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Veröffentlicht: 20.06.2008, 09:45 Uhr

60 Jahre Währungsreform Das Startkapital: Sechs Milliarden D-Mark

Sechzig Jahre ist sie alt, die Währungsreform. Doch wie kam es eigentlich dazu? Und wie ging der Austausch des Geldes vonstatten? Wie viel durfte jeder tauschen, und was passierte mit dem übrigen Reichsmarkguthaben? Ein FAZ-NET-Spezial.

von Thomas Jansen
© dpa Die Bundesbürger nehmen die neuen Scheine in Empfang: 40 Mark für jeden

Streng geheim sollte die Operation „Bird dog“ ablaufen. Die Sowjetunion sollte nichts erfahren, die Deutschen schon gar nicht und die eigene Bevölkerung am besten auch nicht. Selbst die englische Regierung wurde erst ins Vertrauen gezogen, als die Operation schon längst begonnen hatte, als 23.000 Holzkisten von New York nach Bremerhaven verschifft worden waren, im Laufe mehrerer Wochen, von Februar bis April 1948.

In Bremerhaven sollte die Fracht nur zur Weiterfahrt verladen werden, so verhieß es wenigstens ihre Beschriftung: „Barcelona via Bremerhaven“. Eine Tarnung. In Barcelona kamen die Kisten nie an. Man hätte sie dort ohnehin kaum brauchen können. Sie enthielten eine Währung, die es noch nicht gab: Die D-Mark, gedruckt in den Vereinigten Staaten. Es war die Portokasse für die Währungsreform in den deutschen Besatzungszonen, etwa sechs Milliarden D-Mark, das „Startkapital“ des deutschen Wirtschaftswunders, das hier in Raten über den Atlantik befördert wurde.

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Es ging um Einheit oder Teilung

Die Geheimhaltung hatte ihren guten Grund. Eine Blamage wie am 7. Dezember 1947 wollten die Amerikaner partout vermeiden. Damals meldete die Nachrichtenagentur Associated Press, in New York und Washington würde eine neue Währung für Deutschland gedruckt, derweil Washington offiziell noch mit der Sowjetunion darüber verhandelte, ob die Geldscheine ausschließlich in der ehemaligen Reichdsruckerei in Berlin oder zu einem Viertel auch in Leipzig, wie es die Sowjetunion wollte, gedruckt werden sollten. Das hätte eine Lapalie sein können, im Jahr 1947 wurde es zum Nebenschauplatz des eben ausgebrochenen Kalten Krieges. Nicht um Druckereistandorte oder Banknoten, sondern um nichts weniger als die Zukunft des besetzten Deutschlands, um Einheit oder Teilung ging es. Würde die Sowjetunion in der Währungsfrage eigene Wege gehen, so viel war allen Beobachtern klar, wäre eine doppelte Staatsgründung in Deutschland abzusehen.

 Währung-Umtauschstelle © AP Vergrößern Dicht an dicht: Eine Umtauschstelle in Hamburg am 20. Juni

Schon im September 1947 hatte die amerikanische Regierung beschlossen, die Banknoten in den Vereinigten Staaten drucken zu lassen. Zusehends unwahrscheinlicher erschien eine Einigung mit der Sowjetunion. Einige Wochen später lief die Produktion in der American Bank Note Company in New York und im Bureau of Engraving and Printing in Washington an. Ob die Scheine anders ausgesehen hätten, wenn sie in Berlin oder Leipzig gedruckt worden wären, bleibt Spekulation. Die Scheine, die in Bemerhaven ankamen, konnten jedenfalls ihre Herkunft kaum verbergen. Für Broschüre und Ziffern stand die Dollarnote Pate, Zahnräder, Marmorsockel, Titanen und Frauengestalten erinnerten an amerikanische Eisenbahnaktien. „Banknote, Eine deutsche Mark, Serie 1948“, stand auf den Scheinen. Ausgabebehörde, Ausgabeort und Unterschrift fehlten.

Die Reform war dringend geboten

Auch deshalb, weil man die Sowjetunion nicht verprellen wollte, falls diese wider Erwarten doch noch Gefallen an einer gemeinsamen Währung finden sollte. Die Bezeichnung „Deutsche Mark“ war einer der wenigen Punkte, über den sich die beiden Supermächte im alliierten Kontrollrat zuvor noch hatten verständigen können, abgesehen davon, dass es überhaupt eine Währungsreform geben sollte. Die war nach einhelliger Meinung dringend geboten. Die Reichsmark war mittlerweile ein nahezu wertloses Papier, und die Wirtschaft lag darnieder. Nur 50 Prozent des Niveaus von 1936 erreichte die Produktion.

Schuld waren die Nationalsozialisten, die im Krieg fleißig Geld druckten, um Panzer, Flugzeuge und Gewehre zu kaufen und nebenbei auch noch der Bevölkerung so lange wie möglich die Entbehrungen des Krieges zu ersparen. Ideologisches Kalkül siegte über wirtschaftlichen Verstand. Das rächte sich nun. Mehr als die Hälfte der Waren wurden im Jahr 1948 durch Tausch gehandelt, schätzten manche Fachleute. Zigarettenstangen ersetzten vielerorts die Reichsmarkscheine als Zahlungsmittel.

