21.11.2006 · Wie verarbeiten Betroffene die traumatischen Folgen eines Ereignisses wie in Emsdetten? Die Traumatherapeutin Alina Wilms betreut seit 2004 die Schüler, die das Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium überlebten.
Momente, in denen der gewöhnliche Lauf der Dinge aus den Fugen gerät, wie es jetzt in Emsdetten geschah, können traumatische Verletzungen hinterlassen. Ein falscher Umgang mit diesen Verletzungen kann ein ganzes Leben aus der Balance werfen, vor allem unmittelbar nach dem Ereignis, wenn die psychische Konstitution noch labil ist. Die Traumatherapeutin Alina Wilms spricht von einem „Trauma nach dem Trauma“. Nicht nur während des traumatischen Ereignisses sei es charakteristisch, daß die Betroffenen keine Kontrolle mehr über sich und die Situation hätten. Auch in der unmittelbaren Folge wisse keiner, wie es weitergehen solle. Man müsse dann alles dafür tun, die aus den Fugen geratene Ordnung wieder in feste Bahnen zu lenken. Weil selbst die Polizisten vor Ort zu sehr in den Ereignisablauf verstrickt seien, müsse Hilfe von außen kommen, von Psychologen.
Alina Wilms hat das fünf Jahre lang getan. Nach dem Massaker, das der Schüler Robert Steinhäuser im Jahr 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium anrichtete, leitete sie die psychologische Betreuung der Lehrer und Schüler. Von einem Amoklauf will sie in beiden Fällen, Erfurt und Emsdetten, nicht sprechen. Die Taten seien vorbereitet gewesen und nicht aus dem Affekt gekommen. Wilms erinnert sich an den chaotischen Beginn. Weil es vorher keine derartigen „Großschadensereignisse“ (wie es die Technokratensprache der Krankenkasse bezeichnet) gegeben hatte, standen fertige Konzepte nicht zur Verfügung.
Auch beiläufig Beteiligte manchmal traumatisiert
Zunächst ging es darum zu klären, wer als psychologischer Betreuer in Frage kommt. In der Folge wurde der Kreis der Betroffenen definiert. Nicht nur Personen, die das Ereignis direkt erlebt hatten, bedroht worden waren oder vor Robert Steinhäusers Sturmlauf hatten fliehen müssen, zählte Wilms damals zu den Betroffenen. Auch nur beiläufig an der Situation Beteiligte können traumatisiert werden. Es sei daher wichtig, auch Lehrer und Eltern in die Betreuung einzubeziehen, und es sei wichtig, die irreal wirkenden Vorläufe sinnlich greifbar zu machen. Die Hilfe des Psychologen besteht daher vor allem darin, die Traumatisierten gegen Angstvorstellungen zu immunisieren, die sich in der Folge des Traumas heranschleichen und die sich an scheinbar banalen Reizen entzünden können. In den ersten Stunden und Tagen tat Wilms alles dafür, die Schüler gegen belastende Reize abzuschotten. Man dürfe ihnen in dieser Zeit nichts aufdrängen und nur auf expliziten Wunsch über das dramatische Ereignis reden.
Die Erfurter Traumaspezialistin unterscheidet drei Phasen der psychologischen Betreuung: In einer ersten Phase, der Psychoedukation, klären die Traumatherapeuten darüber auf, welche Symptome (wie Schlafstörung, Konzentrationsstörung oder Reizüberempfindlichkeit) sich einstellen können. Es gilt, den Betroffenen das Erstaunen und Erschrecken über sich selbst zu nehmen, wenn sie sich verändert wahrnehmen. In der zweiten Phase sollen imaginative Übungen feste Vorstellungsräume ausbilden, die unwillkommene Assoziationen gegebenenfalls überdecken können. Wilms spricht beispielhaft von einem inneren Tresor, in den man den imaginären Film hineinlegt, den man sich von dem Ereignis gedreht hat.
In der letzten Phase, der Traumkonfrontationsphase, ging die Therapeutin mit den Schülern in das Schulgebäude, genau auf den Wegen, die sie damals auf der Flucht vor Robert Steinhäuser entlang gerannt waren. „Jeder hatte sich vorher eine Art eigenes Drehbuch zurechtgelegt und konnte sich daher in der Situation zurechtfinden.“ Bis das Trauma aufgearbeitet sei, könnten jedoch viele Jahre vergehen. Auch jetzt, mehr als vier Jahre nach dem Massaker, muß sich Wilms noch häufig mit den Folgen des Ereignisses beschäftigen.