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Andamanen und Nikobaren Paradiese des Schreckens

29.12.2004 ·  Von den Andamanen und Nikobaren, wo viele Opfer befürchtet werden, dringt kaum etwas nach außen. Zu zwei Inseln besteht noch immer kein Kontakt. Kleine Urvölkerstämme könnten ausgelöscht worden sein.

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Aus den Schreckensnamen der südostasiatischen Katastrophengebiete ragen einige heraus, weil es dort besonders viele Opfer gab oder weil bislang nur vage, aber beunruhigende Nachrichten von dort zu erhalten sind. Von den kaum zu erreichenden Andamanen und Nikobaren etwa kommen solche Nachrichten.

Auf den Inseln nordwestlich Sumatras - sie liegen nahe am Epizentrum des Seebebens - sind offenbar weit mehr als 3.000 Bewohner ums Leben gekommen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz teilte zudem mit, auf der zu Indien gehörenden Inselgruppe würden noch Tausende Bewohner vermißt, die vermutlich ebenfalls tot seien.

Keinerlei Kontakt zu zwei Inseln

Die Angaben gehen zum Teil zurück auf ein Telefon-Interview, das ein indischer privater Fernsehsender mit dem stellvertretenden Polizeipräsidenten der Region führte. Demnach sind vor allem auf der Insel Car Nicobar viele Todesopfer zu beklagen. Die bis zu sieben Meter hohen Wellen hätten dort alle Dörfer und die Küstenstraße weggespült. Unter den Toten seien auch etwa 100 Soldaten der indischen Luftwaffe, die auf einer dort gelegenen Basis stationiert gewesen seien.

Von den etwa 300 Inseln der Andamanen- und Nikobaren-Gruppe - Gesamtfläche etwa 8.300 Quadratkilometer, Ausdehnung über gut 700 Kilometer - sind gut dreißig bewohnt. Zu zweien dieser besiedelten Inseln mit je etwa tausend Bewohnern gab es auch am Dienstag noch keinerlei Kontakt. Die Einwohnerzahl aller Inseln wird auf 250. 000 geschätzt, gut ein Drittel von ihnen lebt in Port Blair, der Hauptstadt des indischen Unionsterritoriums auf der Insel Süd-Andaman. Sie ist benannt nach Archibald Blair, einem jungen britischen Offizier der Ostindienkompanie, der den natürlichen Hafen gegen Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte.

Besuchseinschränkungen zum Schutz der Ureinwohner

Viele Bewohner sind Neusiedler aus den großen Städten Indiens. Vom Flughafen der Hauptstadt gehen Linienflüge nach Kalkutta und Madras, auch gibt es regelmäßige Schiffsverbindungen zum indischen Festland. Touristen brauchen eine amtliche Einreiseerlaubnis für den Besuch der Inseln; die meisten Eilande sind nur für Tagesausflüge freigegeben. Das fischreiche und unberührt-glasklare Meer zieht vor allem Taucher und Schnorchler an. Die Besuchseinschränkungen gelten dem Schutz der Ureinwohner, die seit der Steinzeit dort siedeln und in den Regenwälder-Reservaten einiger Inseln zum Teil noch in vollkommener Abgeschiedenheit als Jäger und Sammler leben, etwa die Jarawas, Onges, Nikobaren, Schompen und Sentileser. Einige der Urvölkerstämme, zum Beispiel die Schompen auf der größten Nikobaren-Insel "Great Nicobar", sind durch den Kontakt mit der Zivilisation auf wenige hundert Personen geschrumpft und vom Aussterben bedroht.

Die Inselgruppe wurde von arabischen Kaufleuten schon im neunten Jahrhundert angesteuert. Im Zeitalter des Kolonialismus gehörten Teile von ihr sogar einmal zur österreichischen Kolonie auf den Nikobaren (1778 bis 1783), und auch die dänischen Ostindienfahrer hißten hier ihre Flaggen. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts dann, als England Indien erobert hatte, wurden auch die Andamanen und Nikobaren Teil des britischen Weltreichs. Im Zweiten Weltkrieg hielten die Japaner die Inseln zeitweilig besetzt. Indisches Unionsterritorium wurden sie 1947 mit der Unabhängigkeit Indiens. Als Sehenswürdigkeit der Hauptstadt Port Blair gilt das um 1900 von den Briten erbaute Gefängnis. Sie nutzten die Insel als Strafkolonie. Im "Cellular Jail" internierten sie auch indische Freiheitskämpfer.

Fluggäste, die am Sonntag aus Port Blair kommend in Kalkutta gelandet waren, hatten von zahlreichen Todesopfern und großen Verwüstungen auf den Andamanen und Nikobaren berichtet. Die Straße zum Flughafen habe große Risse, auch die Landebahn am Flughafen. In den Flutwellen seien im Hafen auch große Schiffe gesunken. Der Flug- und Schiffsverkehr nach Port Blair ist seitdem unterbrochen.

Quelle: wer., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2004, Nr. 304 / Seite 8
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