Maricas Wecker klingelt, sie drückt auf den Knopf, dreht sich um, schläft weiter. Sie hat keine Lust. Sie hat Angst. Sie zögert hinaus, was sich ohnehin schon ein Jahr zu lange hinzieht. Zehn nach acht wacht sie auf, flitzt durch das Haus, sie hat keine Zeit mehr, etwas zu essen, und wird bis nachmittags hungrig bleiben. In einer halben Stunde soll sie im Prüfungsraum sein.
Maricas Vater fährt sie in seinem BMW zur Schule. Er biete ihr sehr viel, hat er ein paar Tage zuvor gesagt. „Doch was sie uns zurückgibt, das ist wenig.“ Jetzt hat Marica die Chance, etwas zurückzugeben. Als sie in den Prüfungsraum hetzt, belehrt die Lehrerin schon die anderen Schüler. Die üblichen formalen Hinweise hat sie verpasst. „Macht nichts“, sagte Marica, „ich kenne das ja alles.“
Wer hinfällt und wieder aufsteht, der wird geachtet
Im vergangenen Jahr hat sie sich schon einmal an Abituraufgaben versucht. Sie gab ihre wenigen Blätter eine Stunde früher ab als notwendig. Sie hatte so gut wie nichts gelernt. Ein paar Wochen nach den schriftlichen Prüfungen kam ein Lehrer zu ihr und sagte, dass es nicht reichen wird.
“Ich bin gescheitert“, sagt Marica, die in Wirklichkeit anders heißt und anonym bleiben möchte, heute, zwölf Monate später. Das klingt ziemlich reif für jemanden, der die sogenannte Reifeprüfung nicht bestanden hat. Marica ist das Risiko eingegangen und hat die 13. Klasse wiederholt. Sie ist so etwas wie der Arjen Robben ihrer Schule. Der Bayern-Spieler trat im Halbfinale der Champions League zum Elfmeter an, obwohl er zwei Wochen zuvor einen entscheidenden Elfmeter in der Bundesliga verschossen hatte. Beim zweiten Mal traf Robben ins Tor.
Wenn Marica in diesem Jahr besteht, dann wird sie in ihrer Familie und von ihren Freunden gefeiert wie Robben von den Bayern-Fans. Ihr früheres Scheitern hätte nachträglich einen Sinn. Wer hinfällt und wieder aufsteht, der wird geachtet. Wer hinfällt und wieder hinfällt, der wird bestenfalls bemitleidet. Auf die Frage, was passiert, wenn Marica noch einmal durchfällt, antwortet ihr Vater: „Sie wird nicht durchfallen.“ Marica: schmales Gesicht, dunkelblonde Haare, Ray-Ban-Brille, versucht sich an einem Lächeln, als er das sagt. Sie weiß, dass sie nun so diszipliniert und fleißig sein muss wie ihre Eltern.
Nicht zu dumm, höchstens zu faul
Mit Anfang zwanzig waren sie vom Balkan nach Deutschland geflohen. Sie hatten einen Schulabschluss, aber kein Abitur. Der Vater war Handwerker. Heute hat er seinen eigenen Betrieb, wahrscheinlich wird er darin in diesem Jahr seinen Meisterbrief aufhängen können. Lange lebte die Familie in einer Dreiraumwohnung im Plattenbau. Heute, sagt Marica, können sie sich auf jedem Stockwerk in drei Räumen ausbreiten. Sie sind vor zwei Jahren eingezogen, doch das Haus riecht immer noch neu, die Lichtschalter glänzen. Wenn Marica die Tür zum ersten Mal für einen neuen Besucher aufschließt, dann sagt sie so etwas wie „voll protzig“. Es klingt, als wäre es ihr peinlich, dass alles so schick und so groß ist.
Nach der Grundschule wollte Marica unbedingt aufs Gymnasium. „Ich will Abi“, hat sie damals gesagt. Ihre Lehrerin war skeptisch - und bekam einige Jahre später recht. In der achten Klasse hatte Marica keine Lust zu lernen, Französisch erst recht nicht, unter ihrer Klassenarbeit stand eine rote Sechs.
