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Altersheim für Holocaust-Überlebende Mit den Erinnerungen nicht allein sein

Das erste Altersheim Israels für Holocaust-Überlebende steht in Haifa. Die Bewohner sind froh, dass ihnen dort jemand zuhört. Viele leiden im Alter wieder unter den Erinnerungen, die sie ein Leben lang loswerden wollten.

© Christian Rößler Kommt zur Ruhe: Miriam Kremin in ihrem neuen Zuhause

Im Pausenhof spielen die Kinder Fangen. Die hellen Stimmen sind bis ins Zimmer von Este Liber zu hören. Die zierliche Frau mit der großen Sonnenbrille ist erst vor ein paar Wochen in das Haus an der schmalen Seitenstraße im Zentrum von Haifa gezogen. Sie mag die Kinderstimmen, auch wenn sie so an schlimme Zeiten erinnert wird. Este Liber war so alt wie die jüngsten Kinder dort draußen, vielleicht fünf oder sechs Jahre, genau kann sie das nicht sagen, wie sie auch nicht weiß, ob sie heute 76 oder 77 Jahre alt ist. „Sie haben in Polen alles verbrannt. Es gibt keine Geburtsurkunde“, sagt sie auf Deutsch. „Nicht einmal ein Bild meiner Eltern habe ich.“

Hans-Christian Rößler Folgen:

Este Liber war ein fröhliches Mädchen mit blondem Haar und grünen Augen. Aber ihre Kindheit war an dem Tag vorüber, an dem die deutschen Soldaten in Ulanow einrückten. Sie konnte hören, wie sie ihren Vater erschossen. Ihrer Mutter und den vier Geschwistern gelang die Flucht in einen nahegelegenen Wald. Fast zwei Jahre versteckten sie sich dort, bis auch ihre Mutter eines Morgens, von deutschen Kugeln tödlich getroffen, neben ihr verblutete. Das kleine Mädchen überlebte. „Weil ich nicht jüdisch aussah, nahm mich eine christliche Familie auf“, sagt sie – und trocknet die Tränen, die unter den dicken Rändern ihrer Sonnenbrille über die Wangen rinnen.

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Die Erinnerungen wühlen sie auf: „Heute Nacht werde ich wieder nicht ohne ein Mittel schlafen können.“ Ihren neuen Nachbarn muss die frühere Krankenschwester jedoch nicht lange erklären, was ihr immer wieder den Schlaf raubt. Ihnen geht es ähnlich. Este Liber wohnt im einzigen Altersheim für Holocaust-Überlebende in Israel. Im Herbst konnten die ersten Bewohner einziehen, 65 Jahre nach der Befreiung der letzten Konzentrationslager. „Es ist gut, mit den Erinnerungen nicht allein zu sein“, meint sie. Im Alter quält viele die Vergangenheit stärker als in den Jahren, in denen sie mitten im Leben standen, arbeiteten und sich um ihre Familien kümmerten.

© afp Video: Zwei Auschwitz-Überlebende erinnern sich

Zwischen zwei Scherzen zeigt ein Mann seine tätowierte KZ-Nummer

Trotzdem leben sie nicht in einem Trauerhaus. Unten im Gemeinschaftsraum wird viel gelacht. Beim Mittagessen geht es zu wie in einer Großfamilie. Der Koch kommt selbst an den Tisch und bietet jedem die panierten Schnitzel an, die er gebraten hat. „Es gibt immer zu viel, aber es ist so gut, dass es zu schwer ist, nein zu sagen“, klagt lachend die Nachbarin von Este Liber. Die Frauen haben mehrere Tische zusammengeschoben und plaudern, nachdem zwei israelische Pfadfinder ihre Teller abgeräumt haben, noch lange weiter. Später schieben sie die Tische ganz zur Seite. Einmal in der Woche wird Musik gemacht, und sie singen zusammen.

Mittags kommt auch Josef Kiinstlich zum Essen, obwohl er gar nicht im Heim wohnt. Kaum hat er seinen Teller gefüllt, beginnt er mit den Frauen am Tisch zu scherzen. Rutscht dem 85 Jahre alten früheren Malermeister der Ärmel seines Hemdes hoch, ist die Nummer zu sehen, die ihm die SS auf den Unterarm tätowierte. Aus seiner Tasche holt er noch ein Erinnerungsstück hervor, eine Wertmarke mit der Aufschrift „SS-Standort Kantine, Buchenwald“. In dem KZ wurde er befreit. Zuvor hatte er Auschwitz und einen Todesmarsch überlebt. „Hoffentlich bekomme ich hier bald ein Zimmer. Meine Frau ist gestorben. Zuhause bin ich alleine, hier gibt es Leben“, sagt der Rentner auf Deutsch, das manchmal klingt, als käme es aus einer vergangenen Zeit.

Josef Kiinstlich ist einer der 1600 Namen auf der Warteliste des Altersheims, das die kleine israelische Organisation „Helfende Hände“ im September eröffnet hat. Im Augenblick gibt es Platz für 43 Bewohner, bald sollen es 140 sein. Etwa 210 000 Menschen, die Konzentrationslager, Getto und Verfolgung überlebt haben, leben heute in Israel. „Ein Viertel von ihnen braucht Hilfe. Wir wollen sie dabei unterstützen, damit sie in Würde alt werden können und dabei auch Freude am Leben haben“, sagt Schimon Sabag, der das Altersheim leitet. Vor ein paar Jahren hatte der zupackende Israeli für die „Helfenden Hände“ in Haifa eine Suppenküche aufgemacht. Ihn überraschte, wie viele Holocaust-Überlebende sich jeden Tag dort einfanden. Sie berichteten von Armut, Einsamkeit und kaum bezahlbaren Psychopharmaka. Sabag hielt sich an das jüdische Sprichwort „Gemeinsam findet man mehr Trost“ und machte sich mit Freunden an die Arbeit.

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