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Sonntag, 12. Februar 2012
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Aids Die afrikanische Wahrheit

17.10.2004 ·  Aids sei eine Erfindung der Weißen, um die schwarze Rasse vom Erdball zu tilgen, behauptet die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai. Sie steht damit nicht allein.

Von Thomas Scheen, Abidjan
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Es war eines dieser Gespräche, bei denen man im nachhinein den Eindruck hat, in einen schlechten Film geraten zu sein. Eigentlich ging es um Wirtschaftsfragen, um Diamanten, Kupfer, Uran, marode Staatsbetriebe, veraltete Maschinen, himmelschreiende Korruption und undurchsichtige Geschäfte der zimbabwischen Armee, die nahezu die gesamte südkongolesische Bergbauregion Katanga unter ihre Kontrolle gebracht hatte.

Doch irgendwann paßten dem Kabinettschef des Wirtschaftsministers in Kinshasa die Fragen nicht mehr. Schließlich platzte ihm der Kragen. "Ihr Weißen seid schuld an unserem Elend, und weil euch das Geld alleine nicht reicht, habt ihr auch noch Aids erfunden, um uns endgültig fertigzumachen." Dabei schlug er mit solcher Vehemenz auf den Tisch, daß die Wasserflaschen umfielen.

Friedensnobelpreisträgerin verbreitet Verschwörungstheorie

Diese offensichtlich ernst gemeinte Unterstellung war um so unbegreiflicher, als der Mann wenige Minuten zuvor noch von seinem Studium in Belgien geschwärmt hatte, was keinem anderen Zweck diente, als sein Gegenüber mit einer Bildung nach westlichem Standard zu beeindrucken. Schockierend an dem Ausbruch war ebenjener Bildungsgrad, der als Alibi für die Verbreitung einer ebenso nebulösen wie populären Verschwörungstheorie herhalten mußte.

Wilde Hypothesen über den Ursprung von Aids kursieren auf dem Schwarzen Kontinent zuhauf. So wunderten sich nur die mit Afrika weniger Vertrauten über die jüngsten Äußerungen der frischgekürten kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai.

Sie hatte kurz nach der Auszeichnung behauptet, Aids sei in westlichen Labors erfunden worden, um die schwarze Rasse vom Erdball zu tilgen. Die gängige Lehrmeinung über die Entstehung des Virus mag die promovierte Biologin nicht akzeptieren: "Man sagt uns, das Virus stammt von Affen. Wir leben aber seit Jahrhunderten mit Affen, ohne daß wir krank geworden wären."

Weitverbreitete Scheinwahrheit

Verheerend an solchen Aussagen ist, daß sie aus der vermeintlichen Elite stammen. Maathai wiederholte mit ihrer Aids-Verschwörungstheorie nur eine weitverbreitete Scheinwahrheit. Bestes Beispiel für dieses kollektive Ausblenden der Wirklichkeit ist der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki, der wie Maathai im Westen studierte, eigentlich ein aufgeklärter Geist sein müßte und dennoch so lange behauptete, Aids sei die Rache des weißen Mannes, bis er selbst von seinen eigenen Leuten belächelt wurde.

Seine Gesundheitsministerin, eine Ärztin, empfahl Aids-Kranken allen Ernstes, mehr Knoblauch zu essen, während Mbeki nicht das HI-Virus für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich machte, sondern die Anti-Aids-Präparate. Die seien vergiftet und nur deshalb auf dem Markt, damit westliche Pharmakonzerne ungestört am lebenden Objekt experimentieren könnten.

Konzertierte Aktion gegen Schwarze

Mbekis Wissen stammt aus dem Internet, wo unzählige Aids-Märchen zirkulieren. In Umlauf werden sie gesetzt von Leuten wie dem radikalen amerikanischen Schwarzenführer Louis Farrakhan, dem Verschwörungstheoretiker Steve Cokely, der behauptet, jüdische Ärzte hätten schwarze Kleinkinder mit dem Virus infiziert, oder sogar von Wissenschaftlern wie William Douglas, der wiederum die Weltgesundheitsorganisation WHO verantwortlich macht, weil diese mit der Injektion von lebenden Antihepatitiskulturen in den siebziger Jahren das Monster Aids geboren habe.

