Home
http://www.faz.net/-gum-798cq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Veröffentlicht: 23.05.2013, 11:41 Uhr

50 Jahre Michel aus Lönneberga Die missachteten Väter der Astrid Lindgren

Vor fünfzig Jahren erblickte die Figur des Michel aus Lönneberga das Licht der Welt. In den Romanen fällt auf: Seinem Vater ist der Junge nicht sehr verbunden. Das ist typisch für das Werk der Astrid Lindgren.

© ddp images / United Archives Bringt die Welt in Ordnung: Jan Ohlson als Michel in der Verfilmung.

Einmal ist Michel aus Lönneberga dem Tod ganz nah. Am Ende jener Winternacht hat er sein Pferd vor eine Kutsche gespannt und durch den Schneesturm gejagt, der seinen Heimathof Katthult von der Außenwelt abgeschnitten hat. Jetzt ist im dichten Schnee kein Fortkommen mehr.

Tilman Spreckelsen Folgen:

„Michel kletterte auf den Kutschbock. Dort saß er und weinte leise; der Schnee hüllte ihn ein, er rührte sich nicht. Jetzt war alles aus. Jetzt durfte es so viel schneien, wie es wollte, er kümmerte sich nicht mehr darum. Er schloss die Augen, er wollte schlafen. Hier auf dem Kutschbock konnte er doch sitzen und unter all dem Schnee schlafen - das wäre schön, dachte er.“

Man muss kein passionierter Leser von alpinen oder arktischen Expeditionsberichten sein, um sofort die Lebensgefahr zu erkennen, in der Michel jetzt schwebt. Anders als in Adalbert Stifters Erzählung „Bergkristall“ aber, deren eingeschneite kindliche Protagonisten ganz genau wissen, dass sie nicht schlafen dürfen, und sich mit Kaffee-Extrakt wach halten, ist Michel fatalerweise ganz unbesorgt. Während der Leser um ihn bangt, sieht er an der Schwelle des Todes eine bestimmte Szene vor sich - eine, so kann man annehmen, an die er sich besonders gern erinnert und die ihm den Übergang ins Jenseits daher auch besonders leicht machen wird: „Eigentlich gab es ja gar keinen Schnee und keinen Winter. Eigentlich war es doch Sommer. Er spürte es, denn er und Alfred waren am Katthultsee und badeten. Und dann schwammen sie und schwammen und schwammen zusammen, immer weiter und weiter, hinaus auf den See, und es war herrlich im Wasser, und Michel sagte: ,Du und ich, Alfred!’ Und er wartete darauf, dass Alfred so antworten würde wie immer: ,Ja, du und ich, Michel, bestens, bestens!’“

100 Jahre Astrid Lindgren © dpa Vergrößern Dieses Haus diente in der Verfilmung als Kulisse.

Seit Astrid Lindgren vor 50 Jahren, am 23. Mai 1963, in ihrem Tagebuch notierte, sie habe gerade „die ersten kleinen Worte“ für Michel aus Lönneberga geschrieben, hat der Geschichtenzyklus um den fünfjährigen blonden Bauernsohn aus Lindgrens Heimat eine ungeheure Verbreitung gefunden. Die Bücher haben eine Gesamtauflage von 30 Millionen erreicht, davon etwas mehr als drei Millionen in Deutschland (wo man den Jungen, der im Original eigentlich Emil heißt, in Michel umbenannte, um keine Verwechslungen mit Erich Kästners Kinderbuch zu provozieren). Lindgrens Michel-Bücher wurden in 52 Sprachen übersetzt, und die vor 40 Jahren an Originalschauplätzen in der schwedischen Provinz Smaland gedrehte Fernsehserie erfreut sich noch heute größter Beliebtheit.

Das Figurenensemble ist überschaubar - außer Michel und seinen Eltern gibt es auf dem Hof Katthult noch seine kleine Schwester Ida, die Magd Lina und eben den Knecht Alfred, dem sich Michel so eng verbunden weiß, dass er in seiner letzten Minute sein Bild vor Augen sieht.

Wer sich fragt, wo da eigentlich noch Platz für Michels Vater ist, der folgt schon der richtigen Fährte. Denn in den Büchern, die von der ländlichen Idylle auf Katthult erzählen, folgt die Konstellation zwischen Vater und Sohn im Wesentlichen demselben Muster: Der Junge begibt sich neugierig immer wieder in Situationen, die ihm und anderen gefährlich werden könnten oder - weit häufiger - dem Hab und Gut seines Vaters. Er steckt den Kopf in die Suppenschüssel und verursacht deren Zerstörung, er zieht seine Schwester den Fahnenmast hinauf, verschenkt das vorbereitete Weihnachtsfestmahl an die Armenhäusler und verschafft seinem Vater aus den edelsten Motiven heraus massive Brand- und Stichwunden.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fashiontrends Der macht den Kleidern Beine

Abendroben haben jetzt Konkurrenz bekommen - vom Jumpsuit. Nicht nur Stars feiern darin befreiter. Neben Bequemlichkeit hat das Trendkleidungsstück der siebziger Jahre einen weiteren Vorteil. Mehr Von Jennifer Wiebking

05.02.2016, 15:51 Uhr | Stil
Filmstart Daddy´s Home Ferrel und Wahlberg im Väter-Wettstreit

Der grundsolide Brad will eigentlich nur eines: Den Kindern seiner Ehefrau ein toller Stiefvater sein. Doch plötzlich taucht Dusty, der leibliche Vater, wieder auf. Und die beiden Männer kämpfen verbissen um die Gunst der Kinder. Mit Daddy's Home beweisen Mark Wahlberg und Will Ferrell abermals ihr Talent als Komiker. Mehr

19.01.2016, 14:11 Uhr | Gesellschaft
Schneesturm Jonas Amerikas Ostküste bemüht sich um Normalität

Der Schnee glitzert unter strahlendem Sonnenschein, doch die meisten an der Ostküste lebenden Amerikaner können dem Idyll nichts abgewinnen. Mehr

26.01.2016, 11:16 Uhr | Gesellschaft
Berliner Zoo-Palast Tarantino feiert Hateful 8-Premiere

Quentin Tarantino hat sich bei der Deutschland-Premiere seines neuen Films The Hateful Eight als echter Western-Fan zu erkennen gegeben. Dass er seiner Filmpartnerin Jennifer Jason Leigh in einer Hütte im Schneesturm auf besondere Weise nahe gekommen ist, das bekennt Schauspieler Kurt Russell am Roten Teppich vor dem Berliner Zoo-Palast. Mehr

27.01.2016, 09:50 Uhr | Gesellschaft
TV-Film Im Zweifel Liebe und Misstrauen

Es war doch alles so schön: Die Pfarrerin Judith begeistert ihre Gemeinde, ihr steht eine steile Karriere bevor. Doch dann passiert ein Unfall, zu dem sie als Notfall-Seelsorgerin gerufen wird. Und alles gerät aus den Fugen. Mehr Von Heike Hupertz

30.01.2016, 17:21 Uhr | Feuilleton

Moritz Bleibtreu Egal, ob man in Nacktszenen gut aussieht

Schauspieler Moritz Bleibtreu erklärt Eitelkeit zum größten Feind der Schauspieler, die britische Band Coldplay hat noch Wissenslücken vor Super-Bowl-Auftritt, und Helen Mirren verteidigt die Filmakademie, die keine Schwarzen für die Oskars nominiert hat – der Smalltalk. Mehr 14



Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden