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Amerika Rock für Rassisten

08.11.2005 ·  Ein bizarres Projekt: Sie sind blond, blutjung - und können singen. Die Zwillinge Lamb und Lynx Gaede begeistern mit ihrem rechtsextremen Liedgut vor allem Neonazis in Amerika. „Prussian Blue“ gehören dort zu den prominentesten Botschaftern des Rassenhasses.

Von Meike Mai
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Sie haben ihre blonden Haare zu Pferdeschwänzen gebunden, reißen ihre blauen Augen weit auf und sehen dabei mit ihrem Zahnspangenlächeln und den kurzen Röckchen ziemlich niedlich aus. Und hinge nicht die Fahne mit der Lebensrune hinter ihnen, könnte man sich die Zwillinge ohne weiteres als Stars in jedem Kinderprogramm vorstellen. In Wahrheit aber sind Lamb und Lynx Gaede die neuen Ikonen der amerikanischen Nazi-Rockszene.

Einer ihrer bisher größten Hits ist ein Loblied auf Rudolf Heß: „Ein Mann des Friedens, der niemals aufgab“, trällern die beiden Dreizehnjährigen fröhlich daher, unterbrochen wird die Darbietung nur von ihren eigenen Zwischenrufen: „Strike Force! White Survival!“ Bei Konzerten vor Hunderten Zuschauern brüllen ihnen einige der Männer im Publikum immer wieder „Sieg Heil!“ entgegen, und nach Ende der Vorstellung schlägt den Mädchen donnernder Applaus entgegen.

Gerade weil sie eben nicht dem Klischee stiernackiger, tätowierter Glatzköpfe entsprechen, gehören „Prussian Blue“ in den Vereinigten Staaten zu den derzeit prominentesten Botschaftern des Rassenhasses, wobei ihre ehrgeizige Mutter April Gaede als eigentlicher Motor hinter dem bizarren Projekt steht. Seit die bekennende Rassistin vor vier Jahren der rechtsradikalen „National Alliance“ beigetreten ist, läßt sie gemeinsam mit dieser Organisation nichts unversucht, um aus ihren Töchtern rassistische Pop-Sternchen zu machen.

April Gaede ist selbst die Tochter eines im kalifornischen Fresno stadtbekannten Neonazis, der als Hufschmied und Viehzüchter seinen Pickup-Truck mit Nazi-Emblemen dekoriert hat und als Brandzeichen für seine Tiere ein Hakenkreuz registrieren ließ. Im Alter von zwanzig Jahren brach April Gaede ihr Studium ab und heiratete nach eigenen Angaben einen „haschrauchenden isländischen Stabhochspringer“.

Plattenvertrag über rechtsextreme „National Alliance“

1993 brachte sie die Zwillinge Lamb und Lynx (was auf deutsch Lamm und Luchs heißt) zur Welt, aber obwohl ihr Ehemann „gute Gene für arischen Nachwuchs lieferte“, wie April Gaede treuherzig bekundet, ließ sie sich drei Jahre später von ihm scheiden. Später klagte sie in einem Interview über „die vielen verlorenen Jahre, in denen ich vier bis sechs Kinder hätte produzieren können, die die gleichen idealen eugenischen Qualitäten haben wie Lamb und Lynx“.

Nach einer kurzen Karriere als Pferdetrainerin verlagerte April Gaede ihren Wohnsitz ins kalifornische Bakersfield, um fortan „meine Energie in meine Kinder zu stecken“, wie sie sagte. Als erstes verschaffte sie den Zwillingen einen Auftritt vor dem Patriarchen der rechtsextremen „National Alliance“, William Pierce. Der war offenbar begeistert von dem Ständchen und vermittelte die Kinder an das organisationseigene Plattenlabel „Resistance Records“.

Unterstützung des „Ku Klux Klan“

Dessen Manager und Pierce-Intimus Erich Gliebe sieht den soften Folk von „Prussian Blue“ als ideale Ergänzung zur ansonsten eher härteren Kost seines Hauses und hofft, endlich auch eine junge und möglichst weibliche Zielgruppe zu erreichen. Eine erste CD erschien Ende 2004 unter dem Titel „Fragments of the Future“, offizielle Verkaufszahlen gibt die Plattenfirma bisher nicht bekannt. Allerdings verkaufe sich das Machwerk „wie heiße Cookies“, heißt es bei den Produzenten.

Nicht nur das Plattenstudio promotet die Mädchen, inzwischen ist auch der erzrassistische „Ku Klux Klan“ auf „Prussian Blue“ aufmerksam geworden und schaltet deren Werbebanner auf seiner Internetseite. Dessen ehemaliger Vorsitzender David Duke hatte schon während diverser politischer Kundgebungen auf die musikalische Unterstützung von „Prussian Blue“ gesetzt.

Bürgerrechtsorganisationen beobachten die wachsende Popularität der Zwillinge mit Besorgnis, begnügen sich bisher jedoch mit Appellen gegen deren Aktivitäten. In der Heimatstadt der Mädchen ist man ebenfalls nicht sonderlich begeistert von den beiden mittlerweile prominenten Einwohnerinnen: Nach Beschwerden von Bürgern und einem entsprechenden Bericht in der Lokalzeitung „The Bakersfield Californian“ sagten die Organisatoren eines beliebten Volksfestes den Ende Oktober geplanten Auftritt von „Prussian Blue“ aus „Sicherheitsgründen“ ab.

Für Lamb und Lynx Gaede eine völlig unverständliche Diskriminierung: „Wir schämen uns nicht für den Inhalt unserer Lieder, die ganz offensichtlich für die weiße Rasse sind.“ Allerdings wüßten sie jetzt, daß sie damit nicht auf allen Veranstaltungen willkommen seien. Durchhalteparolen kommen auch von ihrer Mutter: „Ich glaube, Lynx und Lamb können Pioniere werden, die die nationalistische Musik in das Bewußtsein normaler weißer Männer und Frauen bringen.“

„Rassenbewußter“ Heimunterricht

Für April Gaede, die auch als Managerin ihrer Töchter auftritt, ist Rassenhaß eine Frage der richtigen Erziehung. Ihre eigenen Kinder hat sie von der Schule genommen, um ihnen zu Hause selbst Unterricht zu erteilen. Und weil es diesbezüglich in Kalifornien keine Vorschriften gibt, erzählt April Gaede auch recht freimütig, daß sie sich an keine Lehrpläne halte. Für ihren „rassenbewußten“ Unterricht verwende sie vielmehr Lesefibeln, die das Alphabet mit A wie arisch, B wie Blut und E wie Eugenik erklären, außerdem sei sie in Antiquariaten ständig auf der Suche nach Büchern, die vor 1950 erschienen sind, „also bevor sich Bürgerrechte und Feminismus so offenkundig in den Schulbüchern niedergeschlagen haben“.

Mit Artikeln über Erziehungsfragen für das Verlautbarungsorgan der „National Alliance“ positioniert sich April Gaede auch innerhalb der Organisation als Vorzeigemutter. Ausführlich beschreibt sie, wie ihrer Meinung nach ein idealer Familienausflug auszusehen habe (möglichst an geschichtsträchtige Orte), und illustriert das Ganze mit Schnappschüssen aus ihrem eigenen Urlaub mit der Familie. Diese besteht seit einem Jahr noch aus einer weiteren Tochter, der April Gaede und ihr neuer Ehemann den sinnfälligen Namen „Dresden“ verpaßt haben.

Pseudogermanische Anleihen scheinen im Hause Gaede ohnehin eine große Rolle zu spielen: Auf dem Cover des ersten Albums von „Prussian Blue“ sind die zwei blonden Mädchen im Dirndl auf einer Blumenwiese zu sehen; als die Zwillinge später durch die Vereinigten Staaten tourten, traten sie in der gleichen Tracht auf.

Den Bandnamen „Prussian Blue“ wiederum wählten die Zwillinge (beziehungsweise deren Mutter) nach eigenen Angaben wegen des „preußisch blauen“ Blutes in ihren Adern. Daß „Preußisch Blau“ auch als Rückstand von Zyklon B in den Konzentrationslagern bekannt ist, dürfte wohl als kleiner Wink an die Insider unter den Fans der Girlgroup verstanden werden. Die Zwillinge selbst sprechen gern von einem „Mythos Holocaust“.

„Keine Grunz-Balladen“

Die von ihrer Mutter zu Nazi-Lolitas stilisierten Zwillinge sind auch abseits ihrer musikalischen Pfade aktiv: Im vergangenen Jahr wirkten die beiden als Darstellerinnen in einem Horrorfilm mit, eine eigene Website verzeichnet mehr als 1.300 offiziell registrierte Fans - nicht nur solche aus Amerika. Die Veröffentlichung einer zweiten CD steht kurz bevor, Ende des Jahres soll es soweit sein.

Bis dahin muß sich ein deutscher Händler rechtsradikaler Devotionalien noch damit begnügen, die alte Scheibe zu loben: „Schöne politische Lieder, keine Grunz-Balladen“. Um hierzulande nicht nur auf dem grauen Markt vertreten zu sein, hat April Gaede vorsorglich schon mal alle Nazi-Referenzen auf der CD entfernt - „weil in Deutschland so strenge Gesetze herrschen“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.11.2005, Nr. 44 / Seite 70
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