25.05.2009 · Ein Deutschaustralier bringt Kindern in Kabul das Leben auf vier Rollen bei und will, dass sie in eine neue Gesellschaft fahren. Viele Ausländer in Kabul halten ihn für verrückt, doch Oliver Percovich macht weiter.
Von Friederike BögeEinen Spielplatz für Kinder stellt man sich anders vor. Der trockengelegte Zementbrunnen im Zentrum Kabuls liegt direkt neben einer sechsspurigen Straße. Militärkonvois, Taxis und die Geländewagen der Hilfsorganisationen rauschen vorbei. Oliver Percovich lädt die Skateboards aus dem Auto. Kinder sind weit und breit nicht zu sehen.
Doch schon nach drei Minuten klettern zwei Bettlermädchen über den Zaun. Ein kleiner Junge kommt aus einer Seitenstraße angelaufen. Bald rollern 15 Jungen und zehn Mädchen durch den Brunnen. Manche von ihnen arbeiten als Schuh- oder Scheibenputzer an der Kreuzung. Sie tragen Plastikschlappen und löchrige Trainingshosen. Andere kommen aus den umliegenden Wohnblocks im Stadtteil Macrorayan, in dem die Kabuler Mittelklasse wohnt. Sie sind an ihren gebügelten Markenjeans zu erkennen. Nirgendwo sonst in der Stadt spielen diese Kinder zusammen.
Klare Hackordnung
Der Mann, der sie dazu gebracht hat, ist Chemiker und kommt aus Melbourne. Zuletzt hat der Vierunddreißigjährige für den australischen Katastrophenschutz gearbeitet. Nun kommt er jeden Tag an den Kabuler Brunnen, seit Monaten schon, und verteilt Skateboards an afghanische Kinder. Meistens steht er einfach nur am Rand und stellt sicher, dass der Streit um die Bretter nicht eskaliert. "Normalerweise gibt es in Afghanistan eine klare Hackordnung", sagt Percovich. Die Jungen schubsen die Mädchen weg, die reichen Kinder verdrängen die armen und die Paschtunen die Hazaras. "Wir versuchen, das zu ändern", sagt der Australier, der deutsche Vorfahren hat. Gemeinsam mit ein paar Freunden hat er in Kabul einen Verein gegründet: "Skateistan".
Percovich ist anders als die meisten Ausländer in Afghanistan. Er besitzt kein Satellitentelefon und auch keinen Geländewagen, sondern nur ein chinesisches Motorrad. Vor zwei Jahren kam er ins Land, weil seine Freundin hier eine Arbeitsstelle antrat. Zunächst arbeitete Percovich als Geschäftsführer in einer Snack-Bar im Hauptquartier der Nato-Truppen und kam sich vor wie ein Undercover-Agent. "Die Soldaten und ich lebten auf zwei verschiedenen Planeten", sagt der Australier. Während sie sich hinter hohen Mauern und schusssicheren Westen verschanzten, lief er in seinem gestreiften Kapuzenpulli zu Fuß durch Kabul nach Hause. Wie immer, wenn er auf Reisen war, hatte er auch dieses Mal sein Skateboard dabei. Kaum packte er es aus, war er sofort von Kindern umringt. So entstand die Idee für das Projekt "Skateistan".
Auf einer Steinbank neben dem Brunnen sitzt Feruz und beobachtet zwei Mädchen, die sich ein Skateboard teilen. Der Vierzehnjährige ist der Sohn eines Piloten und einer von Percovichs freiwilligen Helfern. Er weiß, was von ihm erwartet wird. "Ich will die Mädchen motivieren", sagt er durch die Nase, so dass es ein wenig nach Schlaumeier klingt. Er wartet darauf, dass die beiden einen neuen Trick ausprobieren, damit er "sehr gut" rufen kann.
Folgen des Krieges
Plötzlich bricht im Brunnen ein Streit aus. Zwei Jungen zerren an einem der Skateboards. Ein dritter springt dazwischen und schlägt beiden mit voller Wucht auf die Schultern. "So ist das in Afghanistan", kommentiert Feruz trocken. "Das sind die Folgen des Krieges." Wenn Percovich die Kinder nicht beaufsichtigen würde, würde hier jeder gegen jeden kämpfen, glaubt Feruz.
