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Alkoholismus in Südafrika Im Bann der Shebeens

 ·  In Südafrika kommen viele Kinder mit Alkoholsyndrom auf die Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft trinken. Die Regierung will die Zecherei jetzt eindämmen.

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© Felix Seuffert Pflegemutter trifft Mutter: Fatima Desai (Mitte) und der kleine Banele besuchen die Mutter, die auch an diesem Mittag schon wieder viel Wein getrunken hat.

Fatima Desai hat ihr Wohnzimmer fast leer geräumt. Nicht einmal ein Bild hängt an der Wand. „Sonst würden die Jungs alles schnell in ein Chaos verwandeln“, seufzt die Südafrikanerin. Es klingt trotzdem liebevoll. Was sie meint, lässt sich beim Blick auf den Haufen Spielsachen in einer Ecke des Zimmers erahnen.

Banele springt auf den Esstisch, Odwa jagt mit dem Fahrrad durch die Wohnung. Die sieben und fünf Jahre alten Jungen sind Fatimas Pflegekinder. Sie sind hyperaktiv, weil ihre leibliche Mutter während der Schwangerschaft trank. Banele und Odwa leiden am Fötalen Alkoholsyndrom (FAS). Südafrika hat nicht nur die höchste HIV/Aids-Infektionsrate der Welt, sondern auch die schlimmste Statistik beim Alkoholsyndrom. In De Aar im Norden des Landes zeigte bei einer Untersuchung fast jedes zehnte Kind die Hauptsymptome - einen verringerten Intelligenzquotienten, Organschäden und Hyperaktivität.

„In Südafrika dürfte es mehrere Millionen Menschen geben, die wegen FAS in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung gestört sind“, schätzt Denis Viljoen, der Leiter einer Stiftung in Kapstadt, die das Problem erforscht. Es betrifft nicht nur das Gesundheits- und Schulwesen. Die Kranken seien oft unberechenbar und lebten am Rande der Gesellschaft. Fachleute vermuten einen engen Zusammenhang zwischen FAS und der hohen Zahl von Gewaltverbrechen in Südafrika. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation trinken mehr als zwei Drittel der Südafrikaner überhaupt nicht. Die übrigen aber trinken viel. Fast die Hälfte der Männer und 41 Prozent der Frauen sollen 60 Gramm puren Alkohol an mindestens einem Tag der Woche zu sich nehmen. Das entspricht zehn Gläsern Schnaps.

„Sie betäuben sich mit Alkohol“

Zur Erklärung verweisen die Wissenschaftler auch auf die Geschichte. Bis zum Ende des Apartheidregimes 1994 war es auf Weinfarmen üblich, die Arbeiter mit Wein zu bezahlen, obwohl das „Dop-System“ schon seit den zwanziger Jahren verboten ist. In den Anbaugebieten gab es dann vom Zahltag am Freitag bis zum Sonntagabend nur eine Beschäftigung: Trinken. De Aar zum Beispiel liegt aber in einer staubtrockenen Ecke des Landes. „Die Leute stecken in der Armutsfalle. Sie betäuben sich mit Alkohol“, sagt Viljoen. Vor allem mangele es an Aufklärung. Viele schwangere Frauen hätten keine Ahnung, was sie mit der Trinkerei anrichten.

Die Regierung will die Zecherei jetzt eindämmen. Alkohol ist bei vier Fünfteln der Gewalttaten im Spiel und führt zu Tausenden Todesopfern im Straßenverkehr. Finanzminister Pravin Gordhan erhöhte vor kurzem die Steuern auf Bier um zehn und auf Spirituosen um 20 Prozent. Auch ein Werbeverbot ist im Gespräch. In der Provinz Gauteng soll der Verkauf an Schwangere verboten werden. Nachlässigen Wirten droht Haft. Ob das hilft? Viljoen ist skeptisch. „Wenn sich die Leute den Alkohol nicht mehr leisten können, brauen sie ihn sich selbst“, sagt der Professor. „Wenn Schwangere kein Bier kaufen dürfen, schicken sie jemand anderen.“

