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Aids in Tansania Ukimwi, der vielbeschwiegene Tod

29.06.2005 ·  In der Aidsabteilung des Krankenhauses in Mbeya sterben jeden Tag zehn Patienten. Ein deutsch-tansanisches Entwicklungsprogramm kämpft gegen die Ausweitung „Ukimwi“, der „Krankheit, die den Körper auszehrt“.

Von Axel Wermelskirchen, Mbeya
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Severina Mwaisemba muß noch nicht sterben. Ihr Mann starb vor drei Jahren, an Tuberkulose. Daran hätte er nicht sterben müssen, aber die Krankheit brach wieder auf, weil er sich bei irgendeiner Barfrau mit HIV infiziert hatte. Die Immunabwehr war geschwächt.

Als Severina Mwaisemba dann im vergangenen Jahr immer wieder krank wurde, ahnte sie etwas. Weil sie etwas von „Kihumbe“ gehört hatte, überwand sie ihre Furcht, ging dorthin und ließ sich testen. Was sie schon ahnte, wurde zur Gewißheit: Ihr Mann hatte sie mit dem HI-Virus angesteckt. Auch der jüngste ihrer drei Söhne, fünf Jahre alt, ist infiziert. Die anderen Söhne, zwanzig und zehn Jahre alt, sind virenfrei.

„Aidsübertragungsrouten“

Ohne „Kihumbe“ müßte Severina Mwaisemba in ein paar Jahren sterben. Jetzt aber gehört sie zu den Glücklichen, die dort kostenlos eine Antiretrovirale Therapie (ART) erhalten. Die Medikamente, die sie abends und morgens nimmt, zögern den Ausbruch von Aids lange hinaus. „Ich fühle mich jetzt wieder viel stärker und frischer“, sagt sie. „Kihumbe“ ist die Abkürzung für „Kikundi Cha Huduma Majumbani Mbeya“, Hausfürsorge Gruppe Mbeya.

Die Nichtregierungsorganisation arbeitet seit 1993 in Mbeya, einer der größten Städte Tansanias im bergigen Südwesten des Landes an den Grenzen zu Malawi und Sambia. Im engeren Einzugsgebiet leben zwei Millionen Menschen, hier kreuzen sich große Überlandstraßen, die von Daressalam im Osten zur sambischen Grenze führen und vom Norden hinein nach Malawi. Die Straßen sind „Aidsübertragungsrouten“; auf ihnen sind die Lastwagenfahrer und Wanderarbeiter unterwegs. Frauen sind überall gegen ein paar tansanische Schilling zu haben, oft schon allein deshalb, weil sie nicht überleben könnten, wenn sie nicht ihre Körper verkauften.

„Die Krankheit, die den Körper auszehrt“

In „Kihumbe“ führt „Mama“ Florence Mwakanyamale resolut ein hilfreiches Regiment. Sie hat die Station mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) ins Leben gerufen. Mittlerweile ist das Karree niedriger Häuser mit seinem Innenhof zum Treffpunkt für 120 Infizierte geworden. „Kihumbe“ organisiert häusliche Pflege für mehr als 500 Patienten, versorgt 600 Kinder und Jugendliche, deren Eltern an Aids gestorben sind, bietet freiwillige Tests und Beratungen an, propagiert den von den meisten tansanischen Männern strikt abgelehnten Gebrauch von Kondomen und tourt mit einer Truppe junger „Schauspieler“ über die Dörfer, die mit Tanzvorführungen und Rollenspielen über „Ukimwi“ aufklären, die „Krankheit, die den Körper auszehrt“.

