http://www.faz.net/-gum-7rn5b

Interview mit Autor Fletcher : Ein Brite will die deutsche Sprache retten

  • Aktualisiert am

Adam Fletcher Bild: privat

Anglizismen in der deutschen Sprache sind vielen ein Graus. Ausgerechnet ein Brite will das Deutsche retten und das Englische deutscher machen. Ein Gespräch mit dem Autor Adam Fletcher über die Poesie von Ohrwürmern und Eselsbrücken.

          In Ihrem Buch „Denglisch for Better Knowers“ übersetzen Sie deutsche Wörter und Redewendungen ins Englische. Welche Redewendung mögen Sie besonders gern?

          „Nice is the little brother of shit“ ist mein Liebling! Die Redewendung sagt viel über die oft sehr direkte deutsche Mentalität. Die Briten sind nicht direkt, sie spielen viel mit Subtext, um nicht unhöflich zu sein. Aber das macht mehr Probleme, als es löst. Die Deutsche haben eine gute, direkte Art, das macht es einfacher, in Deutschland zu leben. In England streitet man sich ein Mal richtig doll, hier gibt es stattdessen fünf kleine Streits. Insofern haben die Deutschen recht damit, dass „nett“ manchmal der kleine Bruder von „scheiße“ ist.

          Und welches ist Ihr Lieblingswort?

          „Ohrwurm“ ist schön, es gibt keine Möglichkeit, das auf Englisch zu sagen, außer mit komplizierten Formulierungen wie „dieses Lied geht mir die ganze Zeit im Kopf herum.“ Inzwischen existiert das denglische Wort „Earworm“ sogar im Englischen, das finde ich toll. „Doch“ ist ein schönes Wort, das gibt es auch nicht auf Englisch. Wenn einem jemand mit „yes“ widerspricht, muss man immer nachhaken, wie das jetzt gemeint war. Und die „Eselsbrücke“, auf Denglisch „Donkeybridge“, zeigt die Poesie der deutschen Sprache. Es gibt nichts Vergleichbares auf Englisch, höchstens die Gedächtnisstütze, „memory aid“, aber das ist nicht so süß wie die Eselsbrücke.

          Deutsche müssen sicherlich schmunzeln, wenn sie Wörter wie „Party evening“ lesen. Aber ist das für englische Muttersprachler überhaupt lustig?

          Ja, es ist auch für uns ziemlich lustig. Schon alleine, weil man jemandem in Deutschland schon morgens um zehn einen schönen Feierabend wünschen kann, was im Englischen erst abends geht. Außerdem ist das englische Wort für Feier, „Party“, relativ extrem: Geburtstagsparty, „political party“. Eine Party ist nicht gerade etwas, was man nach einer Schicht im Supermarkt macht. Das wäre wohl eher ein Sofa-Abend.

          Amüsante Wortspiele. Aber Sie sagen, Ihr Buch ist mehr als das. Warum?

          Beim Fernsehen ist mir aufgefallen, wie viele überflüssige englische Wörter verwendet werden, zum Beispiel in Sendungen wie „Germany’s next Topmodel“, wo das ja bereits im Titel der Fall ist. Aber auch in den Nachrichten. Die „Flatrate“ zum Beispiel ist einfach eine Pauschale, der „Lifestyle“ der Lebensstil und „Design“ die Gestaltung. Mein Mit-Autor Paul Hawkins und ich wollten das umdrehen. Wir haben uns gefragt: Was kann das Englische vom Deutschen lernen? Kann man nicht mal die englische Sprache mit deutschen Wörtern verbessern?

          Das ist doch aber ironisch gemeint oder glauben Sie ernsthaft, die deutsche Sprache durch Denglish retten zu können?

          Oscar Wilde hat mal gesagt: „Wenn du den Leuten die Wahrheit sagen willst, bring sie zum Lachen, sonst werden sie dich umbringen.“ Ich denke, was ich über den Gebrauch englischer Wörter aus Faulheit oder die Möglichkeit, Englisch mit Deutsch zu verbessern, sage, stimmt schon. Aber indem ich mit Ironie und Humor an die Sache herangehe, wird es einfach annehmbarer und weniger ernst.

          Warum wollen Sie die deutsche Sprache so unbedingt vor dem Englischen retten?

