28.11.2007 · Amok laufen immer nur Jungs - womöglich, weil sie merken, dass sie von gestern sind. Doch gerade jetzt feiern Bücher das Junge-Sein von einst. Antworten auf die Frage, wie ein Mann künftig sein müsste, liefern sie aber nicht.
Von Sascha LehnartzEs gibt wenige Felder, auf denen Jungen die Mädchen noch übertreffen. Eines davon ist der Amoklauf: 98 Prozent aller Amokläufer sind männlich. In der vergangenen Woche gerieten zwei Schulen im Rheinland in die Schlagzeilen, weil wütende junge Männer mit dem Gedanken gespielt hatten, ihre Lehrer und Mitschüler niederzumetzeln. Dass beide Schulen den Namen Georg Büchners tragen, ist ein seltsamer Zufall: Offenbar läuft der eine oder andere junge Mann „wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt“ - wie Büchners Woyzeck.
In Kaarst wurde das Georg-Büchner-Gymnasium am Dienstag geschlossen, nachdem finnische Ermittler in einem Internet-Chatforum Hinweise auf die geplante Attacke eines Schülers gefunden hatten. Am Freitag hatte sich ein Schüler des Büchner-Gymnasiums in Köln-Weiden das Leben genommen, nachdem er von Polizisten bei einer „Gefährderansprache“ mit Attentatsplänen konfrontiert worden war, die er angeblich bereits wieder verworfen hatte. Im Internet-Profil des 17 Jahre alten Rolf B. fanden sich fünf Bilder der beiden Attentäter, die 1999 an der Columbine High School 13 Menschen töteten. „So wird das gemacht, das sind unsere Helden“, stand darunter geschrieben.
„Ein bisschen psycho“
„Das fand ich schon ein bisschen psycho“, sagte der Schüler, der die Seite entdeckt und einen Lehrer darauf hingeweisen hatte, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Zahl der Jungen, die an deutschen höheren Schulen „ein bisschen psycho“ werden und andere Psychos als Helden verehren, steigt. Die Planung eines Amoklaufes sei meist der „Endpunkt einer Serie von Kränkungen“, sagt Jens Hoffmann vom Aschaffenburger „Institut für Psychologie und Sicherheit“, einer der führenden Amok-Forscher in Deutschland. Oft versuche sich ein Junge mit labilem Selbstwertgefühl durch eine solche Verzweiflungstat in Szene zu setzen. „Die wollen sich unsterblich machen“, sagt Hoffmann. „Sie glauben, durch den Vernichtungsakt die eigene Identität wiederherstellen zu können.“
Auffällig sei, dass solche Angriffe fast nur an höheren Bildungseinrichtungen stattfinden. Die Erkenntnis, dass der Arbeitsmarkt künftig fast nur noch Höherqualifizierten offensteht, scheine besonders auf jenen zu lasten, die fürchten, knapp an der Mindestanforderung „Abitur“ zu scheitern. „Es muss eine gewisse Fallhöhe da sein“, glaubt Hoffmann. Bei Hauptschülern ist der Frust womöglich geringer, da sie von vornherein niedrigere Erwartungen haben. Ist die Zunahme von gezielten Gewaltakten an Schulen - der erste dieser Art in Deutschland war die Tötung einer Lehrerin in Meißen 1999 - womöglich ein Symptom dafür, dass junge Männer jetzt erkennen, wie ihnen die Felle davonschwimmen, während Alpha-Mädchen locker an ihnen vorbeiziehen? Schwer zu sagen. Jens Hoffmann zumindest kann nach eigener Einschätzung nicht beurteilen, ob die Häufung von Attacken in Schulen Zeichen einer allgemeinen männlichen Identitätskrise sei.