Das glaubt auch Percovich. Der Australier blickt in den kleinen Brunnen - und sieht eine neue Gesellschaftsordnung. "Das Skateboard ist nur ein Lockmittel, um mit den Kindern zu arbeiten." Es gehe darum, Vertrauen und Respekt zu fördern, diese Werte seien in der verrohten Kriegsgesellschaft verlorengegangen. "Ohne sie sind alle anderen Reformbemühungen im Land zum Scheitern verurteilt", sagt der Skater. Ethnische und soziale Spannungen seien die Ursache für den mangelnden Erfolg vieler Hilfsprojekte. Deshalb will Percovich bei den Kindern unter 18 ansetzen, die noch zu beeinflussen sind und die immerhin mehr als die Hälfte der afghanischen Bevölkerung stellen. Für die meisten von ihnen ist die Kindheit nur eine Idee aus dem Fernsehen. Die Armut zwingt sie zu arbeiten, häusliche Gewalt und Drogensucht sind weit verbreitet.
Noch sind es nur ein paar Dutzend Kabuler Jungen und Mädchen, die überhaupt wissen, wozu ein rollendes Brett gut sein kann. Doch Skateistan plant den Bau einer eigenen Halle, den die deutsche Bundesregierung mit 50.000 Euro unterstützt. Bislang ist erst die Hälfte des Geldes zusammengekommen. Die Geberorganisationen waren nicht so leicht zu überzeugen wie die Kinder.
Hilfsorganisationen haben Kontakt verloren
Viele Ausländer in Kabul halten Percovich für verrückt. Ein Selbstmordattentäter könne ihn und die Kinder angreifen. Andere halten die Arbeit mit bettelnden, potentiell gewalttätigen Jugendlichen für gefährlich. Und wieder andere prophezeiten anfangs, dass kein afghanischer Vater seiner Tochter das Skaten erlauben würde. "Dabei hat es noch nie jemand versucht", sagt Percovich. Er hält das nur für ein weiteres Indiz, dass die Hilfsorganisationen vor lauter Sicherheitsbedenken längst den Kontakt zur afghanischen Bevölkerung verloren hätten. "Als ich drei Wochen hier war, fragten mich Leute, die seit Jahren in Kabul lebten, wie die Stadt denn so sei."
Ein paar Meter weiter lehnt ein Herr mit Schnauzbart am Zaun und beobachtet, wie seine fünfjährige Tochter auf einem Skateboard balanciert. "Es gibt in Kabul keine Spielplätze für Kinder", sagt der Zollbeamte Adjab Gul. Deshalb sei das Projekt so wichtig. Außerdem gebe es den Kindern Gelegenheit, mehr über die westliche Kultur zu erfahren. Dass seine Tochter, adrett im rosa Kleidchen, zusammen mit Bettlerkindern spielt, störe ihn nicht, sagt der Beamte. "Die Kinder müssen lernen, sich gegenseitig zu akzeptieren." Das sei der beste Weg, um den Hass, den der Krieg geschürt hat, zu verbannen.
Hinfallen als gutes Gefühl
Auf einmal stürzt ein Mädchen beim Versuch, mit dem Skateboard vom Brunnenrand zu springen. Es heißt Fazila, ist elf Jahre alt und trägt Männerkleidung. Jeden Tag kommt es zum Skateboard-Fahren. "Ich suche einen Job", sagt Fazila zur Begründung, während ihr Gesichtsausdruck ständig zwischen Freude und Verzweiflung schwankt, wie man es bei vielen Bettlerkindern in Kabul beobachten kann. Sie habe gehört, dass Percovich einen der Autowäscher als Projektmitarbeiter eingestellt hat. Und was gefällt ihr am Skaten so gut? "Hinzufallen", sagt Fazila. Das gebe ihr ein gutes Gefühl.
Nachher wird das Mädchen wieder zur Arbeit gehen, wie die meisten Kinder in Afghanistan. Es wird mit einer Weihrauchdose am Straßenrand stehen, um böse Geister zu vertreiben. Die meisten Passanten zahlen lieber dafür, dass Fazila so schnell wie möglich verschwindet. Zwei Dollar täglich verdient sie auf diese Weise. Daran wird auch Skateistan nichts ändern können. Aber immerhin kann sie nun eine Stunde am Tag das tun, was anderswo selbstverständlich ist: spielen.