28.11.2004 · Obwohl jeder achte Südafrikaner HIV-infiziert ist, verharmlost Präsident Mbeki die Krankheit. Zum Protest haben sich viele private Initiativen gegündet, die sich der Aufklärung annehmen.
Von Robert von LuciusSamstag ist der Tag der Beerdigungen in Südafrika, vor allem in den Townships. Bei der Fahrt duch Mbekweni stoßen die Besucher auf drei Leichenzüge; vermutlich seien alle drei Aidsopfer, sagt der Bürgermeister der Großgemeinde, Herman Bailey.
Dabei ist Mbekweni klein im Verhältnis zu anderen Townships, und die Zahl der Aidskranken in der Westkap-Region ist weit niedriger als im übrigen Südafrika. Dennoch sind am Straßenrand neue Betriebe zu sehen - Bestattungshelfer und Sarghersteller. In keinem anderen Land gibt es mehr HIV-Infizierte als in Südafrika.
Problemverdrängung
Die Regierung glaubt, daß 5,6 der 45 Millionen Südafrikaner infiziert sind, also jeder achte Südafrikaner. Aidshilfegruppen vermuten gar, daß jeder vierte Erwachsene das Virus trage. In der Armee sollen es 23 Prozent aller Rekruten sein, unter schwangeren Frauen 28 Prozent.
Seit Ausbruch der Pandemie starben in Südafrika 1,5 Millionen Menschen; diese Zahl dürfte bald stark steigen. Ohne Aids wüchse die Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2015 von 45 auf 54 Millionen Menschen, nach Schätzungen des jüngsten Aidsberichts der Vereinten Nationen aber wird Südafrika in zehn Jahren weniger Bewohner haben als jetzt. Dennoch verdrängen viele in Südafrika, in der Bevölkerung wie in der Politik, dieses größte aller Probleme des Landes. In Townships meiden viele das Wort „Aids“ und heben statt dessen vier Finger als Zeichen für die Todesursache.
Hilfe des Westens
Erschwert wird der Kampf gegen Aids in Südafrika von zwei Seiten: von der Regierung und von der nachlassenden Aufmerksamkeit im Ausland. Gewiß, die Zahl der Erkrankten in Südafrika liegt weiterhin an der Spitze. Die meisten Neuinfektionen aber gibt es in Süd- und Südostasien.
Das öffentliche Interesse und damit auch die Hilfe des Westens richten sich deshalb jetzt auf diese Region und auf das den Industriestaaten geographisch nähere Osteuropa, weil man hofft, dort die Pandemie noch in einem vergleichsweise frühen Stadium eindämmen zu können.
Mbeki verharmlost das Problem
Ein Grund für die stille Resignation im Westen gegenüber Aids in Südafrika ist die Haltung Pretorias: Präsident Thabo Mbeki und Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang haben aus Gründen, die schwer zu verstehen sind, die Aids-Krise wortmächtig verharmlost, etwa Aidstodesfälle mit Armut, Malaria und anderen Krankheiten in Zusammenhang gebracht. Sie haben zeitweilig gar den Zusammenhang von HIV-Infektion und Aids in Zweifel gezogen, was die Jugend des Landes in die Sicherheit wiegte, ihre Sexpraktiken könnten so gefährlich doch nicht sein.
So reagierte das Gesundheitsministerium auch nicht auf die Bitten einer beherzten Aidshilfegruppe, des „Treatment Action Program (TAC)“ unter Zackie Achmat, die der Regierung vorliegenden Zahlen und Dokumente über Aids zu veröffentlichen. Erst nach langem öffentlichen Drängen erlaubte die Regierung schwangeren Müttern den Gebrauch eines Medikaments, das die Übertragung des Virus auf ihr Kind verhindert. Bis jetzt erhielten aber nur gut 11.000 Patienten dieses Mittel, ein verschwindend kleiner Anteil.
Traditionelle Heiler
Die Gesundheitsministerin wirft der TAC vor, sie in ihrem „Kampf“ gegen Aids zu behindern. Das Gesundheitsministerium verweist dabei auf traditionelle Heiler. Mit Geld werden vom Staat nur solche Kranken unterstützt, deren Blutbild einen bestimmten Wert unterschreitet. Nach der Einnahme der Medikamente bessert sich aber das Blutbild, und die staatliche Hilfe fällt weg.
Die Infizierten stehen also vor dem Dilemma, entweder unheilbar zu erkranken oder zu hungern. Zunächst nahmen private Hilfsorganisationen den Kampf gegen die Aidspolitik Mbekis auf wie TAC und Noah, das sich um die knapp eine Million Aidswaisen kümmert, dann auch einige Provinzregierungen wie das Westkap und Unternehmen.
Warnung in Schulen
Die Konzerne, anfangs vor allem solche aus dem Ausland wie Daimler-Chrysler und BMW, erkannten, daß die wirtschaftlich aktiven und gut ausgebildeten Fachkräfte noch mehr als andere gefährdet sind und mit ihnen auch das Wohlergehen der Wirtschaft.
Zu den eindrucksvollsten privaten Initiativen zählt jene des Satirikers Pieter-Dirk Uys, der am Kap so legendär und einflußreich ist wie wenige: Er setzt sein Ansehen und sein Geld dafür ein, in Schulen Jugendliche vor den Gefahren von Aids zu warnen. In den vergangenen Monaten kamen Mitstreiter hinzu, die Mbeki gefährlich werden können, drei der bekanntesten Köpfe innerhalb des regierenden ANC.
„Wie Kühe unkritisch und gedankenlos“
Der Gründungsvater des freien Südafrika, Mbekis Vorgänger Nelson Mandela, tritt beständig bei Aidshilfeveranstaltungen auf, jetzt auch gemeinsam mit dem Hollywood-Schauspieler Brad Pitt in einer Fernsehwerbung.
Der frühere ANC-Generalsekretär und Mbeki-Rivale Cyril Ramaphosa und der britische Geschäftsmann Richard Branson begannen kürzlich mit Hilfsprojekten, bekannte Popmusiker unterstützen die Kampagne. Auch der Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu warnte mit scharfen Worten vor jenen, die „wie Kühe unkritisch und gedankenlos“ der Parteilinie folgten; dabei wies er ausdrücklich auf die offizielle Aidspolitik.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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