Bis 2004 finanzierte das im wesentlichen die GTZ, jetzt hat das „Walter-Reed-Institut“ der amerikanischen Armee übernommen, benannt nach dem Mann, der um 1900 bewies, daß Gelbfieber von Moskitos übertragen wird. Der Krankheit waren im spanisch-amerikanischen Krieg auf Kuba Tausende amerikanischer Soldaten zum Opfer gefallen. Mbeya gehört zu den Orten in Afrika und Asien, an denen die amerikanischen Streitkräfte erforschen, wie sie die Soldaten vor Aids schützen können. Das kommt den Einheimischen zugute. Auch die staatliche tansanisch-deutsche Entwicklungszusammenarbeit, also der deutsche Steuerzahler, trägt weiter dazu bei, daß „Mbeya“ als Erfolgsmodell im Kampf Tansanias gegen die Seuche gelten kann. Die Kommunalverwaltung der Stadt und die regionalen Organe des staatlichen Gesundheitssystems unterstützen das Modell nach Kräften.

„Du bist infiziert“

Severina Mwaisemba hat nur ihrem ältesten Sohn erzählt, daß sie infiziert ist. Die Nachbarn wissen nichts davon. Krankheit gilt in Tansania noch immer weithin als Folge einer Abweichung von sozialen Normen. Wer offen sagt, daß er HIV-infiziert ist, riskiert, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und „stigmatisiert“ zu werden. Wer einem anderen ins Gesicht sagte „Du bist infiziert“, unterstellte ihm eine moralische Verfehlung.

Drei von vier Infizierten gehen, wenn sie merken, daß mit ihrem Körper etwas nicht stimmt, wenn es zu den typischen „opportunistischen Infektionen“ kommt, zunächst zum traditionellen Heiler. Auch da wird die tödliche Krankheit, von der mittlerweile fast alle Tansanier wissen, sorgsam beschwiegen. Der Heiler spricht in keinem Fall von HIV und Aids und der üblichen Übertragung durch Geschlechtsverkehr. Er bietet andere Erklärungen an, etwa die, ein mißgünstiger Nachbar müsse einen Fluch über den Kranken verhängt haben oder böse Geister hätten die Klauen im Spiel und müßten jetzt ausgetrieben werden. Es wird noch eine Weile dauern, bis in Tansania nicht nur die Eliten und die westlichen Helfer offen über Aids sprechen. Vermutlich führt kein Weg daran vorbei, denn noch können nur die wenigsten Infizierten mit ART versorgt werden. Die meisten sterben sieben bis elf Jahre nach der Infektion an Aids, jedes Jahr mehr als 150.000 Menschen.

Aufklärungsfeldzüge durch die einschlägigen Viertel

Viele Großfamilien können die Last der Krankenpflege kaum mehr tragen, sie verschulden sich für die zahlreichen Bestattungen, die aufwendig zu sein haben, sollen die Ahnen nicht zürnen. In den Städten funktionieren Betriebe nicht mehr, weil zu viele gutausgebildete Angestellte sterben. Die Lehrer des Landes sind neben den „commercial sex workers“, den Prostituierten, und den Fernfahrern die Gruppe mit der höchsten Infektionsrate, weil viele ihre Machtstellung - ohne Schulabschluß keine Chance auf Arbeit - dazu nutzen, Schülerinnen zum Sex zu drängen.

Severina Mwaisemba spricht mittlerweile offen über die Krankheit. Sie beteiligt sich an den „Kihumbe“-Aufklärungsfeldzügen in den Stadtvierteln Mbeyas. Und wenn die Nachbarn sie dabei einmal sehen? „Das macht nichts, die würden nicht öffentlich darüber reden“, sagt die Aktivistin, die viel jünger aussieht als ihre 35 Jahre. Die ART-Medikamente nimmt sie regelmäßig. Das ist auch ungeheuer wichtig, nicht nur für sie. Es gab Fälle, da haben Infizierte, weil sie nicht richtig beraten wurden, die Pillen verkauft, wenn es ihnen wieder ein wenig besser ging. So können resistente Viren entstehen.

