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Freitag, 17. Februar 2012
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Amokläufer von Emsdetten „Ich wurde getreten und bespuckt“

23.11.2006 ·  In einem Abschiedsvideo hat der Amokläufer Sebastian B. die Gründe für seinen Haß genannt. Darin beschreibt er sich als Opfer, das endlich Rache nehmen will. Mitschüler berichten, der Täter habe eine „Todesliste“ angelegt.

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Der Amokläufer, der am Montag in der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten wahllos um sich geschossen und 37 Personen verletzt hatte, hat ein Abschiedsvideo hinterlassen. In dem Video, das im Wohnzimmer seines Elternhauses entstand, nennt Sebastian B. die Gründe für seinen Haß auf die Schule, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. In dem Film trug der 18jährige ein schwarzes T-Shirt.

„Seit der 1. Klasse war ich ein Verlierer“, sagt er in englischer Sprache. Er sei getreten und bespuckt worden. Von sich selbst sagt er: „Ich war kein Mensch, ich war göttlich.“ Und weiter: „Ich habe das Massaker geplant und wollte alle töten.“ Das Video endet mit dem Satz: „Das ist Krieg.“ Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, daß der Achtzehnjährige mit Abschiedsbrief, Abschiedsvideo und anderen Einträgen bewußt Spuren im Internet gelegt hat, um sich nach seinem Selbstmord öffentlich zu rechtfertigen.

„Todesliste“ aufgetaucht

Mitschüler sollen zudem im Besitz einer „Todesliste“ sein, die Sebastian B. angelegt haben soll. Darauf sollen nach einem Bericht der „Münsterschen Zeitung“ die Namen mehrerer Lehrer notiert sein. Staatsanwalt Wolfgang Schweer bestätigte am Donnerstag in Münster nur, es habe eine Liste mit Namen gegeben. „Wir nennen das aber nicht eine Todesliste.“

Nach Informationen der Zeitung sollen zwei Schülerinnen in Besitz der Liste sein, auf der der 18jährige die Namen handschriftlich notiert habe. Sie weigerten sich derzeit aber, diese herauszugeben.

Waffen bei „eGun“ erstanden

Unterdessen sind weitere Details über den Täter bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft Münster bestätigte, daß Sebastian B. sich seine Waffen teils über das Internet besorgt habe. Auf einer Homepage des ehemaligen Schülers seien Verbindungen unter anderem zum Internet-Auktionshaus eGun in Darmstadt festgestellt worden, dem die Stadt Darmstadt im Juli 2006 die Erlaubnis für den Handel mit Waffen erteilt hatte.

Die Internet-Plattform eGun bestätigte, daß der Täter im Oktober und November bei drei Auktionen Waffen erworben hatte. Das bedeutet nach Ansicht der Staatsanwaltschaft jedoch nicht, daß sich die Verkäufer strafbar gemacht hätten. Die Hinweise auf die Waffenkäufe im Internet will die Staatsanwaltschaft nun genau klären. Der Achtzehnjährige hatte bei der Tat am Montag unter anderem zwei Vorderladerwaffen bei sich, die für Erwachsene frei erhältlich sind.

Schule vorerst geschlossen

Nach Angaben der Behörden wurden bislang im Zusammenhang mit der Bluttat mehr als 100 Menschen vernommen, darunter Opfer, Augenzeugen und Angehörige. Weitere Ermittlungen sollten folgen. In Emsdetten fand am Mittwoch morgen ein ökumenischer Gottesdienst statt; der Münsteraner Weihbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, sprachen vor Schülern, Eltern, Einsatzkräften und Mitbürgern. In einem Kulturzentrum in der Innenstadt kümmerten sich anschließend abermals Seelsorger und Psychologen um Schüler der Klassen fünf bis sieben.

Die Geschwister-Scholl-Realschule bleibt vorerst weiter geschlossen. Das sagte Emsdettens Bürgermeister Georg Moenikes. Das Schulgebäude werde rund um die Uhr von der Polizei bewacht. Es müsse ausgeschlossen werden, daß Bilder von den Schäden am Gebäude an die Öffentlichkeit dringen, sagte Moenikes. Darauf bestünden Psychologen. Ihre Arbeit könnte durch falsche Veröffentlichungen zunichte gemacht werden.

Tagebuch: „Eric Harris ist Gott“

Der Unterricht werde schrittweise in Ersatz-Klassenzimmern anderer Schulen wiederaufgenommen. Die Schüler würden auch während der Unterrichtszeiten von Psychologen betreut. Man wolle schnell wieder einen geregelten Unterrichtsbetrieb anbieten.

Am Mittwoch wurden auch Auszüge aus dem Tagebuch des Täters bekannt. Demnach verehrte Sebastian B. die Täter des Schulmassakers von Littleton (Colorado), die am 20. April 1999 dreizehn Menschen und sich selbst getötet hatten. „Eric Harris ist Gott“, schrieb Sebastian B. nach einem Bericht der „Bild“ in sein Tagebuch über einen der Täter: „Es ist erschreckend, wie ähnlich Eric mir war.“

„Mir wird das Gehirn weggeblasen!“

Nach dem Bericht verbrannte der Amokläufer in der Nacht vor der Tat die Aufzeichnungen, schickte aber eingescannte Seiten per Mail an Freunde. Am 18. November heißt es in dem Tagebuch: „In drei Tagen ist alles vorbei! Die Leute werden tot auf dem Schulhof liegen, die Schule wird brennen, und mir wird das Gehirn weggeblasen!“

Am Vorabend schrieb er über seine Angehörigen, daß sie gute Menschen seien und er ihnen weh tun werde. Der letzte Eintrag aus der Nacht vor der Tat lautete: „That's it!“ - „Das war's!“

Polizei soll mehr im Internet surfen

Politiker reagierten mit Forderungen nach einer schärferen Internetkontrolle und einer Überprüfung der Waffengesetze auf den Amoklauf. Bayerns Innenminister Günter Beckstein (CSU) forderte eine stärkere Internetüberwachung durch die Polizei. Schwere Straftaten wie unerlaubter Waffenverkauf und die Beschaffung von Drogen über das Internet sollten verfolgt werden, sagte Beckstein der „Financial Times Deutschland“. Nach seiner Ansicht sollte die Polizei „im zunehmenden Umfang“ im Internet surfen.

Die derzeitige Überwachungspraxis müsse zudem ausgeweitet werden. „Bisher ist die Internetüberwachung stark auf Terrorismus und Kidnerpornographie fokussiert“, sagte der CSU-Politiker. Er forderte zugleich eine bessere Koordinierung zwischen den Bundesländern. Beckstein äußerte sich zuversichtlich, daß Bayern ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Videospielen durchsetzen kann. Vor sieben Jahren war das Bundesland mit einer Initiative im Bundesrat gescheitert. Beckstein will sowohl den Vertrieb als auch die Herstellung von so genannten Killerspielen in Deutschland verbieten.

Als Reaktion auf den Amoklauf in einer Schule in Emsdetten hatten Bayern und Niedersachsen Bundesratsinitiativen für ein Verbot von Killerspielen angekündigt, wie sie der Amokläufer intensiv gespielt haben soll. Auch Unionsfraktionsvize Bosbach hat eine Überprüfung der Waffengesetze gefordert. Wenn das Waffenrecht zunehmend unterlaufen werde, „müssen wir das rechtliche Instrumentarium überprüfen“, sagte Bosbach der „Passauer Neuen Presse“.

Quelle: FAZ.NET mit isk. und Material von AP, dpa, Reuters
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