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50 Jahre Hotzenplotz Der Räuber und sein Zwilling

 ·  Vor 50 Jahren erschien Otfried Preußlers „Der Räuber Hotzenplotz“, bis heute ein mit Begeisterung gelesener Kinderbuch-Klassiker. Doch wer genauer hinsieht, findet in Preußlers scheinbar friedlicher Welt geheimnisvolle Winkel.

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© F.J. Tripp/Mathias Weber, aus 'Der Räuber Hotzenplotz' von Otfried Preußler, Thienemann Er „nahm es mit seinem Beruf sehr genau“: Räuber Hotzenplotz.

Einmal saß Kasperls Großmutter auf der Bank vor ihrem Häuschen in der Sonne und mahlte Kaffee“ - kein schlechter Anfang für eine Geschichte, und das seit jetzt fünfzig Jahren. In den ersten Augusttagen 1962 erschien „Der Räuber Hotzenplotz“ des damals 38 Jahre alten Volksschullehrers Otfried Preußler, der zuvor mit „Der kleine Wassermann“ und vor allem „Die kleine Hexe“ die betuliche deutsche Kinderbuchwelt aufgemischt hatte. Es folgten zwei weitere Bände um den Räuber sowie „Das kleine Gespenst“ und „Krabat“, um nur die wichtigsten zu nennen.

Preußler avancierte zu einem der bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautoren unserer Zeit, er heimste Ehrungen en masse ein, die Kinder lieben ihn, und wer irgendwo auf der Welt in Buchhandlungen auf übersetzte deutsche Kinderbücher stößt, hat es wahrscheinlich mit einem Werk Preußlers zu tun. Kleine Japaner, so stellt man sich das vor, lesen vom großen grünen Wald, von Fahrrädern, die man mit einem Bindfaden am Laternenpfahl festmacht, vom Spritzenhaus, in dem das Feuerwehrauto steht, und von der netten Großmutter mit ihrer Kaffeemühle.

In den aufgeregten Sechzigern und Siebzigern ist Preußler für all das sehr gescholten worden, für Eskapismus und Tümelei und heile Welt und dergleichen mehr, wo doch das Leben für junge Menschen so ganz anders sei, und natürlich hat ihn das getroffen. Vielleicht aber hat er sich auch bisweilen sehr darüber amüsiert und insgeheim ein Wenn-ihr-nur-lesen-könntet-Grinsen aufgesetzt.

Denn es ist sehr leicht, die rauhe Luft der Großstadt im ländlichen „Hotzenplotz“ zu vermissen und in all der Empörung das Offensichtliche zu übersehen. Damit verhält es sich wie in der berühmten Erzählung von Edgar Allan Poe: Der entwendete Brief liegt offen auf dem Tisch. Denn die friedliche Welt, die uns bei Preußler mit großer Selbstverständlichkeit großzügig ausgeleuchtet präsentiert wird, hat ihre obskuren Winkel, in denen sich Gut und Böse vermengen und die umso verwirrender sind, je weiter man nachbohrt. Und praktisch alle Rätsel haben mit der scheinbar harmlosesten Figur von allen zu tun: mit Kasperls Großmutter.

Gehen Kasperl und Seppel eigentlich zur Schule?

In allen drei „Hotzenplotz“-Bänden bekommt sie im jeweils ersten Kapitel Besuch. Der Räuber betritt ihren Garten oder ihre Küche, und am Ende der Begegnung fällt die Großmutter in Ohnmacht. Zum Beispiel in „Neues vom Räuber Hotzenplotz“, wo sie wie jeden Donnerstag Bratwürste mit Sauerkraut für ihren Enkel Kasperl gemacht hat und nun zusehen muss, wie der Räuber, an ihrem Küchentisch sitzend, alles verputzt.

Das ist eine so großartige Szene, dass man sich gar nicht fragt, was für ein Ritual da eigentlich gestört wird. Denn die Großmutter kocht regelmäßig für ihren Enkel Kasperl, der ebenso regelmäßig von seinem Freund Seppel begleitet wird. Die beiden zugehörigen Elternpaare werden geradezu auffällig ausgespart, und ebenso bleibt völlig im Dunkeln, was die beiden eigentlich so treiben, wenn sie nicht bei Kasperls Großmutter sind. Gehen sie gelegentlich zur Schule? Wo schlafen sie? Wovon werden sie ernährt - von Großmutters Witwenrente? Und warum kommt sie derart großzügig für ein völlig fremdes Kind wie Seppel auf?

Vollends rätselhaft wird die Sache, wenn man die Rolle des peniblen Wachtmeisters Dimpfelmoser betrachtet, des, wie es scheint, einzigen Polizisten jenes Städtchens, in dem die Großmutter wohnt und das vom Räuber Hotzenplotz heimgesucht wird. Dimpfelmoser ist ein sozialer Aufsteiger, der seine Karriere vorwiegend auf dem Rücken von Hotzenplotz macht: Jede Verhaftung trägt ihm eine Beförderung ein. Nach dem Bratwurstdiebstahl stellt sich heraus, dass Hotzenplotz den Wachtmeister mit einem Trick überwältigt und ihn seiner Uniform beraubt hat. Dimpfelmoser ist also in Unterwäsche, als Kasperl und Seppel ihn finden.

Das Normalste der Welt wäre nun, den schamhaften Dimpfelmoser diskret nach Hause zu schaffen. Er bewohnt ein möbliertes Zimmer bei einer gewissen Frau Pfundsmichel. Stattdessen wird er wie selbstverständlich bei Kasperls Großmutter einquartiert, weil er dort „am besten aufgehoben“ sei. Dort verschwindet er erstmal im Gästebett. Und Großmutter, heißt es, „war mit allem einverstanden“.

