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Sonntag, 12. Februar 2012
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Afghanistan Minenerkennung kommt vor Freiheit

09.12.2003 ·  Die Hilfsorganisation „Aschiana“ lehrt Kindern in Kabul den Unterschied zwischen Minen und wertvollem Altmetall, mit dessen Verkauf sie oft ihre ganze Familie unterhalten.

Von Verena Luecken, Kabul
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Waffentragen und Rauchen sind verboten. Wer auf dem Gelände bettelt, fliegt raus. Die Nichtregierungsorganisation Aschiana (Afghan Street Working Children and New Approach), die in Kabul etwa zweitausendvierhundert Straßenkinder betreut, hat Schaubilder mit diesen Grundregeln am Eingang ihres Zentrums im Stadtteil Shar-I-naw aufgehängt, nicht zu übersehen, wenn man eintritt, aber im Rücken eines jeden, der wieder geht. Das ist realistisch. Aschianas Zentren sind nur Oasen, mit Wasser, festen Wänden, etwas zu essen, Kleidung, relativer Sicherheit und einigen Stunden Unterricht am Tag. Hier wird niemand geschlagen, niemand beraubt, und manchmal bekommen die Kinder Geschenke. Jenseits der Verbotsschilder gelten keine Regeln. In den staubigen Straßen der afghanischen Hauptstadt, deren Einwohnerzahl sich in den vergangenen zwei Jahren auf mehr als drei Millionen verdoppelt hat, ist Kindheit ein Begriff ohne Emphase und ohne Empathie.

Die Kinder betteln, natürlich, mit Ausdauer, Aggressivität und Impertinenz. Sie arbeiten, verkaufen Zeitungen, alte Stadtpläne und Heftchen der Tourismusbehörde aus dem Jahr 1973. Sie bieten sich als Führer durch die Basare an und all jenen, die ihnen ein paar Afghani zustecken, als Schutz vor anderen Bettlern, vor Dieben und dem Sich-Verlaufen. Weil sie, wenn sie nicht Waisen sind, zum großen Teil aus Familien kommen, in denen die Mütter vom jahrelangen Eingesperrtsein gebrochen wurden und Väter herrschen, die oft versehrt, verkrüppelt oder beim Überleben verrückt geworden sind, sind die Kinder die einzigen, die fürs Nötigste noch sorgen können. In Körben, die sie weit überragen, schleppen sie Blumenkohl auf dem Rücken, manchmal einige Kilometer bis in die Außenbezirke, wo in unmittelbarer Nähe riesiger Minenfelder Siedlungen wuchern, oder waschen Autos in eisiger Luft. Sie pumpen Wasser aus den Brunnen in den Straßen, von dem es heißt, nur für Einheimische sei dies Trinkwasser, und zu zweit tragen sie die Eimer, aufgehängt an einem Stock zwischen ihren Schultern, wohin auch immer ihr Heimweg führt.

Fälle wie der von Marina Golbahar, die in dem ersten afghanischen Spielfilm, der nach der Taliban-Zeit gedreht wurde - "Osama" von Siddiq Barmak -, die Hauptrolle spielt, sind einzigartig. Sie, ein zwölfjähriges Straßenkind ohne geringste Schulbildung, verdiente mit dem Film zwei Dollar am Tag. Vor kurzem konnte sie mit ihrer einzig von ihr ernährten achtköpfigen Familie aus dem Hühnerstall, der ihr Zuhause war, in ein kleines Lehmhaus am Rand von Kabul umziehen.

Der Unterschied zwischen Minen und Altmetall

Bei Aschiana können Kinder zwischen vier und siebzehn Jahren einige Stunden am Tag etwas lernen, und zwar anhand einfacher Zeichnungen als erstes: Wie sehen die verschiedenen Minenmodelle aus, und was unterscheidet sie von wertvollem Altmetall? Das Sammeln von Eisenresten gehört zu den lukrativsten Einnahmequellen, und die Kinder, die ihre Armstümpfe oder grotesk abstehenden Fußreste dem Fremden entgegenstrecken, bezeugen, daß Minenerkennung unbedingt der Freiheit zur eigenen Entwicklung vorgelagert ist. Die Narben im Gesicht und auf den Armen vieler Kinder aber, so erzählt ein Lehrer bei Aschiana, sind Spuren von Mißhandlungen zu Hause.

Von tausend Kindern in Afghanistan, so berichtet die Statistik von Unicef, erreichen 257 nicht das fünfte Lebensjahr, das ist eine Kindersterblichkeitsquote von über fünfundzwanzig Prozent. 165 von ihnen sterben schon im Säuglingsalter, auch dies ein Spitzenwert im internationalen Elendsvergleich. Etwa die Hälfte der überlebenden sind durch Fehl- und Mangelernährung untergewichtig, Katastrophenmeldungen, die zahlreiche internationale Initiativen einzudämmen suchen.

„Ghetto cool“

Bei einer Art Tag der offenen Tür im Aschiana-Zentrum in Shar-I-naw im November konnte man neben den erbärmlichen Lebensumständen der Kinder aber noch etwas anderes sehen. Ein etwa sechsjähriger Junge, der eine Baseball-Kappe der New York Yankees und viele Schichten Pullover, Westen, Schals und Jacken über der traditionellen Baumwolltracht mit langem Hemd über lockerer Hose trug und Turnschuhe, die auf dem nahen Basar schon mehrfach neu besohlt worden waren, stand gebannt vor einer Bühne, auf der ein paar ältere Kinder Lieder vortrugen und ein Theaterstück spielten. Ihre Rollen lasen sie vom Papier ab. Dem blauen Ballon mit dem Sternenkreis der EU, der über der Bühne hing, war die Luft ausgegangen, doch die Kunststoffblumen an der Rampe strahlten im smogmatten Sonnenlicht. Die Stille, in die hinein die Kinder ihre Akte vortrugen, sicher, ohne Scheu und mit offenem Blick aufs Publikum, wirkte feierlich, obwohl es um nichts Hehres ging. Um nichts Hehreres jedenfalls, als daß einige hundert chancenlose Kinder lesen gelernt hatten und andere ihnen, konzentrierter als jeder Seminarbesucher, zuhören wollten. Ihre Gelassenheit und ihre körperliche Präsenz in den Gewändern des "ghetto cool" schienen davon zu erzählen, daß sie es sind, in denen die Zukunft Afghanistans ruht. Doch darauf sollte man nicht wetten. Hier hat das Alter Vorrang und erwartet Förderung, selbst wenn, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von sechsundvierzig Jahren, auch dieser Lebensabschnitt nicht lange währt. Die Kinder wirken stärker, aber sie leben gefährlich.

Bruce Chatwin, der das Land liebte, schrieb einmal eine "Wehklage für Afghanistan": "Ich kann mir vorstellen, was mit dem verkrüppelten Jungen geschehen ist, der uns aus seinem Bergdorf das Abendessen herunterbrachte. Er kam die Felswand herab, seine Krücke und sein lahmes Bein schwingend, und er hielt, ich weiß nicht wie, die Schüssel und eine brennende Fackel in den Händen. Er sang, während wir aßen - aber sie haben das Dorf bombardiert." Das war 1980, wenige Monate nach der sowjetischen Invasion.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2003, Nr. 286 / Seite 35
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