Die Eltern wurden böse, Marica wollte es ihnen beweisen. Sie ließ sich die Vokabeln im Internet vorlesen, sprach die Wörter nach und bekam bei der nächsten Arbeit eine Eins. Da merkte Marica, dass sie die Schule packt, wenn sie es will. Dass sie nicht zu dumm ist, höchstens zu faul.
Ihre Eltern sahen, wie unglücklich sie war
Auch Autofahren wollte Marica unbedingt. Drei Wochen nach der ersten Theoriestunde konnte sie den Führerschein abholen. Ihre Eltern kauften einen Mini, den Marica und ihre Mutter fahren sollten. „Wir haben sie verwöhnt“, sagt ihr Vater heute.
Marica kutschierte ihre Freunde durch die Großstadt. Sie lungerte mit ihnen in der Bibliothek herum, sie kicherten viel, nur gelernt hat Marica nichts. Man kann das lässig nennen, leichtsinnig oder arrogant. Immerhin schleppte Marica ein paar Unterlagen mit sich herum, denn einige Freunde hatten „sich die Mühe gemacht, Zusammenfassungen zu schreiben“, sagt sie. Nach der letzten Abiturprüfung schmissen sie alles weg, es war eine Genugtuung. Maricas Name wurde auf das Abi-Shirt gedruckt. Dann erfuhr sie, dass sie nicht zu den mündlichen Prüfungen zugelassen war. In diesem Moment wurde aus ihrer Arroganz Angst.
Ihre Eltern sahen, wie unglücklich sie war. Sie schimpften kaum. Böse wurden sie erst, als Marica das Abi nicht wiederholen, sondern sich für ein langes Praktikum bewerben wollte. Danach würde sie das Fachabitur bekommen, das würde reichen, um sich an Fachhochschulen einzuschreiben. Ihr Vater drohte, dann müsse sie ausziehen.
Marica wollte noch einen Abi-Ball als Absolventin miterleben
Der schlimmste Tag ihrer Schulzeit lag da noch vor ihr: der Abi-Ball. Diese Bälle sind sehr versöhnliche Veranstaltungen: Die Schülerinnen stolzieren in hübschen Kleidern auf die Bühne. Die Eltern applaudieren in ihren Ausgehsachen. Die Lehrer sind entweder stolz auf ihre Schüler oder freuen sich zumindest, sie nicht mehr unterrichten zu müssen.
Schüler wie Marica sind die einzigen, die auf dem Abi-Ball nichts zum Freuen haben. Trotzdem ging sie hin. Manche Lehrer von früher gratulierten ihr. Sie hatten gar nicht mitbekommen, dass Marica die Prüfungen nicht bestanden hatte. Was sie jetzt machen wolle? Marica wusste es nicht. Es war eine Schande, dass sie die Prüfungen vergeigt hatte, natürlich war es das. Aber es wäre eine Katastrophe, wenn ihr das noch einmal passieren würde. Wer die 13. Klasse wiederholt, der muss danach die Schule verlassen - egal ob mit oder ohne Abi.
Marica wollte noch einen Abi-Ball als Absolventin miterleben, sie wiederholte das Jahr. Sie verstand den Unterricht besser, sie hatte das meiste schon mal gehört. Ihre Eltern verboten ihr, weiter als Aushilfsverkäuferin zu jobben, sie durfte nur am Wochenende weggehen und nicht mehr im Internet surfen, wenn sie lernen sollte. Sie leistete keinen Widerstand. Heute sagt sie: „Manchmal brauche ich es noch, dass meine Eltern mich zurechtweisen.“
Sie will immer die Schwächeren schützen und retten
Sechs Wochen vor den zweiten Abiturprüfungen ihres Lebens nahm sie sich einen kleinen Kalender und ringelte mit unterschiedlichen Farben die Tage ein. An den blauen Tagen wollte sie Mathe lernen, es waren sehr viele blaue Tage. Einmal rechnete sie fünf Stunden lang an einer Aufgabe. Im Haus ihrer Eltern nahm sie sich einen Raum, in dem sie nur lernen wollte. Sie setzte sich auf die Couch, der Computer auf dem Schoß, Toffifee daneben. Für Politik und Wirtschaft, kurz „Powi“, hätte sie drei Themenbereiche lernen müssen: Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft. Vergangenes Jahr hatte sie so gut wie nichts dafür gelernt, dieses Jahr bereitete sie sich immerhin auf zwei Themenbereiche vor.
