannheimer Fahrlehrerin Jasmin Platero Weber hat sich in ihrer Fahrschule auf Menschen mit Fahrangst spezialisiert. Neben der allgemeinen Ausbildung für den Führerschein bietet sie auch sogenannte Auffrischungsfahrstunden gegen die Angst vor dem Fahren an. Zwei- bis dreimal wöchentlich ist Platero Weber mit Menschen unterwegs, denen Bremsen, Gasgeben und Hupen Schweiß auf die Stirn treiben. Dabei unterscheidet sich das Coaching grundlegend von den sonstigen Übungsstunden. Während normale Fahrschüler einen festgelegten Katalog bis zur Prüfung abarbeiten, sind die Trainingseinheiten und Fahrtstrecken der Menschen mit Fahrangst, auch Amoxophobie genannt, individuell auf die einzelnen Schüler angepasst. „Es ist vergleichbar mit einem Buffet. Ich gehe hin und schaue, was vorhanden ist und welche Schüsseln aufgefüllt werden müssen“, beschreibt die 44 Jahre alte Fahrlehrerin ihre Arbeit.

          Für die meisten Menschen gehört Autofahren zum Alltag. Bei anderen sorgt der Gedanke daran für Herzrasen, schweißnasse Hände und schlaflose Nächte.

          Bevor es richtig ernst wird, tastet Platero Weber bei einer Tasse schwarzem Tee behutsam meine Fahrvergangenheit ab: Wie war die Stimmung in der Fahrschule? Wie fahren die Eltern? Kam es zu einem Unfall? Welche Situationen machen mir am meisten Angst?

          Schneller als mir lieb ist, sitze ich dann auch schon auf dem Fahrersitz des Fahrschulautos. Sitz-, Lenkrad- und Spiegeleinstellen ist kein Problem, doch der nächste Schritt gleicht einem Kopfsprung ins kalte Wasser: Wir fahren direkt in die Mannheimer Innenstadt. Obwohl ich mir äußerlich nichts anmerken lasse, spielt mein Körper verrückt: Das Herz rast, die Atmung wird flacher und das linke Knie zittert so sehr, dass ich kaum die Kupplung durchtreten kann. Auf einer Skala von eins bis zehn schätze ich mein Stresslevel auf neun. Platero Weber ermutigt mich vom Beifahrersitz aus: „Das läuft doch ganz gut. Ich hatte auch schon Schüler, die konnten das Lenkrad vor lauter Schweiß gar nicht mehr greifen. Andere rissen die Hände weg und schrien.“ Beruhigende Aussichten.

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