Die meisten dieser Theorien gehen davon aus, daß es sich bei Aids um eine konzertierte Aktion gegen Schwarze handele. In Afrika fällt diese Vermutung schon deshalb auf fruchtbaren Boden, weil sich viele Afrikaner in der Rolle der Opfer sehen. Solche Propaganda verbreitet sich um so schneller, je dramatischer das Bildungsniveau sinkt. Die Folge ist eine häufig blindwütige Aggressivität, die sich nicht um Fakten schert.

Homosexualität darf in Afrika nicht sein

Aufschlußreich ist auch der Umgang mit dem Thema Homosexualität, die in mehr als der Hälfte der afrikanischen Länder unter Strafe steht. In Kenia und Tansania beispielsweise drohen dafür bis zu 14 Jahre Haft, in Uganda sogar "lebenslänglich".

Dahinter steckt mehr als nur die naheliegende Vermutung, die traditionellen Machogesellschaften des Kontinents könnten sich durch einen liberalen Umgang mit der Homosexualität in ihren Grundfesten bedroht fühlen. Denn die gilt als Ausdruck westlicher Dekadenz.

Da Aids nun zuerst Homosexuelle betraf und da Homosexualität in Afrika nicht sein kann, weil nicht sein darf, muß die Seuche folglich auf anderem als auf natürlichem Weg über die Menschen gekommen sein.

Verständliche Zweifel

Dabei sind manche Zweifel durchaus verständlich. Die immer neuen Horrorzahlen von Aids-Infizierten kann nicht einmal die WHO plausibel erklären. Die Krankheit ist ein Massenkiller, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Doch bei der häufig genannten Zahl von 30 Millionen Infizierten in Afrika ist Vorsicht angebracht.

Die gängigen Aidstests, die in Europa und den Vereinigten Staaten bis zu dreimal wiederholt werden müssen, bevor das Ergebnis zweifelsfrei gilt, werden in Afrika meist nur einmal angewendet.

Viele Infizierte bedeuten andererseits viel Geld für Forschungszwecke und hohe finanzielle Zuwendungen für afrikanische Regierungen. Niemand hat ein Interesse daran, daß diese Gelder spärlicher fließen, und selbstverständlich sehen auch Afrikaner diesen Zusammenhang.

Sie sehen Weiße, die in dicken Geländewagen durch die Gegend fahren. Was sie nicht sehen wollen, sind die eigenen Eliten, die nach jeder Katastrophe noch ein bißchen feister dastehen als zuvor. Da bei dieser selektiven Wahrnehmung nur Weiße an den afrikanischen Katastrophen verdienen, müssen die Katastrophen folglich weiße Erfindungen sein.

Mißtrauen gegen Impfungen

Solche intellektuellen Kurzschlüsse lassen sich nahezu überall finden. Im Norden Nigerias mußte im vergangenen Jahr eine große Impfaktion gegen Kinderlähmung unterbrochen werden, weil die islamischen Würdenträger der Region hinter der Schluckimpfung den Versuch witterten, die Menschen unfruchtbar zu machen.

Schließlich war diese Impfung wieder einmal eine Idee der Weißen, und da sei Mißtrauen angebracht. Es bedurfte geduldiger Analysen, sehr viel Überredungskunst und wohl auch einiger Koffer Geld, bevor die Impfungen vor wenigen Tagen erneut beginnen konnten.

„Glaube dem Weißen nicht, weil der Weiße lügt."

In Abidjan werben selbsternannte Heiler heutzutage in teuren Zeitungsannoncen, ein Wundermittel gegen Aids zu haben. "Aids ist heilbar", verspricht etwa ein "Doktor Kouame", der in Wahrheit kein Doktor, sondern ein Quacksalber ist. Seine Botschaft ist chiffriert. Was er meint, ist folgendes: "Der Weiße sagt, Aids sei nicht heilbar, glaube dem Weißen nicht, weil der Weiße lügt."

Und zwischen Lagos und Dakar kursiert seit Jahren die Geschichte des ghanaischen Forschers, der angeblich einen Impfstoff gegen Aids entwickelt hatte, sich aber weigerte, diesen an einen japanischen Pharmakonzern zu verkaufen - und dafür ermordet worden sein soll. Selbst Akademiker erzählen sich gruselnd diese Räuberpistole.

Der Ghanaer hat zwar keinen Namen, der japanische Konzern auch nicht, keine ghanaische Universität vermißt einen Forscher, aber vielleicht war es auch kein Ghanaer, sondern ein Senegalese, der nicht von Japanern, sondern von der Russenmafia ausgeschaltet wurde. Auch schon egal: Hauptsache, das Feindbild stimmt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.10.2004, Nr. 42 / Seite 69
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