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Germanwings-Katastrophe : Das Wort „Selbstmord“ ist zu schwach

Der Himmel, ein friedlicher Ort? Ein Flugzeug startet am Flughafen Köln-Bonn. Bild: Reuters

Ein Pilot reißt 149 Menschen mit sich in den Tod. Die Tat ist zu furchtbar für jegliche Rechtfertigung. Aber ihren Keim findet man auch anderswo.

          Der französische Staatsanwalt wollte nicht von „suicide“ sprechen - angesichts der vielen Leben, die dieser vermaledeite Kopilot ausgelöscht hat. Leben, die ihm anvertraut waren. Im Deutschen sagt man Selbstmord, die Bezeichnung Suizid hat sich noch nicht durchgesetzt. Sie wird zumeist fachsprachlich verwendet, von Ärzten, Psychiatern, Juristen. Selbstmord ist ein Wort, das flackert, je nachdem, welche seiner beiden Silben man betont. Es ist kein akustisches, sondern ein moralisches Flackern. Was ist wichtiger: das Selbst oder der Mord, das Ich oder die anderen?

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Selbstmord: Dieses Wort ist so aufgeladen, weil Mord böse ist. In der religiösen Überlieferung beginnt die Geschichte des Bösen mit einem Brudermord. Eines Selbstmords erstes Opfer ist aber der Täter. Er ist allerdings selten das letzte. Gleichwohl, wer Mitgefühl, Verständnis für ihn aufbringen will, den muss der Mord im Selbstmordwort stören: weil er die Tat qualifiziert. In das Gebot „Du sollst nicht töten“ schließt er das Selbst mit ein. Du sollst nicht töten, auch dich selbst nicht.

          Darüber diskutiert unsere Gesellschaft viel, ganz unabhängig von dem grauenhaften Unglück dieser Woche. Auf Plakaten werben Prominente mit geschlossenen Augen für den frei gewählten Tod. Einer von ihnen war der ehemalige Intendant Udo Reiter. Auch der Journalist Fritz J. Raddatz oder der „Lebemann“ Gunter Sachs haben ihren Selbstmord öffentlich gerechtfertigt, bevor sie ihn begangen haben. Dafür taugt aber das Wort nicht, man spricht lieber nüchtern von Suizid, vielleicht etwas härter von Selbsttötung. Will man den moralischen Schub umkehren, wählt man den „Freitod“. Der Mord wird durch den Tod ersetzt, der bekanntlich keine Unterschiede macht, und das Selbst durch das schöne Ideal der Freiheit. Nun schwingt sogar mit, dass durch den Tod die Freiheit nicht bloß gebraucht, sondern erlangt werden kann, eine Selbstverwirklichung in Autonomie. Mindestens aber Freiheit von Schmerzen, Ängsten, Qualen, von einem Leben, das lebensunwert erscheint. Vielleicht auch einem unerträglich gewordenen Selbst - wenn etwa Depressionen das Gemüt in einen schwarzen Tunnel gezwungen haben.

          Aber im Fall des Kopiloten ist das Wort Freitod nicht zu gebrauchen, es nimmt hier einen unerträglich zynischen Klang an. Es gibt kein Bedürfnis nach Entschuldigung oder Rechtfertigung angesichts eines solchen Massenmords, durch den einer, dem das eigene Leben nichts mehr wert war, so viele andere auslöschte. Das ist nicht dasselbe, wie sich irgendwo einsam die Kugel zu geben oder Tabletten zu nehmen; etwas, das der sportliche junge Mann gerade nicht getan hat. Nach allem, was wir wissen, hat er die Gelegenheit zu einer Tat ergriffen, die er dann unbewegt, unbeirrbar, ruhig atmend ausführte, die Rettung verhindernd, all die Unschuldigen mit hinabreißend auf seinem Sinkflug in den Tod. Weil er es wollte. Ein mutmaßlich depressiver Selbstmordattentäter, der Massenmord begehen konnte dank der technischen Voraussetzungen, die gerade so etwas verhindern sollten: dass einer ein Flugzeug als Waffe einsetzt. Der Himmel ist kein friedlicher Ort.

          Für eine solche Greueltat erscheint selbst das Wort Selbstmord allzu schwach. Dieses Unglück ist wie ein Krater mit riesigem Wundrand. Man möchte, wenn man hineinschaut, am liebsten schweigen, wünschte, dass einem, weil kein angemessener Ton getroffen werden kann, wenigstens die Stimme bräche. Wie Bundestagspräsident Lammert, als er den Angehörigen und Freunden der Opfer das Mitgefühl des ganzen Landes ausdrückte und über „die jungen, die sehr jungen Menschen“ sprach, die das Flugzeug heil nach Hause hätte tragen sollen. Aber auf dem Zeitungspapier gilt kein Schweigen, dort bricht keine Stimme.

          Der Tod als Diener

          Ein Krater umgibt den Tod immer. Sein Wundrand ist der Schnitt durch Beziehungen. Angehörige und Freunde bleiben zurück. Wohin mit dem, was dem Toten gilt? Er ist nicht mehr da. Man kann sich kaum daran gewöhnen, vergisst es noch manchmal, will seinen Schmerz mit dem teilen, der für immer fort ist - und schrickt auf in die Wirklichkeit. Man möchte sein armes, totes Kind trösten. Es ist nicht mehr da. Wie George Brassens sang: Über die Lieben, die im Ozean des Todes versinken, schließen sich die Wasser nie.

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