          Auch mit englischen Wörtern kann man sich im Deutschen ausdrücken, aber eine Sprache ist der Schlüssel zu einer Kultur und zu den Menschen eines Landes, und wenn die Wörter dieser Sprache verschwinden, ist das einfach traurig. Lehnwörter aus anderen Sprachen gab es schon immer, sie kommen und gehen. Aber schwierig wird es, wenn Lehnwörter nicht wieder gehen, weil die Menschen faul sind oder Marketing-Abteilungen es aufregend finden, englische Wörter zu benutzen. Das ist nicht nur unsinnig, sondern auch schwer für alte Menschen, die kein Englisch können und auf diese Weise diskriminiert werden.

          Vor Ihrem aktuellen Buch haben Sie ein anderes herausgebracht: „How to be German“. Darin beschreiben Sie, was typisch Deutsch ist. Sind englische und deutsche Gepflogenheiten tatsächlich so verschieden?

          Die Unterschiede zwischen Deutschland und England liegen, im Gegensatz zu denen zwischen Europäern und Nicht-Europäern, eher in kleinen Details. Aber die machen den Alltag aus und damit letztlich das Leben. Ein Beispiel: „How to be German“ erschien erst als Blog im Internet, und ich wurde überflutet von Kommentaren, die mir erklärten, wie recht oder unrecht ich hätte. Klugscheißen ist etwas typisch Deutsches! Deswegen kommt „Smart Shitters“ auch als Denglisch-Beispiel im Untertitel des zweiten Buches vor. Wenn ich zum Beispiel eine Geschichte erzähle und sage „wir waren um sieben im Kino...“, unterbricht mich meine deutsche Freundin und sagt: „Es war dreiviertel sieben.“ Das mag stimmen, aber macht doch keinen Unterschied für die Geschichte!

          Was denken Sie über gängige deutsche Klischees wie Fleiß und Pünktlichkeit?

          Pünktlichkeit ist zwar typisch deutsch, aber das wurde schon so oft gesagt und geschrieben, dass ich das nicht mehr machen muss. In meinem Buch konzentriere ich mich auf andere Dinge, zum Beispiel Hausschuhe zu tragen oder Apfelsaftschorle zu trinken. Einiges trifft vielleicht auch eher auf deutsche Großstädte zu, als auf ganz Deutschland.

          Und was unterscheidet das Großstadt-Leben in Berlin von dem in London?

          In London muss man wirklich arbeiten, um überleben zu können, während man in Berlin mit 500, 600 Euro im Monat als Künstler relativ gut leben kann, auch wenn sich das langsam verändert. Dadurch ist die Hipster-Szene, in der ich mich bewege, in Berlin anders. Die Leute haben genug Zeit, um Hipster zu sein, Cupcakes zu backen, alternative Poesie zu schreiben, Banjo spielen zu lernen. Berlin ist ein Hipster-Disneyland, und das ist keine Option für London.

          Die Fragen stellte Leonie Feuerbach.

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Zyklon „Kai-Tak“ wütet über den Philippinen Video-Seite öffnen

          Sturm in Asien : Zyklon „Kai-Tak“ wütet über den Philippinen

          Vor rund vier Jahren wurde die Region vom Sturm „Haiyan“ verwüstet, wodurch über 7300 Menschen ums Leben kamen. Jetzt fegt der Zyklon über dien östlichen Teil der Philippinen mit Windgeschwindigkeiten von rund 100 Stundenkilometern und starken Regenfällen.

          Regionalzug rammt Schulbus Video-Seite öffnen

          Tragischer Unfall : Regionalzug rammt Schulbus

          Beim Zusammenstoß eines Schulbusses mit einem Regionalzug in Südfrankreich sind mehrere Kinder und Jugendliche ums Leben gekommen. Präsident Emmanuel Macron erklärte, die Behörden stünden an der Seite der Angehörigen.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          VfB-Trainer Hannes Wolf: Vor dem Spiel gegen den FC Bayern München plagen ihn große Personalsorgen.

          Erste Bundesliga : Dem VfB geht die Luft aus

          Neben wachsenden Personalsorgen werden in Stuttgart auch Stimmen lauter, die langsam am Klassenerhalt zweifeln. Ausgerechnet jetzt – im letzten Ligaspiel vor der Winterpause – geht es gegen den Rekordmeister.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.