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50 Jahre Michel aus Lönneberga : Die missachteten Väter der Astrid Lindgren

Bringt die Welt in Ordnung: Jan Ohlson als Michel in der Verfilmung. Bild: ddp images / United Archives

Vor fünfzig Jahren erblickte die Figur des Michel aus Lönneberga das Licht der Welt. In den Romanen fällt auf: Seinem Vater ist der Junge nicht sehr verbunden. Das ist typisch für das Werk der Astrid Lindgren.

          Einmal ist Michel aus Lönneberga dem Tod ganz nah. Am Ende jener Winternacht hat er sein Pferd vor eine Kutsche gespannt und durch den Schneesturm gejagt, der seinen Heimathof Katthult von der Außenwelt abgeschnitten hat. Jetzt ist im dichten Schnee kein Fortkommen mehr.

          „Michel kletterte auf den Kutschbock. Dort saß er und weinte leise; der Schnee hüllte ihn ein, er rührte sich nicht. Jetzt war alles aus. Jetzt durfte es so viel schneien, wie es wollte, er kümmerte sich nicht mehr darum. Er schloss die Augen, er wollte schlafen. Hier auf dem Kutschbock konnte er doch sitzen und unter all dem Schnee schlafen - das wäre schön, dachte er.“

          Man muss kein passionierter Leser von alpinen oder arktischen Expeditionsberichten sein, um sofort die Lebensgefahr zu erkennen, in der Michel jetzt schwebt. Anders als in Adalbert Stifters Erzählung „Bergkristall“ aber, deren eingeschneite kindliche Protagonisten ganz genau wissen, dass sie nicht schlafen dürfen, und sich mit Kaffee-Extrakt wach halten, ist Michel fatalerweise ganz unbesorgt. Während der Leser um ihn bangt, sieht er an der Schwelle des Todes eine bestimmte Szene vor sich - eine, so kann man annehmen, an die er sich besonders gern erinnert und die ihm den Übergang ins Jenseits daher auch besonders leicht machen wird: „Eigentlich gab es ja gar keinen Schnee und keinen Winter. Eigentlich war es doch Sommer. Er spürte es, denn er und Alfred waren am Katthultsee und badeten. Und dann schwammen sie und schwammen und schwammen zusammen, immer weiter und weiter, hinaus auf den See, und es war herrlich im Wasser, und Michel sagte: ,Du und ich, Alfred!’ Und er wartete darauf, dass Alfred so antworten würde wie immer: ,Ja, du und ich, Michel, bestens, bestens!’“

          Dieses Haus diente in der Verfilmung als Kulisse.
          Dieses Haus diente in der Verfilmung als Kulisse. : Bild: dpa

          Seit Astrid Lindgren vor 50 Jahren, am 23. Mai 1963, in ihrem Tagebuch notierte, sie habe gerade „die ersten kleinen Worte“ für Michel aus Lönneberga geschrieben, hat der Geschichtenzyklus um den fünfjährigen blonden Bauernsohn aus Lindgrens Heimat eine ungeheure Verbreitung gefunden. Die Bücher haben eine Gesamtauflage von 30 Millionen erreicht, davon etwas mehr als drei Millionen in Deutschland (wo man den Jungen, der im Original eigentlich Emil heißt, in Michel umbenannte, um keine Verwechslungen mit Erich Kästners Kinderbuch zu provozieren). Lindgrens Michel-Bücher wurden in 52 Sprachen übersetzt, und die vor 40 Jahren an Originalschauplätzen in der schwedischen Provinz Smaland gedrehte Fernsehserie erfreut sich noch heute größter Beliebtheit.

          Das Figurenensemble ist überschaubar - außer Michel und seinen Eltern gibt es auf dem Hof Katthult noch seine kleine Schwester Ida, die Magd Lina und eben den Knecht Alfred, dem sich Michel so eng verbunden weiß, dass er in seiner letzten Minute sein Bild vor Augen sieht.

          Wer sich fragt, wo da eigentlich noch Platz für Michels Vater ist, der folgt schon der richtigen Fährte. Denn in den Büchern, die von der ländlichen Idylle auf Katthult erzählen, folgt die Konstellation zwischen Vater und Sohn im Wesentlichen demselben Muster: Der Junge begibt sich neugierig immer wieder in Situationen, die ihm und anderen gefährlich werden könnten oder - weit häufiger - dem Hab und Gut seines Vaters. Er steckt den Kopf in die Suppenschüssel und verursacht deren Zerstörung, er zieht seine Schwester den Fahnenmast hinauf, verschenkt das vorbereitete Weihnachtsfestmahl an die Armenhäusler und verschafft seinem Vater aus den edelsten Motiven heraus massive Brand- und Stichwunden.

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