Die leibliche Mutter Baneles und Odwas lebt in Gugulethu, einem der großen Armenviertel Kapstadts. Sie lächelt schüchtern, als sie die Pflegemutter Desai mit den fremden Gästen im Haus einer Nachbarin begrüßt. Die zierliche Frau kann sich kaum auf den Beinen halten, die Augen sind verquollen. Sie hat eine gewaltige Fahne. Die Nachbarinnen sticheln mit der Frage, wo sie denn am Morgen gewesen sei. „Ich trinke nicht mehr“, ruft sie in die Runde und fügt hinzu: „Ich bin auf Wein umgestiegen.“ Den schenken die Wirte der Shebeens, der illegalen Hinterhofkneipen in den Townships, aus Kanistern aus, eineinhalb Liter für umgerechnet drei Euro.

Als Baneles und Odwas Mutter 13 Jahre alt war, verließ die alkoholkranke Mutter die Familie. Sie und vier Geschwister blieben zurück. Das Mädchen bekam zwar Pflegeeltern, verbrachte aber die meiste Zeit auf den Straßen Gugulethus und begann zu trinken. Mit 15 Jahren war es zum ersten Mal schwanger. Im Abstand weniger Jahre folgen drei weitere Geburten. Nur der erste Sohn, der auch bei einer Pflegemutter lebt, ist gesund, alle anderen leiden an FAS. Banele ist auch HIV-positiv.

Das Kindergeld zum Lebensunterhalt – ein Irrglaube

Sie habe so oft versucht, mit dem Trinken aufzuhören, beteuert sie. Immer vergeblich. Warum sie die Schwangerschaften nicht verhindert habe? Sie ruft mit einem Schluchzen: „Ich liebe meine Kinder. Sie sind das Einzige, was ich habe.“ Kinderreichtum wird von afrikanischen Traditionalisten als fester Bestandteil der Kultur gepriesen. Die Realität in Orten wie Gugulethu hat mit dem schönen Bild der afrikanischen Großfamilie aber nichts gemein. Oft sind Schwangerschaften die Folge von Vergewaltigungen, nicht selten innerhalb der Familie. Mehr noch spielten wirtschaftliche Gründe eine Rolle, sagt Viljoen. Junge Frauen ohne Schulausbildung und ohne Job erliegen dem Irrtum, mit dem Kindergeld den Lebensunterhalt verdienen zu können - und den Alkohol gleich mit. Die Rechnung geht nicht auf, und deshalb kommen so viele Säuglinge in Krankenhäuser und Kinderheime, wo sie nie mehr jemand abholt - ein ausgeklügeltes Betrugssystem zum Erschleichen staatlicher Hilfen. Viele dieser Kinder leiden an FAS.

Auch Fatima Desai hat den damals 15 Monate alten Banele zum ersten Mal in einem Kinderheim gesehen, als sie für ihren Arbeitgeber nach Wohltätigkeitsprojekten Ausschau halten sollte. Die Begegnung habe sie nicht mehr losgelassen, erzählt die alleinerziehende Mutter eines erwachsenen Sohnes. Der Kleine war kurz zuvor in einem Krankenhaus fünf Monate lang an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen. „Es war das erste Mal, dass ich mit einer Welt konfrontiert wurde, in der Kinder sich selbst überlassen sind.“ Heute gehen Banele und der später geborene Odwa auf eine der wenigen staatlichen Sonderschulen, sehen mehrmals in der Woche Therapeuten. „Es ist nicht einfach“, gibt Desai zu. Banele kann mittlerweile bis 30 zählen.

Pflegefamilien und Therapeuten können nur wenig ausrichten. Die Schäden, die im Mutterleib am Fötus entstehen, sind irreparabel. Nach einem Feldversuch der Kapstädter Stiftung mit einem Aufklärungsprogramm für junge Frauen in De Aar sank dort die Zahl der FAS-Fälle um 30 Prozent. Eine Ausdehnung des Programms auf ganze Südafrika hat die Staatsregierung aber wegen der Finanznot abgelehnt.

Baneles und Odwas leibliche Mutter ist jetzt von dem Gespräch ermüdet. Teilnahmslos schaut sie ihre Jungen an, die sich an die Beine der Pflegemutter klammern. Nur widerwillig lassen sich die beiden von ihr für ein Foto umarmen. Dann springen sie ins Auto, froh, dem bizarren Familientreffen zu entrinnen.

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