01.10.2008 · Im Dorf Zarnowiec nahe der polnischen Ostseeküste zeugt eine Bauruine von zerplatzten Zukunftsträumen: Hier sollte das erste polnische Atomkraftwerk entstehen. Bürgerproteste verhinderten seine Vollendung. Nun setzt Polen wieder auf Atomkraft. In Zarnowiec?
Von Jörg Thomann, ZarnowiecAn Zarnowiec wird sich erinnern, wer einmal die Landstraße 213 durchs kaschubische Küstenland gefahren ist. Nur wenige Kilometer von der polnischen Ostsee entfernt, führt die Strecke durch den östlichen Teil Hinterpommerns mit seinen sanften Hügeln, ausgedehnten Wäldern und verschlafenen Dörfern, auf deren Strommasten sich in ihren Nestern die Störche drängeln. Und dann, am westlichen Ausgang des Dorfes Zarnowiec, erhebt sich plötzlich das Kloster. Die gut erhaltene Anlage, als Zisterzienserinnen-Kloster im frühen 13. Jahrhundert erbaut, wird heute bewohnt von Nonnen des Benediktinerordens. Aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt die Klosterkirche Mariä Verkündung, ein imposanter gotischer Sakralbau, dessen rote Ziegel sich zu spiegeln scheinen im Schulgebäude auf der anderen Straßenseite. Dessen deutsche Inschrift „Gemeindeschule, anno 1909“ zeugt von der Zeit, als Pommern preußische Provinz war und Zarnowiec, knapp achtzig Kilometer nordwestlich von Danzig gelegen, den Namen Zarnowitz trug.
Doch nicht das Kloster ist es, wofür die 600-Seelen-Gemeinde Zarnowiec in ganz Polen berühmt ist, sondern ein anderes Gebäude, weit weniger ansehnlich, weit jüngeren Datums und doch seit Jahren nur noch eine Ruine. Es befindet sich nicht direkt in Zarnowiec, sondern etwa fünf Kilometer südlich in der Ortschaft Kartoszyno am Ufer des Zarnowiec-Sees. Wo einst ein altes kaschubisches Dorf lag, herrscht heute sterile Ödnis aus Lagerhallen und Fabrikgebäuden von Firmen mit Namen wie Alltech oder Technord. Das bekannteste Bauwerk dieser Gegend wirkt noch unspektakulärer als alle anderen. „Betreten der Baustelle verboten“, warnt das Schild am Maschendrahtzaun, doch gebaut wird hier seit langer Zeit nicht mehr. Nackte Stahlstreben krönen wie abgestorbenes Astwerk schmutzig graue, von Büschen umrankte Betonklötze, ein metallener Aussichtsturm ragt verloren in die Höhe. Mehr ist nicht übriggeblieben von einem Projekt, das der sozialistischen Volksrepublik einst die Zukunft sichern sollte und den Namen „Elektrownia Jadrowa Zarnowiec“ trug: Atomkraftwerk Zarnowiec.
Aus Zarnowiec wurde „Zarnobyl“
Der Versuch, in Polen das Atomzeitalter einzuläuten, war ungünstig terminiert. Die letzte Etappe des Baues, der schon 1972 geplant und zwölf Jahre später begonnen worden war, fiel zusammen mit dem Zeitpunkt, als sich der Freiheitswille des polnischen Volkes neu entfaltete und die Solidarnosc-Gewerkschaft zur nächsten Runde im Kampf gegen das Regime blies - und mit dem verheerenden Reaktorunglück von Tschernobyl, das sich in der Nacht zum 26. April 1986 ereignete. Erst vier Tage darauf war der Vorfall in Polen bekanntgeworden, nachdem die radioaktive Wolke längst über das Land gezogen war. Im Juni unterschrieben 3000 Menschen im ostpolnischen Bialystok die erste Petition gegen Zarnowiec. Kurz darauf begann die neugebildete Gruppe „Freiheit und Frieden“ (WiP) mit Demonstrationen in Danzig. Das Prestige-Projekt hatte da längst seinen mit dem Hautgout der Katastrophe behafteten Spitznamen weg: Zarnobyl.
Die politischen Umwälzungen von 1989 besiegelten auch das Schicksal von Zarnowiec. Als im November 1989 ein Frachter Teile der tschechoslowakischen Reaktoren in den Hafen von Gdynia einliefern wollte, blockierten Aktivisten von WiP und Solidarnosc die Transportstrecke mit Bulldozern und Traktoren und ketteten sich an die eigens für das Kraftwerk gebauten Bahngleise nach Westen. Im Dezember erließ die neu gewählte Regierung Mazowiecki einen zunächst einjährigen Baustopp für Zarnowiec. Die Verhandlungen mit ausländischen Firmen, darunter Siemens, sich finanziell an dem Kraftwerk zu beteiligen, brachten kein Ergebnis. Am 4. September 1990 beschloss die Regierung, den Plan des ersten und einzigen polnischen Kernkraftwerks endgültig aufzugeben, im Dezember wurde seine Liquidation verkündet. Der Bau hatte kurz vor der Vollendung gestanden. Etwa zwei Milliarden Dollar, so wird geschätzt, sind am Zarnowiec-See in den Sand gesetzt worden.