Die Milliarden lagerten im Keller

Von Bremerhaven aus kamen die geheimen Milliarden in den Keller des alten Reichsbankgebäudes in der Frankfurter Taunusaunlage. Dort wußten von den mehreren hundert Beschäftigten angeblich nur sechs, welcher Schatz an ihrem Arbeitsplatz vorübergehend gehortet wurde. Am 18. Juni schließlich setzte sich von Frankfurt aus eine Kolonne von 800 Lastwagen sowie mehrere Spezialzüge in Bewegung, um die Banknoten an die Lebensmittelkartenausgaben in den drei westlichen Zonen zu bringen.

In der deutschen Bevölkerung wucherten unterdessen die Gerüchte über den „Tag X“. Immer mehr Händler boten leere Schaufenster, hielten ihre Mäntel, Schuhe und Kartoffeln zurück und warteten die neue Währung ab. Erst am 2. Juni hatten die westalliierten Militärgouverneure den 20. Juni als Termin für die Währungsreform endgültig festgelegt. Dann, 18 Tage später, an einem Sonntag, war es endlich soweit: 500 Tonnen Banknoten mit einem Nennwert von 5,7 Milliarden D-Mark wurden in Umlauf gebracht. Millionen Deutsche von Flensburg bis Kempten reihten sich an den Lebensmittelkartenstellen schon früh morgens in lange Schlangen ein. In Magdeburg, Dresden und Leipzig gingen die Menschen unterdessen wie gewöhnlich ihrem Tagewerk nach: Die Sowjetunion war endgültig ausgeschert, ihre Zone beteiligte sich nicht an der Währungsreform. Das stand spätestens fest, als Moskau aus Protest gegen die Deutschlandpolitik der Westmächte den alliierten Kontrollrat verlassen hatte.

40 Reichsmark gegen 40 D-Mark

Vierzig D-Mark konnte jeder Haushaltvorstand und alleinstehende Erwachsene im Verhältnis eins zu eins umtauschen, 40 Reichsmark gegen 40 D-Mark. Das Geld bekam nur, wer auch seine Lebensmittelkarte vorlegen konnte, der Pass allein half nicht weiter. Missbrauch sollte vermieden werden. Viele Menschen besaßen mehrere Pässe, aber nur wenige mehrere Lebensmittelkarten. Als die ersten mit den frischen Scheinen schon wieder zu Hause waren, meldete sich im Rundfunk Oberdirektor Hermann Pünder, Vorsitzender des Wirtschaftsrates der Bizone und als solcher die führende deutsche Persönlichkeit in der Zonenverwaltung, zu Wort. Die Währungsreform finde die Zustimmung deutscher Finanzfachleute und stelle „eine geeignete Grundlage für den wirtschaftlichen Aufbau unserer Westzonen“ dar.

Die Amerikaner hatten Pünder sowie andere deutsche Verwaltungsfachleute und Ökonomen zuvor angehört, die Federführung indes nicht aus der Hand gaben. Es war vor allem die Hand eines 27 Jahre alten amerikanischen Leutnants namens Edward Tenenbaum. Lange stand er in der Wahrnehmung der Historiker im breiten Schatten des späteren Wirtschaftsministers Erhard, bevor er in den vergangenen Jahren als Organisator der Währungsreform identifiziert wurde. Nicht zuletzt seine Doktorarbeit mit dem Titel „Nationalsozialismus gegen internationalen Kapitalismus“ hatte ihn für seine Aufgabe qualifiziert. Einen deutschen Orden hat der „Vater der Währungsreform“ indes nie bekommen.

Was passierte mit dem übrigen Reichsmarkguthaben?

Die Ungewissheit in den westlichen Besatzungszonen blieb zunächst noch groß. 40 D-Mark waren schön und gut, aber was passierte mit dem übrigen Reichsmarkguthaben? Erst im Oktober gaben die Alliierten das endgültige Umstellungsverhältnis für alle Beträge bekannt, die über die 40 D-Mark und die innerhalb der folgenden zwei Monate ausgezahlte sogenannte Restgeldkopfquote von 20 D-Mark hinausgingen: 100 zu 6,5, von 100 Reichsmark auf dem Sparbuch oder in bar blieben also 6,50 D-Mark. Ursprünglich war ein Verhältnis von 100 zu zehn vorgesehen. Der starke Preisanstieg verhinderte dies.

Einige Beispiele: Der Eierpreis verfünfachte sich, Damenstrümpfe waren nun dreimal so teuer und Nahrungsmittel kosteten im Schnitt 18 Prozent mehr. Die Alliierten wollten hier nicht noch Öl ins Feuer gießen. Die Stimmung in der Bevölkerung war ohnehin schon gereizt. Nicht alle sahen die Situation so humorvoll wie der Kölner Schlagerkomponist Jupp Schmitz, der im Jahr 1949 mit seinem Karnevalslied „Wer soll das bezahlen?“ große Erfolge feierte.

Doch schon kurze Zeit später besserte sich die Gemütslage der Nation. Laut einer Allensbach-Umfrage blickten im Juli 1948 nur 24 Prozent pessimistisch in die Zukunft. Dem tat offenkundig auch die Ankündigung der Sowjetunion kaum Abbruch, ihrerseits am 22. Juni eine Währungsreform in ihrer Zone sowie in Gesamtberlin auszuführen. Die Folgen sind bekannt. Die Westalllierten reagierten unverzüglich: Die D-Mark wurde auch in den westlichen Berliner Sektoren eingeführt. Moskau sperrte daraufhin am 24. Juni kurzerhand die Zufahrtswege zu den westlichen Sektoren. „Technische Schwierigkeiten“ dienten als Vorwand. Der Operation „Bird dog“ folgte die Operation „Vittles“, bekannt als Berliner Luftbrücke.

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