Ihr Powi-Lehrer hielt das für eine gewagte Taktik. Zumindest sagte er das in der Öffentlichkeit. Er ist jung, trägt Levis, siezt seine Schüler und beginnt den Unterricht zum Beispiel mit „Okay, Leute“. Er wirkt fair und engagiert und sagt über Marica, dass sie sehr emotional und mit einer klaren Einstellung argumentiere. Marica will immer die Schwächeren schützen und retten. Zum deutschen Asylrecht sagte sie im Unterricht: „Uns ist wichtiger, dass die Arbeitslosenquote gering ist, als wenn jedes zweite Kind in Afrika stirbt.“ Nur aufschreiben kann sie ihre Meinung nicht so gut. „Ihr fehlt ein bisschen Struktur und Sorgfalt“, sagt der Powi-Lehrer. Und Klausuren versaue sie gern mal.
Das neue Abi-Shirt ist schon gedruckt
Nach der Abi-Prüfung in Powi hatte Marica ein gutes Gefühl. Sie musste über die deutsche Außenpolitik beim Libyen-Einsatz schreiben, die Prinzipien der Bundesrepublik auflisten oder, wie Marica es sagt: „Demokratie und das alles“. Sie prahlt nicht gern mit ihrem Wissen, aber sie hat oft genug gelesen, dass zu „das alles“ auch der Föderalismus, der Sozialstaat oder der Rechtsstaat gehören. Sie malte sich eine Gliederung auf, sie verkniff es sich, auf die Toilette zu gehen, und pustete nach der Prüfung auf die Blase an ihrem Daumen.
Jetzt, im Mai, kann Marica nur noch warten. Sie hat sich einen Studiengang herausgesucht: Medienmanagement. Ihr Vater findet das okay. Es ist ihm nicht wichtig, was seine Tochter macht, sondern dass sie es zu Ende macht.
“Ich will nicht wieder alle enttäuschen“, sagt Marica. Am kommenden Mittwoch erfährt sie, ob sie für die mündlichen Prüfungen zugelassen ist. Das neue Abi-Shirt ist schon gedruckt. Maricas Name steht darauf.
Immer mehr junge Menschen in Deutschland machen das Abitur. Im Jahr 2011 haben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 506.000 Schülerinnen und Schüler die Hochschul- oder Fachhochschulreife erworben (vorläufige Zahlen). Der Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr um 10,3 Prozent verdankt sich auch den doppelten Abiturjahrgängen in Bayern und Niedersachsen, wo die Gymnasialzeit verkürzt wurde.
Der Anteil derjenigen, die in ihrer Altersgruppe das Abitur ablegten, lag im Jahr 2010 bei 49 Prozent; noch 1992 lag dieser Anteil, die sogenannte Studienberechtigtenquote, bei lediglich 30,8 Prozent. Deutlich mehr Mädchen als Jungen bestehen das Abitur. Im Jahr 2011 waren 55,2 Prozent aller Abiturienten weiblich und nur 44,8 Prozent männlich.
In Deutschland gibt es kein einheitliches Abitur, weshalb die Prüfungstermine in den einzelnen Bundesländern zum Teil weit auseinanderliegen. Während etwa in Rheinland-Pfalz die Schüler schon seit März alles hinter sich haben, wird in Niedersachsen bis in den Juli hinein geprüft.
Zwei mal Abi
Friedemann Claar (claarsen)
- 14.05.2012, 15:56 Uhr
Im Jahr 2011 waren 55,2 Prozent aller Abiturienten weiblich und nur
44,8 Prozent männlich
Michael Rakete (CaptainSpaulding)
- 14.05.2012, 15:19 Uhr
Kein Weltuntergang
Claudia Sommer (BlackMyHeart)
- 14.05.2012, 12:15 Uhr