„Hatten Angst, dass die Gegend verseucht wird“
Die Badegäste, die sich heute an dessen Ufern vergnügen, scheinen von der Vergangenheit des Ortes nichts zu wissen. Seit einigen Jahren ist Zarnowiec eine Sonderwirtschaftszone, die Investoren mit niedrigen Steuersätzen lockt; am See steht seit Anfang der achtziger Jahre ein Pumpspeicherkraftwerk. Daneben lebt die Region vor allem vom Tourismus. An der Küste nördlich von Zarnowiec beginnt ein Landschaftsschutzpark, der sich weit in den Osten bis auf die Halbinsel Hel zieht, die Seebäder sind vor allem bei einheimischen Urlaubern populär.
Auf dem Weg von Kartoszyno in den Nachbarort Lubkowo fährt man vorbei an einem Campingplatz, einem Badestrand und einem Altersheim. Vom Garten seines Hauses in Lubkowo kann Bruno Lademann auf den See blicken. Der 67 Jahre alte Pole mit deutschen Wurzeln erinnert sich gut an die Proteste gegen das Kraftwerk: „Die Leute haben Angst gehabt, dass die Gegend verseucht wird.“ Die Erleichterung sei groß gewesen, als der Bau abgebrochen wurde - was sich manche sogleich zunutze gemacht hätten: „Sobald sie aufgehört haben, haben die Arbeiter damit begonnen, das Material zu klauen und sich schöne Häuschen zu bauen.“ Lademann ist zufrieden mit dem Lauf der Geschichte. „Aber man erzählt sich“, sagt er, „dass sie bei uns schon wieder ein Kraftwerk bauen wollen.“
Atomkraft wieder ein Thema
Tatsächlich ist die Atomkraft in Polen wieder zum Thema geworden. 96 Prozent seines Stroms bezieht das Land aus Kohlekraftwerken, was es mittelfristig unmöglich macht, die strengen Klimaschutzvorgaben der EU zu erfüllen. Aufs russische Erdgas möchte gerade Polen nicht angewiesen sein. Und nachdem schon frühere Regierungen angekündigt hatten, sich dereinst wieder mit der Kernkraft befassen zu wollen, hat das Kabinett von Ministerpräsident Tusk ein Grundsatzpapier zur Energiepolitik vorgelegt, in dem von der Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks vom Jahr 2020 an die Rede ist; noch in diesem Jahr könnte entschieden werden, wo es gebaut werden könnte. Die Oderstadt Gryfino wird hier des Öfteren genannt - und abermals Zarnowiec.
Das große Schreckgespenst ist die Atomkraft auch in Polen nicht mehr. Laut einer Umfrage der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ ist eine knappe Mehrheit der Bürger dafür. Einer von ihnen ist Józef Radziejewski, der Zarnowiec im Rat der Gemeinde Krokowa vertritt. Während der Bauzeit war er beim Kernkraftwerk als Feuerwehrmann angestellt und hat die Entwicklung aus der Nähe miterlebt: Wie die Einwohner von Kartoszyno ihr Dorf verlassen mussten; wie die Städte der Umgebung ausgebaut wurden, um Unterkünfte für Tausende Bauarbeiter zu schaffen; und wie, als das Projekt beerdigt wurde, die große Depression ausbrach: „Nur einer von zehn Menschen hier in der Gegend hatte danach noch Arbeit.“
Die Entscheidung, das Werk unvollendet zu lassen, hält Radziejewski bis heute für falsch. Er habe die Angst der Leute damals zwar verstanden, sie aber für überzogen gehalten. Die Einwohner, sagt er, wären heute ganz gewiss einverstanden mit einem Bau, wenn man ihnen günstigere Strompreise in Aussicht stellte. Was aber wäre mit dem Tourismus - würde es den Urlaubern nicht den Badespaß am See und an den Ostseestränden verdrießen, wenn in unmittelbarer Nähe ein Atommeiler stünde? Radziejewski lächelt. Während das Kernkraftwerk gebaut wurde, erzählt er, seien die Menschen aus dem ganzen Land nach Zarnowiec gepilgert, um es sich anzusehen: „Damals war dieser Ort sogar noch viel beliebter als heute.“
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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