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Alphabetisierung "Diesseits von Sprachlosigkeit"

 ·  771 Millionen Erwachsene weltweit können nach Angaben der Unesco nicht richtig lesen und schreiben. Der Restaurantbesuch oder das alltägliche Einkaufen werden so zur Hürde. In Hamburg widmet sich jetzt eine Ausstellung dem Thema Alphabetisierung.

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In Deutschland gibt es vier Millionen „funktionale“ Analphabeten: Erwachsene, die trotz Schulbesuchs nicht ausreichend lesen und schreiben können. „Ausreichend lesen und schreiben“ - was heißt das in Deutschland? Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung erklärt es so: In jeder Gesellschaft gibt es eine durchschnittliche Lese- und Schreibfähigkeit, die man benötigt, um in ihr einigermaßen zurechtzukommen. In einer Industriegesellschaft werden größere Kompetenzen erwartet als in einem Entwicklungsland; vor 100 Jahren waren geringere Kenntnisse erforderlich als heute. Es ist also ein relativer Begriff, abhängig auch von Beruf und sozialer Schicht.

„Erwachsene, die hierzulande funktionale Analphabeten sind, können ungefähr so gut lesen wie Kinder in der ersten oder zweiten Klasse“, sagt Peter Hubertus, der Geschäftsführer des Bundesverbandes. Was darüber hinausgeht, bedeutet für diese Menschen: scheitern, versagen, verstecken. Etwa 90.000 Deutsche pro Jahr verlassen die Schule ohne Abschluss; wie viele sich aufgrund mangelnder Lese- und Schreibfähigkeiten mit anspruchslosen Billigjobs durchschlagen, ist kaum zu ermessen. „Deutschland hat ein Grundbildungsproblem“, sagt Hubertus, „und es nützt nichts, die Augen davor zu verschließen.“

771 Millionen Erwachsene können nicht richtig lesen und schreiben

Die Augen nicht davor verschlossen hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU): Das Ministerium unterstützt die weltumspannende Kampagne der Unesco, bis 2012 die Zahl der Analphabeten zu halbieren, mit 30 Millionen Euro. Nach Angaben der Unesco können 771 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. 70 Prozent von ihnen leben in nur neun Ländern der Erde, darunter Indien, China und Pakistan, zwei Drittel sind Frauen. Während die Chancen, das Unesco-Ziel zu erreichen, für die Entwicklungsländer jedoch als gut eingeschätzt werden - besonders wegen großer Fortschritte in China -, sind die Aussichten in Deutschland offenbar weniger rosig: Zurzeit besuchen nach Angaben des Alphabetisierungs- Bundesverbandes nur 25 000 Erwachsene in Deutschland Lese- und Schreibkurse. Hinzu kommen 20 000 Einwanderer, die mit der deutschen Sprache auch gleichzeitig Lesen und Schreiben lernen - insgesamt ist das nur ein halbes Prozent der Erwachsenen, um die es geht. Bislang wird nach Ansicht des Verbandes in den Bundesländern zu wenig unternommen, um mehr Leute in Schreibkurse zu bringen. Der Bund fördert inzwischen zwar Forschungs- und Modellprojekte in größerem Ausmaß denn je, doch kann er keine Kursplätze an Ort und Stelle einrichten. Dafür sind die Länder und Kommunen zuständig.

Auf das Problem macht jetzt eine Ausstellung eines freischaffenden Fotokünstlers aufmerksam, die an diesem Mittwoch in Hamburg eröffnet wird: Holger Jacobs nannte sein Kunstprojekt „Literacy as freedom“ und gewann Hamburgs Ersten Bürgermeister Ole von Beust (CDU) dafür, es in die Gestaltung eines Teils der Hamburger Hafencity zu integrieren. Jacobs, der nach dem Fotodesignstudium in München als Assistent von Peter Lindbergh und André Rau in Paris arbeitete, fotografierte dafür seit 2006 Prominente, digitalisierte, vergrößerte und verfremdete die Bilder und bat die Porträtierten um einen handschriftlichen Text zu einem frei gewählten Thema.

„Wir sind auch verantwortlich für das, was wir nicht tun“

„Meine Porträtierten sollten Sympathieträger sein, Menschen mit einem besonderen Bezug zur Freiheit, die Bildung mit sich bringt, Leute mit einem beispielhaften Lebenslauf oder beispielhaften Erlebnissen“, sagt Jacobs. Als Erster sagte der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu. Die Schauspielerin Iris

Berben war so begeistert von dem Projekt, dass sie schon zwei Wochen nach Jacobs' Anfrage in seinem Berliner Atelier stand. „Wir sind auch verantwortlich für das, was wir nicht tun“, legte sie als schriftliche Note bei. Auch Martin Walser, Peter

Zadek, Helmut Schmidt, Bob Geldof, Liz Mohn, Loriot, der Bariton Thomas Quasthoff und der Handball-Nationaltrainer Heiner Brand schickten Texte und sind nun auf meterhohen Porträts in Hamburg zu sehen.

Bundesministerin Annette Schavan schließlich kam in einer Mittagspause zu Fuß vom Ministerium herüber in Jacobs' Atelier - ohne Bodyguards oder Referenten: „Guten Tag, ich bin Frau Schavan.“ Ihr Text widmet sich als einer der wenigen im engen Sinn dem Lesen selbst: „Jenseits von Zwecken / Diesseits von Sprachlosigkeit / durch eigenen Willen / neu im Blick / Texte entlassen Gedanken / Gedanken werden zu Geschichten / Verstehen gelingt / Welten tun sich auf.“

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