„Jungenkatastrophe“ voll im Gange
Die Soziologin Britta Matthes vom „Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ in Nürnberg hält sich mit psychologisierenden Deutungen ebenfalls zurück. Sie vermutet aber, männlichen Jugendlichen sei durchaus bewusst, dass sie sich in einer Krise befinden: „Die müssen sehen, dass Mädchen eben schneller sind, die überholen jetzt.“ Britta Matthes hat bisher vorliegende Forschungsergebnisse über die sogenannte „Jungenkatastrophe“ ausgewertet und wird das Ergebnis in der nächsten Woche auf einer Fachtagung zum Projekt „Neue Wege für Jungs“ vorstellen, das vom Bundesfamilienministerium gefördert wird. Fast alle Daten im Hinblick auf Basiskompetenzen, Schulabschlüsse, Studienanfängerzahlen oder den Anteil der Höherqualifizierten belegen, wie stark Jungen ins Hintertreffen geraten sind. Überall seien ihnen Mädchen inzwischen voraus, jedoch betreffe dies bislang nur die Phase des Einstiegs ins Erwerbsleben; ältere Frauenjahrgänge hätten noch nicht profitieren können, sagt Frau Matthes. In der real existierenden Berufswelt seien die Geschlechterverhältnisse unverändert, Männer hätten weiter die Nase vorn: „Die Frage ist nur, wie lange noch?“
Damit die taumelnden Knaben mittelfristig nicht abgehängt werden, gibt es seit zwei Jahren das vom Familienministerium geförderte Projekt „Neue Wege für Jungs“, ein Netzwerk, in dem sich inzwischen 86 Initiativen in der „Jungenarbeit“ engagieren. Das heißt, sie arbeiten an der „Flexibilisierung männlicher Rollenbilder“ und am „Ausbau männlicher Sozialkompetenz“. Beides haben Jungen bitter nötig, glaubt der Soziologe Miguel Diaz, der das Projekt koordiniert. Die jüngste Shell-Jugendstudie habe gezeigt, dass Mädchen viel flexibler in ihren Rollenvorstellungen seien: Längst ergriffen sie „männliche“ Berufe, während Jungs zur Unbeweglichkeit neigten. „Neue Wege für Jungs“ bietet deshalb zahlreiche Programme an, in denen Jungen sich mit Berufsfeldern vertraut machen können, die sie bis dato als „weibliches Terrain“ betrachteten, etwa im Pflegebereich. Das werde ziemlich gut angenommen, versichert Diaz: Von etwa 4000 Projektteilnehmern, die man befragt habe, hätten sich rund 85 Prozent positiv geäußert. „Die Jungen merken, bei den Mädels hat sich etwas verändert, und jetzt muss sich auch bei ihnen etwas ändern, denn da ist etwas im Argen.“
Bewusstseinswandel nicht aufzuhalten
Die Kritik an solchen Projekten hat inzwischen nachgelassen. Anfangs wurde noch häufig argumentiert, wenn Jungs animiert würden, ihre Geschlechterrolle in Frage zu stellen, könne das „identitätszerstörend“ wirken. Diaz hält derartige Vorwürfe für verzweifelte Versuche, an überkommenen Vorstellungen von männlicher Identität festzuhalten. „Wenn ich das Argument höre, ,Jungs müssen auch mal wieder Jungs sein dürfen' - da werden meist exakt jene Stereotype bedient, die in der Realität entweder nicht anzutreffen oder gescheitert sind.“ Die heute gängigen Geschlechterkonzepte seien schließlich nicht naturgegeben, sondern hätten sich erst im 19. Jahrhundert durchgesetzt, glaubt Diaz.
Obwohl oder vielleicht gerade weil der Geschlechterbewusstseinswandel, den die Initiative „Neue Wege für Jungs“ vorantreibt, auf lange Sicht kaum aufzuhalten ist, bietet der Buchmarkt derzeit gleich mehrere Titel an, in denen wie zum Trotz das Junge-Sein nach Großväter Sitte gefeiert wird. Das Vorbild für diese nostalgische Pfadfinder-Veteranen-Literatur ist das „Dangerous Book for Boys“, das im vergangenen Jahr in Amerika ein Bestseller wurde. Die Autoren Conn und Hal Iggulden erklären in ihrem Werk Knabenkulturtechniken, die bei der heutigen Generation von Vorstadtbewohnern, die mit der Playstation sozialisiert wurden, meist brach liegen: wie man Papierflieger bastelt, Pfeil und Bogen schnitzt, Baumhäuser baut, Steine über das Wasser wirft, angelt oder pokert. Hinzu kommen Geschichten über „richtige Männer“, Kriegshelden, Freiheitskämpfer und Entdecker, eine Prise Konversationswissen, statistische Superlative sowie ein paar Benimmregeln und Tipps für den Umgang mit dem anderen Geschlecht.
