Herbert van Hasselt hat die staubigen Stiegen erklommen, ohne seinen Anzug zu beschmutzen. In makelloser Montur steht der Direktor auf dem Turm der Oude Kerk, die seine Stiftung bewahren soll. Er blickt auf Grachten, Gassen und Gruppen asiatischer Touristen, die sich schon am Mittag durch das Rotlichtviertel führen lassen. Hier und da leuchtet rot eine Reklame. Van Hasselt lächelt versonnen. „Hier unten gibt es 8000 Huren. Man hört nichts. Amsterdam.“ Doch 50 Meter tiefer, im gotischen Kirchenraum, bedrückt die Stille van Hasselt eher. Eine einzige Touristin schlendert im ältesten Baudenkmal der Stadt über die 2500 steinernen Grabplatten, unter denen 10.000 Amsterdamer aus 35 Generationen ruhen.
Aber van Hasselt hofft. Bald schon könnten mehr Kulturbeflissene kommen. Denn die Stadt will ihr weltberühmtes Rotlichtviertel unter den Scheffel stellen: Fensterprostitution und Marihuanaverkauf sollen ausgedünnt, gute Gastronomen angelockt werden. Die Hemmschwelle soll sinken für Besucher, die sich nicht für leichte Mädchen, billige Imbisse, schamlose Sexkinos und wabernde Haschischschwaden begeistern können, aber gern einmal die letzte Ruhestätte von Rembrandts Frau sähen. Saskia van Uijlenburghs Grabplatte hat die Nummer 29, und wenn es nicht regnet, fällt jedes Jahr am 9. März ein Sonnenstrahl darauf.
„Die Touristen kommen zu neunzig Prozent wegen der Mädchen“
Slim Gharbi hat für solche Attraktionen keinen Sinn. Der Bordellbetreiber hastet über den Kirchplatz. „Die Touristen kommen zu neunzig Prozent wegen der Mädchen in unsere Stadt“, behauptet er, „nicht wegen Van Gogh und diesen Dingen.“ Die Turmglocke hat gerade zwölf Uhr geschlagen, rund um das Gotteshaus werden die Vorhänge von den Glastüren der flämischen Häuschen zurückgestreift. Überwiegend ältere Frauen aus der Karibik sind es, die jetzt wieder in ihren Schaufenstern die Alte Kirche umzingeln. Acht Stunden lang werden sie heute um Gunst und Geld der Freier buhlen.
Slim Gharbi vermietet lieber an jüngere Frauen. Seine „Hurenfenster“ liegen um die Ecke im Wijde Kerksteeg. Er durchschreitet die düstere Gasse und betritt das Erdgeschoss eines Backsteinhauses, wo sich entlang eines schmalen Korridors neun Frauen in neun Schaufenstern im Bikini präsentieren. Eine seiner Mieterinnen hat ihn angerufen. Jugendliche lungerten vor ihrem Fenster herum, minderjährige Marokkaner, ob er sie nicht vertreiben könne. Aber die Jungs sind schon weg, als Gharbi kommt. Die Thailänderin, deren eigenes Volljährigkeitsfest auch noch nicht sehr lange her sein kann, spricht Deutsch mit ihrem Vermieter.
„Das sind meine Fünf-Sterne-Zimmer“, prahlt der Bordellbetreiber
Am Vormittag hatte sie Gharbi in seinem Büro 110 Euro gezahlt und ihren Pass sowie ihre Aufenthaltsgenehmigung gezeigt. Dafür darf sie heute zwischen 12 und 20 Uhr in dem Acht-Quadratmeter-Raum arbeiten. „Das sind meine Fünf-Sterne-Zimmer“, prahlt der Bordellbetreiber. An der Pritsche kann es nicht liegen, auch die Lampe leuchtet lieblos auf den Kachelboden. Die drei Alarmkordeln wiederum sind Standard im Rotlichtviertel „De Wallen“, genauso wie die Kameras an jeder Straßenecke. Und die restlichen Utensilien, das Laken, die Kondome, die Flasche Cola und die Küchenrollen, hat die freiberufliche Sexarbeiterin selbst mitgebracht.
„Die Lage macht's“, erklärt Gharbi. Drüben, am Oudezijds Achterburgwal, wo er einige „Vier-Sterne-Fenster“ für 15 Euro weniger vermiete, strömten zwar jeden Tag Hunderttausende vorbei. Aber da sei nur einer von hundert ein potentieller Kunde. „Die anderen gaffen nur“ - oder sie sind auf dem Weg zur Uni, die ebenfalls an der malerischen Straße liegt. Hier jedoch, im Gässchen hinter der Kirche, sei jeder zweite Passant auf der Suche nach Sex.
Die Designer zahlen keine Miete und können jederzeit hinausgeworfen werden
Aber wie lange noch? Der Stadtrat hat zwar noch gar nichts beschlossen. Doch Bürgermeister Job Cohen und seine Verwaltung haben mit dem großen Aufräumen längst begonnen. Ihren bisher größten Coup landeten sie vor anderthalb Jahren, als eine halbstädtische Wohnungsbaugenossenschaft dem „dicken Charles“ Geerts mehr als 50 Bordellfenster abkaufte. 25 Millionen Euro bekam er dafür - die Steuerzahler ersetzten dem Rotlicht-Mogul seinen Verdienstausfall.
