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Abitur-Noten : Und plötzlich ist der Olli schlau

Bayern: 2,43 auf 2,35 Bild: Jan-Hendrik Holst

Die Abi-Noten werden immer besser - weil die Politik dran dreht. Doch die Schüler werden nicht gebildeter - im Gegenteil.

          Silvano D’Agostino ist sich so gut wie sicher, dass auf seinem Abiturzeugnis die Bestnote 1,0 stehen wird, wenn er in knapp zwei Wochen sein Zeugnis bekommt. Der Achtzehnjährige besucht die zwölfte Klasse des Hermann-Böse-Gymnasiums in Bremen, und bisher hat er alle nur möglichen Punkte erreicht. Getan hat er allerdings wenig für die Schule: Pro Abiklausur einen Nachmittag lang gelernt. Gereicht hat das locker. Im Herbst wird D’Agostino nach Harvard gehen, er hat ein Stipendium bekommen.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor den Sommerferien ist es wieder so weit. Dann bekommen rund 330 000 Abiturienten in ganz Deutschland ihre Zeugnisse. Seit Jahren sind es so viele, die Quote der Abiturienten liegt stabil bei um die 40 Prozent, während sie vor zwanzig Jahren noch bei 27 Prozent lag. Und damit nicht genug: Wie von Zauberhand werden diese Schüler auch immer besser.

          Der Anteil derjenigen, die ein glattes Einserabitur gemacht haben, ist allein zwischen 2006 und 2012 bundesweit um vierzig Prozent gestiegen - auf 4600 Schüler. Auch die Durchschnittsnote der Abiturienten hat sich in fast allen Bundesländern verbessert (Ausnahmen: Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern). Spitzenreiter ist Berlin mit einer Steigerung der Durchschnittsnote von 2,68 auf 2,4 zwischen 2006 und 2012. (Die Entwicklung in allen Bundesländern finden Sie in der Bilderstrecke)

          Durchlässigkeit der Gesellschaft

          Gibt es also heute mehr kluge junge Leute als früher? Oder bekommen bloß immer mehr Schüler ihr Abitur hinterhergeschmissen?

          Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat darauf eine klare Antwort: „Wenn man ihren Bildungsstand in Pisa-Punkten misst, sind jetzt auch Studenten an den Hochschulen, die nicht so gut sind wie die Studenten von früher.“ Der Bildungsexperte Axel Plünnecke legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass dies nicht an der größeren Dummheit der Abiturienten liegt, sondern an einer nie zuvor dagewesenen Durchlässigkeit der Gesellschaft: „Es kommen ganz neue Gruppen von Schülern an die Hochschulen, die zum Beispiel vorher an beruflichen Schulen waren.“

          In einer noch unveröffentlichten neuen Studie beweist Plünnecke freilich auch: „Wenn man annehmen würde, dass nur die Besten eines Jahrgangs später studieren, so haben einige Studienanfänger heute geringere Mathe-Leistungen bei Pisa als die Studienanfänger früherer Jahre.“ Der Wert sinke zwischen 2003 und 2009 um 17 Punkte. „Das ist eine Menge, ungefähr der Lernfortschritt eines halben Schuljahrs.“ Bei der Lesekompetenz sinkt der Wert sogar um 27 Punkte.

          Wie passt das aber mit den vielen guten Abiturnoten zusammen? Ganz einfach: Bildungsforscher bemängeln, dass das Abitur immer leichter werde und damit eine schleichende Entwertung der Abiturzeugnisse einhergehe. Von einer Noteninflation, die nicht immer zum tatsächlichen Wissensstand der Abiturienten passe, spricht zum Beispiel Rainer Bölling, Autor der „Kleinen Geschichte des Abiturs“.

          Deutschland hinkt hinterher

          Die sei politisch gewollt. Schließlich hinke Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Während in Deutschland 40 Prozent Abitur machen, sind es in anderen hochentwickelten Ländern gut 60 Prozent, in Frankreich sogar 80 Prozent. Da liegt der Gedanke nahe, die Anforderungen an das Abitur zu senken, um auch hierzulande die Abiturientenquote in die Höhe zu treiben und deutsche Schüler notenmäßig wettbewerbsfähig zu machen.

          Dazu wurde an drei entscheidenden Stellschrauben gedreht, wie Ralf Treptow erklärt, der stellvertretende Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien: Erstens wurde das Zentralabitur eingeführt. „Dadurch sind die Noten besser geworden. Das konnte man gut beobachten, als es das Zentralabitur noch nicht in allen Bundesländern gab. Da hinkten die Schüler mit dezentralem Abi hinterher.“ Zweitens hat man in vielen Ländern ein fünftes Abiturprüfungsfach eingeführt, in dem eine „besondere Lernleistung“ geprüft wird. „In diesem fünften Fach gibt es signifikant bessere Noten“, sagt Treptow. Drittens hat sich die Notendefinition geändert: Die gleiche Leistung wird heute besser bewertet als früher. „Im Schnitt sind dadurch alle Schüler in Deutschland um ein Zehntel besser geworden.“

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