Das „Kihumbe-Konzept“

In Mbeya werden seit 1995 jedes Jahr bis zu zwanzig Prozent mehr Kondome verkauft, was indirekt eine Verhaltensänderung der Bewohner anzeigt. Die Zahl der an Syphilis Erkrankten, die noch anfälliger für das HI-Virus sind, ging von fünfzehn auf fünf Prozent zurück. Und vor allem: Die Neuinfektionsrate sinkt kontinuierlich, vor allem bei den Fünfzehn- bis Neunzehnjährigen. Zukunftspläne: Das „Kihumbe-Konzept“ soll in der Region verbreitet werden, man will ein Haus für sterbende Aidskranke ohne familiäre Unterstützung errichten, die dort schmerzlindernde Medikamente bekommen und vor allem Zuwendung erfahren sollen.

Zudem sollen die Aidswaisen, für die niemand sorgt, ein Heim erhalten. Zum Erfolgsmodell Mbeya gehört auch Runda, eines der drei großen städtischen Gesundheitszentren. Dort können infizierte Schwangere behandelt und beraten werden, um die Übertragung der Infektion von der Mutter auf das Kind zu verhindern.

Infektionsrisiko bei der Geburt am höchsten

Das Infektionsrisiko für die Kinder ist am höchsten zum Zeitpunkt der Geburt. Nimmt die Mutter beim Einsetzen der Wehen eine Tablette Nevirapin und das Kind in den ersten drei Tagen nach der Geburt Nevirapinsirup, wird die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung halbiert. Die Bundesregierung unterstützt solche Programme in Kenia, Uganda und Tansania seit 2001.

In Mbeya nutzen jedes Jahr 120.00 Frauen das Angebot der Schwangerschaftsberatung; fünfzehn Prozent von ihnen sind infiziert. Wollen die Frauen sich auf HIV testen lassen, müssen ihre Männer dem zustimmen, wie die leitende Ärztin Benedikta Masanja hervorhebt. Geht eine Frau ohne Einwilligung ihres Mannes zum Test, wird sie verstoßen. Eine weitere Schwierigkeit: Wenn die Frauen ihr Kind stillen, machen sie die Nerivapintherapie zunichte, denn auch dabei kann das HI-Virus übertragen werden. Das erfordert viel Beratung, denn in Tansania ist eine Frau, die ihr Kind nicht stillt, keine „richtige“ Frau. Seit 2003 bietet Runda den infizierten Schwangeren und ihren engen Familienangehörigen auch eine dauerhafte Therapie mit ART an.

Beträchtliche Nebenwirkungen

Ausgangs- und Kernpunkt des „Modells Mbeya“ ist das Referenzkrankenhaus inmitten der Stadt. In ganz Tansania gibt es nur drei vergleichbare staatliche Kliniken. Das HIV-Laboratorium dort wurde schon 1989 mit deutscher Hilfe aufgebaut, das Personal ständig geschult. Jetzt bereitet es die Einführung der antiretroviralen Therapie in der Region mit vor. Einfach ist das nicht. Es kam schon vor, daß schlecht geschulte junge „Health Officers“ bei Kindern auf Flehen der Eltern mit der Therapie begannen und sie damit fast umbrachten. Die Nebenwirkungen sind beträchtlich, zuvor muß vor allem die Leberfunktion im Labor geprüft werden.

Noch kommen die wenigsten Tansanier in den Genuß der Therapie. In der Aidsabteilung des Krankenhauses in Mbeya sterben jeden Tag zehn Patienten. An diesem Morgen wird gerade wieder eine Tote auf der Blechbahre weggetragen. Die Bettnachbarin, eine schöne junge Frau, sieht es mit an. Stöhnend richtet sie sich zum Sitzen auf. Dabei gleitet ihr das Gewand von den Schultern und gibt den makellosen olivschwarz schimmernden Rücken frei. Sie erbricht in die Nierenschale, die ihr die Mutter hinhält, würgt minutenlang. Auch diese schöne junge Frau muß bald sterben.

Quelle: F.A.Z., 30.06.2005, Nr. 149 / Seite 9
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Jahrgang 1951, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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