Umbauen lassen konnte die Stadt die Häuser ohne einen Beschluss des zögerlichen Stadtrats allerdings nicht. Deshalb überließ sie die schmalen Kammern hinter den Glastüren erst einmal jungen Modeschöpfern und Designern. Wo früher halbnackte Frauen von innen an die Scheiben klopften, um männliche Augenpaare auf ihre Reize zu lenken, stehen nun extravagant gewandete Plastikmannequins, baumeln Stöckelschuhe in güldenen Vogelkäfigen oder schmiegen sich Colliers aus Porzellantellerscherben auf Samtkisschen. Jedes fünfte der knapp 500 Bordellfenster wurde bisher auf diese Weise zweckentfremdet. Die Designer zahlen keine Miete - und können jederzeit hinausgeworfen werden, wenn die Stadt weiß, was sie mit den Immobilien anfangen will.
Ein bisschen Moulin-Rouge-Atmosphäre muss auch bleiben
Der Stiftungsdirektor der Oude Kerk hofft, dass bald schicke Cafés auf dem Kirchplatz aufmachen, wo es außer Sex und Designobjekten bisher nur Haschisch und Marihuana im Koffieshop „Old Church“ zu kaufen gibt. „Dies hier war früher die Hafenkirche von Amsterdam“, doziert van Hasselt, „hier gab es immer Prostituierte. Ein bisschen Moulin-Rouge-Atmosphäre muss auch bleiben. Aber es ist gut, dass die Stadt jetzt etwas tut.“ Gerade erst wurden zwei Freiluftpissoirs vor seine Kirche gestellt, um Mauerwerk und Grachtenwasser vor den allabendlichen Junggesellenabschieden und Saufgelagen zu schützen. An jedem der grauen Plastikungetüme, bar jeder Sichtbarriere, können sich vier Männer gleichzeitig erleichtern.
Slim Gharbi mag seine neuen Nachbarn aus Hollands Mode- und Designhochschulen nicht willkommen heißen in De Wallen. „Diese Designer sind doch ganz gewöhnliche ,Anti-Kraker'.“ Das ist ein übles Schimpfwort in Amsterdam, wo sich Immobilienbesitzer gegen Hausbesetzer (“kraker“) zu schützen pflegten, indem sie leerstehende Wohnungen mittellosen Studenten übergangsweise gratis überließen - die von den Linken dafür als reaktionäre Spießer verdammt wurden.
Mode versus Sex
Der Modedesigner Edwin Oudshoorn bestreitet gar nicht, dass er aus Sicht der Gemeinde in etwa diese Rolle spielt, nur nennt er sich lieber „Hausmeister“. Es war gar nicht so einfach, seinen großen Arbeitstisch über das gekachelte „Bett“ zu wuchten, als ihm die Stadt das Atelier vor einem Jahr kurzfristig angeboten hatte. Eigentlich brauchte er mehr Licht und mehr Platz, aber er will sich nicht beklagen. Nur der große Ideologie-Streit „Mode versus Sex“ nervt den Achtundzwanzigjährigen, dem seine schwarzen Lederstiefel über der jägergrünen Cordhose fast bis zu den Knien reichen. „Überall sind Prostituierte, ich bin Schneider. Zwei der ältesten Berufe im ältesten Viertel der Stadt. Wo ist das Problem?“
Die obrigkeitliche Beseitigung manches Konkurrenten bessert Gharbis Bilanz in der Rezession auf. Aber freuen kann er sich nicht darüber, denn auch seine Firma, „La Vie en Rose“, ist von der Schließung bedroht. Seit in Amsterdam die Betreiber von Bordellen, Koffieshops oder Kneipen selbst beweisen müssen, dass die Finanzierung ihrer Etablissements von A bis Z mit rechten Dingen zugegangen ist, muss Gharbi vor Gericht um seine Lizenz kämpfen. „Die können mir den Laden schließen, nur weil sie irgendwelche Gerüchte hören“, ereifert er sich.
„Alles müssen wir auch nicht tolerieren!“
Bürgermeister Cohen bestreitet, dass die Kommune ihre neuen Möglichkeiten zur Geldwäschebekämpfung missbrauche, um damit Stadtplanung zu betreiben. Im Rathaus ist von „Minisupermärkten“ und Souvenirshops die Rede, die im Monat nur zwei Kunden hätten und doch hohe Umsätze auswiesen. Viele Menschen fänden, gibt Cohen zu, das Rotlichtviertel gehöre zur Amsterdamer Folklore. „Da habe ich auch gar nichts dagegen“, fügt er rasch an, „aber man darf nicht die harte Wirklichkeit übersehen, die bisweilen dahintersteckt.“ Erkläre er, was hinter den roten Vorhängen oder an der sprichwörtlichen Hintertür der Koffieshops immer wieder passiere, rede er also über Drogenbanden und Menschenhändler, dann sagten ihm viele Amsterdamer: „Alles müssen wir auch nicht tolerieren!“
Gharbi beteuert, er tue alles für Recht und Ordnung. „Ich bin der verlängerte Arm der Polizei.“ Er freue sich, etwas für die Gesellschaft tun zu können, wenn er jeden Verdacht auf Zuhälterei sofort melde. Natürlich sei es mit dem Geld in seiner Branche nicht ganz einfach, gibt er zu, denn reguläre Bankkredite seien auch nach der Legalisierung der Prostitution vor gut acht Jahren kaum zu bekommen. Aber er habe nichts zu verbergen. Im ältesten Gewerbe der Welt gebe es ohnehin nichts Transparenteres als die holländische Fensterprostitution.
Wer weiß, fügt Gharbi an, ob ohne den Sanierungsplan von Cohen und Co. nicht die Frau noch leben könnte, die kürzlich in einem seiner Zimmer ermordet wurde. „Bis vor kurzem saßen gegenüber ihrem Fenster andere Mädchen. Jetzt stehen da tote Schaufensterpuppen. Die konnten die Polizei natürlich nicht anrufen.“
Weniger Touristen???
Jitzak Tanenbaum (tanenbaum)
- 20.04.2009, 19:35 Uhr