Wie sieht eine zukunftstaugliche Männerversion aus?
Das Buch „Ein Mann, ein Buch“ des Autoren-Trios Eduard Augustin, Philipp von Keisenberg und Christian Zaschke ist eine charmante und hübsch ausgestattete deutsche Erweiterung dieses Konzepts, wogegen „Alles, was ein Mann wissen muss“ des „Playboy“-Reporters Oliver Kuhn ein flott dahingerotzter Versuch ist, mit dem bewährten Rezept eine schnelle Mark zu machen. Das Buch ist voller Schlampigkeiten und Fehler. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion wird auf 1933 vorverlegt, und die Erklärung, wie man ein Flugzeug landet, bleibt unvollständig. Sollte irgendein Mann versuchen, mit Hilfe dieser Informationen Eindruck zu schinden, muss er sich nicht wundern, wenn ihm in Kürze ein besser trainiertes Alphamädchen den Steuerknüppel aus der Hand nimmt. Die Autoren von „Ein Mann, ein Buch“ beweisen immerhin, dass sie sich die als tendenziell weiblich geltende Sozialkompetenz „Teamfähigkeit“ angeeignet haben. Außerdem deuten sie im Kapitel „Der Mann und die Frau“ eine gewisse Fähigkeit zur kritischen Reflexion der eigenen Geschlechterrolle an. Bei Kuhn dagegen gibt es wieder einmal „die besten Verführungstricks“. All diesen Männerkinderbüchern gemein ist jedenfalls, dass sie viele Tipps für Situationen geben, in die Mann kaum je gerät. Etwa, was man tun soll, wenn man von einem Braunbären angegriffen wird - und was, wenn es sich bei dem Angreifer um einen Eisbären handelt. Zukunftsrelevante Kenntnisse sind das nur, wenn der Klimawandel mehr Bären in die Städte treibt.
Mit der Frage, wie eine zukunftstaugliche Männerversion aussehen könnte, hat sich derweil die Werbeagentur Springer&Jacoby befasst, die in einer Studie die zehn gängigsten Männertypen in der Werbung untersucht hat. Auch die Werber konstatieren, dass die Rollenerwartungen zwischen Mann und Frau stark aufgeweicht seien und der neue Mann daher „zum Spieler“ werden müsse, der „zwischen den Rollenbildern“ jongliert. Nach dem feminisierten „metrosexuellen Mann“ und seinem Gegenstück, dem „retro-sexuellen“ Macho-Naturburschen, breche nun die Zeit des „neomaskulinen Mannes“ an, der weder Frauenrollen imitieren noch gegen sie opponieren müsse. Der Schauspieler Matt Damon verkörpere diesen Typus, ebenso der neue James-Bond-Darsteller Daniel Craig. Dieses „neue Leitbild“ des Mannes sei geprägt von der „Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit“. „,Sein Ding machen' ist für den Mann nach wie vor der Wert schlechthin“, sagt Malte Lenze, der bei Springer & Jacoby die strategische Planung leitet. „Während der Mann in den neunziger Jahren noch darum gerungen hat, ,soft' und ,männlich' zugleich zu sein, gesteht er sich jetzt ein, dass er beides zugleich nicht kann. Er zeigt zwar Gefühle, aber eben nur, soweit es geht. Dass Männer ihre Unzulänglichkeiten akzeptieren und lernen, mit ihnen zu leben - das ist das Neomaskuline“, glaubt Lenze.
Wenn alles gut geht, werden Männer also auch künftig noch „ihr Ding“ machen. Vorausgesetzt, sie schaffen vorher das Abi.
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