Hotzenplotz erscheint als dunkler Zwilling des Polizisten

Warum ist der mangelhaft bekleidete Dimpfelmoser ihr zuzumuten, nicht aber der Frau Pfundsmichel? Wer so fragt, steckt schon mitten drin im großen „Räuber Hotzenplotz“-Schlamassel. Denn so wie sich eine feine Verbindung zwischen Großmutter und Dimpfelmoser abzeichnet, so ist auch das Interesse des Räubers an der älteren Dame unübersehbar. Offensichtlich findet er Gefallen an ihrer Gegenwart, so sehr, dass er sie nicht nur zwingt, bei seinem Mittagessen zugegen zu sein, sondern sie schließlich sogar entführt.

Vor allem aber erscheint Hotzenplotz fast die gesamte Trilogie hindurch als Dimpfelmosers dunkler Zwilling. Nicht nur die jeweiligen Karrieren der beiden sind verknüpft, auch die Uniform des Wachtmeisters passt dem Räuber wie angegossen, und beide geben sich nichts in ihrem fast identischen Berufsethos: Dimpfelmoser besitzt nur Uniformen, keinen Anzug, weil er, wie er sagt, „immer im Dienst“ ist. Er ist schnell zur Hand mit Strafandrohungen, wenn man ihm nicht ehrfürchtig genug begegnet, und als Allheilmittel, um entführte Kinder herbeizuschaffen, gilt ihm das amtliche Ausrufenlassen durch den Gemeindediener - rätselhaft übrigens, wie man derlei lesen und immer noch glauben kann, der Autor preise den Obrigkeitsstaat.

Und Hotzenplotz? Er „nahm es mit seinem Beruf sehr genau. Im Sommer stand er wochentags immer pünktlich um sechs Uhr auf, und spätestens um halb acht verließ er die Räuberhöhle und ging an die Arbeit.“ Eher korrekte - man könnte auch sagen: spießige - Züge trägt dann sein ganzes Gebaren. Schnupftabak während der Arbeitszeit? Nur im Notfall. Und dass seine Räuberhöhle in Unordnung kommt, ist nicht seinem Schlendrian, sondern der Wühlarbeit des Wachtmeisters zu verdanken. Hotzenplotz selbst hält dagegen für jedes in Gebrauch befindliche Räubermesser einen sorgsam verstauten Ersatz bereit.

Der geniale „Hotzenplotz“-Illustrator Franz Josef Tripp hat diese Verwandtschaft zwischen Räuber und Gendarm übrigens gewittert und fein dargestellt: Im dritten Band der Serie wird jede Kapitelüberschrift von einem querformatigen Bild umrahmt, auf dem links Dimpfelmoser, rechts Hotzenplotz zu sehen ist, und zwar in exakt spiegelbildlicher Pose.

Beim Gelage kommen sich Hotzenplotz und Dimpfelmoser näher

Preußler wird das gefallen haben. Denn dass der eine mit dem anderen Name oder Mütze tauscht, ist dem Autor ein gern genutztes Stilmittel, das er durchaus auch auf die eigene Person und die eigene Schöpfung anwendet: „Er führt seit nunmehr 50 Jahren sein eigenes Leben“, sagt Preußler über Hotzenplotz, „ab und zu schaut er gern bei uns zu Hause vorbei, genießt die gute Küche, meinen Weinkeller und die Zentralheizung. Gelegentlich - wenn ich nicht aufpasse - stöbert er auch in meinen Manuskripten herum, oder er beantwortet meine Leserpost.“

Bei so viel Verwandlungsfreude ist dann die allerletzte Szene des dritten Bandes ein deutliches Signal, dass Preußler keinen vierten nachschieben wird. Nachdem es im Verlauf der gesamten Trilogie fortwährend ums Essen gegangen ist und wichtige Entwicklungen der Handlung wesentlich durch Mahlzeiten strukturiert worden sind - man denke nur an Hotzenplotzs Pilzsuppe und Seppels vorgetäuschte Vergiftung im zweiten Band! -, will der nunmehr ehrbare Räuber eine Gastwirtschaft im Wald betreiben. Natürlich gibt es aus diesem Anlass ein Gelage, bei dem sich Dimpfelmoser und Hotzenplotz noch ein Stück näherkommen als zuvor.

Sein neues Gewerbe will der ehemalige Räuber nur betreiben, wenn, wie er ausdrücklich sagt, die Polizei nichts dagegen hat. Und Dimpfelmoser stößt, freudig über so viel Kooperationswillen, mit ihm an. Doch wo die beiden vermeintlichen Antipoden so eng zusammenkommen, taugen sie nichts mehr für den Fortgang der Handlung. Ihr Verhältnis zueinander ist auserzählt. Und wenn es dann im Schlusssatz der Trilogie ausdrücklich heißt, Kasperl, Seppel und alle anderen seien nun „so glücklich, dass sie mit keinem Menschen getauscht hätten: nicht einmal mit sich selbst“, ist selbst der passionierteste Geschichtenerzähler an seinem Ende angelangt.

Otfried Preußlers „Hotzenplotz“-Trilogie ist mit F. J. Tripps Illustrationen bei Thienemann erschienen, soeben in einer neuen, kolorierten Ausgabe. Armin Rohdes ungekürzte Lesung aller drei Folgen ist im Audio Verlag erhältlich.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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