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Abiturwiederholung : Maricas zweite Chance

  • -Aktualisiert am

Wie bei Robbens Elfmetern gilt: Wenn sie besteht, hat ihr früheres Scheitern einen Sinn gehabt - Marica Anfang April zu Hause beim Lernen Bild: Frank Röth

Dass sie beim ersten Mal ihr Abitur vergeigte, war schlimm, klar. Aber wenn ihr das noch mal passieren würde - es wäre eine Katastrophe. Von einem Mädchen und einer echten Reifeprüfung.

          Maricas Wecker klingelt, sie drückt auf den Knopf, dreht sich um, schläft weiter. Sie hat keine Lust. Sie hat Angst. Sie zögert hinaus, was sich ohnehin schon ein Jahr zu lange hinzieht. Zehn nach acht wacht sie auf, flitzt durch das Haus, sie hat keine Zeit mehr, etwas zu essen, und wird bis nachmittags hungrig bleiben. In einer halben Stunde soll sie im Prüfungsraum sein.

          Maricas Vater fährt sie in seinem BMW zur Schule. Er biete ihr sehr viel, hat er ein paar Tage zuvor gesagt. „Doch was sie uns zurückgibt, das ist wenig.“ Jetzt hat Marica die Chance, etwas zurückzugeben. Als sie in den Prüfungsraum hetzt, belehrt die Lehrerin schon die anderen Schüler. Die üblichen formalen Hinweise hat sie verpasst. „Macht nichts“, sagte Marica, „ich kenne das ja alles.“

          Wer hinfällt und wieder aufsteht, der wird geachtet

          Im vergangenen Jahr hat sie sich schon einmal an Abituraufgaben versucht. Sie gab ihre wenigen Blätter eine Stunde früher ab als notwendig. Sie hatte so gut wie nichts gelernt. Ein paar Wochen nach den schriftlichen Prüfungen kam ein Lehrer zu ihr und sagte, dass es nicht reichen wird.

          Im Haus ihrer Eltern nahm sich Marica einen Raum, in dem sie nur lernen wollte. Einmal rechnete sie dort fünf Stunden lang an einer Mathematik-Aufgabe
          Im Haus ihrer Eltern nahm sich Marica einen Raum, in dem sie nur lernen wollte. Einmal rechnete sie dort fünf Stunden lang an einer Mathematik-Aufgabe : Bild: Frank Röth

          “Ich bin gescheitert“, sagt Marica, die in Wirklichkeit anders heißt und anonym bleiben möchte, heute, zwölf Monate später. Das klingt ziemlich reif für jemanden, der die sogenannte Reifeprüfung nicht bestanden hat. Marica ist das Risiko eingegangen und hat die 13. Klasse wiederholt. Sie ist so etwas wie der Arjen Robben ihrer Schule. Der Bayern-Spieler trat im Halbfinale der Champions League zum Elfmeter an, obwohl er zwei Wochen zuvor einen entscheidenden Elfmeter in der Bundesliga verschossen hatte. Beim zweiten Mal traf Robben ins Tor.

          Wenn Marica in diesem Jahr besteht, dann wird sie in ihrer Familie und von ihren Freunden gefeiert wie Robben von den Bayern-Fans. Ihr früheres Scheitern hätte nachträglich einen Sinn. Wer hinfällt und wieder aufsteht, der wird geachtet. Wer hinfällt und wieder hinfällt, der wird bestenfalls bemitleidet. Auf die Frage, was passiert, wenn Marica noch einmal durchfällt, antwortet ihr Vater: „Sie wird nicht durchfallen.“ Marica: schmales Gesicht, dunkelblonde Haare, Ray-Ban-Brille, versucht sich an einem Lächeln, als er das sagt. Sie weiß, dass sie nun so diszipliniert und fleißig sein muss wie ihre Eltern.

          Nicht zu dumm, höchstens zu faul

          Mit Anfang zwanzig waren sie vom Balkan nach Deutschland geflohen. Sie hatten einen Schulabschluss, aber kein Abitur. Der Vater war Handwerker. Heute hat er seinen eigenen Betrieb, wahrscheinlich wird er darin in diesem Jahr seinen Meisterbrief aufhängen können. Lange lebte die Familie in einer Dreiraumwohnung im Plattenbau. Heute, sagt Marica, können sie sich auf jedem Stockwerk in drei Räumen ausbreiten. Sie sind vor zwei Jahren eingezogen, doch das Haus riecht immer noch neu, die Lichtschalter glänzen. Wenn Marica die Tür zum ersten Mal für einen neuen Besucher aufschließt, dann sagt sie so etwas wie „voll protzig“. Es klingt, als wäre es ihr peinlich, dass alles so schick und so groß ist.

          Im Jahr 2011 waren es rund 506.000 Schülerinnen und Schüler: Immer mehr junge Menschen in Deutschland machen das Abitur, wie hier an einem bayerischen Gymnasium
          Im Jahr 2011 waren es rund 506.000 Schülerinnen und Schüler: Immer mehr junge Menschen in Deutschland machen das Abitur, wie hier an einem bayerischen Gymnasium : Bild: dapd

          Nach der Grundschule wollte Marica unbedingt aufs Gymnasium. „Ich will Abi“, hat sie damals gesagt. Ihre Lehrerin war skeptisch - und bekam einige Jahre später recht. In der achten Klasse hatte Marica keine Lust zu lernen, Französisch erst recht nicht, unter ihrer Klassenarbeit stand eine rote Sechs.

          Die Eltern wurden böse, Marica wollte es ihnen beweisen. Sie ließ sich die Vokabeln im Internet vorlesen, sprach die Wörter nach und bekam bei der nächsten Arbeit eine Eins. Da merkte Marica, dass sie die Schule packt, wenn sie es will. Dass sie nicht zu dumm ist, höchstens zu faul.

          Ihre Eltern sahen, wie unglücklich sie war

          Auch Autofahren wollte Marica unbedingt. Drei Wochen nach der ersten Theoriestunde konnte sie den Führerschein abholen. Ihre Eltern kauften einen Mini, den Marica und ihre Mutter fahren sollten. „Wir haben sie verwöhnt“, sagt ihr Vater heute.

          Marica kutschierte ihre Freunde durch die Großstadt. Sie lungerte mit ihnen in der Bibliothek herum, sie kicherten viel, nur gelernt hat Marica nichts. Man kann das lässig nennen, leichtsinnig oder arrogant. Immerhin schleppte Marica ein paar Unterlagen mit sich herum, denn einige Freunde hatten „sich die Mühe gemacht, Zusammenfassungen zu schreiben“, sagt sie. Nach der letzten Abiturprüfung schmissen sie alles weg, es war eine Genugtuung. Maricas Name wurde auf das Abi-Shirt gedruckt. Dann erfuhr sie, dass sie nicht zu den mündlichen Prüfungen zugelassen war. In diesem Moment wurde aus ihrer Arroganz Angst.

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