05.05.2009 · Bei einem Angriff auf ein Hochzeitsfest im Südosten der Türkei sind 44 Menschen getötet worden. Grund des Blutbades ist offenbar ein Streit zweier Familien um die Braut. Aber auch eine politische Motivation für die Tat kann noch nicht ausgeschlossen werden.
Von Michael MartensZahlreiche türkische und ausländische Politiker haben sich bestürzt geäußert über die Morde während der Vermählungsfeier im Südosten der Türkei. „Keine Tradition kann eine Entschuldigung für ein solches Verbrechen sein“, sagte der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan. Er rief Universitäten und andere Bildungseinrichtungen dazu auf, sich für eine Änderung der Mentalität einzusetzen, die solche Verbrechen begünstige.
EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn forderte die Türkei auf, die Täter rasch vor Gericht zu bringen. „Ich vertraue darauf, dass die Mörder so bald wie möglich zur Rechenschaft gezogen werden“, so Rehn in Brüssel. Ein türkischer Fernsehsender berichtete unterdessen, das Dorf, in dem sich die Tat ereignete, sei von Soldaten umstellt und alle Zufahrtswege dorthin seien gesperrt worden. Von einer Ausgangssperre war die Rede und davon, dass Journalisten zeitweilig nicht in den Ort dürften.
Die Attentäter warfen Handgranaten
Zum genauen Hergang der Tat am Montagabend kursierten am Dienstag weiterhin widersprüchliche Angaben, doch ergibt sich aus den Aussagen von Augenzeugen zumindest ein ungefähres Bild: Demnach wurden 44 Personen getötet, unter ihnen siebzehn Frauen und sechs Kinder, und es gab sechs Verletzte.
Die etwa 200 Gäste umfassende Hochzeitsgesellschaft wurde nach diesen Angaben von mehreren maskierten Attentätern überfallen, die Handgranaten warfen und mit automatischen Waffen wahllos in die Menge schossen. Die meisten Überlebenden wollen vier Täter gesehen haben.
Das Gemetzel habe etwa eine Viertelstunde gedauert. Mehrere Zeugen berichteten, sie hätten sich retten können, indem sie sich unter den Leibern Erschossener verbargen und tot stellten. Eine überlebende Jugendliche berichtete, sie habe sechs Familienmitglieder verloren.
Braut und Bräutigam starben
Die Braut, der Bräutigam und der sie trauende Imam wurden tödlich verletzt. Bei der Braut soll es sich um die Tochter eines früheren Dorfvorstehers handeln. Einer der Attentäter wiederum soll ein abgewiesener Heiratskandidat gewesen sein. Ob das wirklich so ist oder ob andere Streitigkeiten zu der Tat führten, war am Dienstag jedoch nicht sicher auszumachen.
Der türkische Innenminister Beir Atalay, der am Dienstag zum Tatort eilte, lobte die Staatsanwaltschaft, welche die ganze Nacht gearbeitet und Berichte von Augenzeugen gesammelt habe. „Acht Personen wurden gefasst, ihre Waffen konfisziert. Die Tat kann als Blutfehde zweier Familien verstanden werden. Die Beweislage bislang zeigt, dass es nicht die Tat einer terroristischen Gruppe war.“
In mehreren türkischen Medien wurde jedoch am Dienstag darauf hingewiesen, dass es sich bei den Blutfehden keinesfalls um reine Familienstreitigkeiten handele, sondern dass sich in Bilge wieder einmal, nur diesmal in besonders verstörendem Ausmaß, ein Grundübel der sozialen Wirklichkeit im unterentwickelten Südosten der Türkei offenbart habe.
Streit zwischen „Dorfwächtern“?
Viele teilen die Vermutung des stellvertretenden Gouverneurs der betreffenden Region. Er nannte als Motiv für die Tat Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen der „Dorfwächter“, die in dem Gebiet ihr staatlich geduldetes Unwesen treiben.
Bei den „Dorfwächtern“ oder „Dorfschützern“ handelt es sich um vom Staat bewaffnete und zum Großteil auch bezahlte Hilfstruppen, die im Kampf gegen die verbotene kurdische Terrororganisation PKK eingesetzt sind. Oft wenden sich diese Gruppen jedoch auch gegen die Dörfler, zu deren Schutz sie vermeintlich rekrutiert wurden. Eine Art staatlich geduldetes Freischärlertum ist so entstanden, das von Kurden über Kurden ausgeübt wird. „Dorfwächter“ haben sich Äcker, Weinberge und andere Ressourcen angeeignet und terrorisieren die Bevölkerung.
Regierung muss Arbeit schaffen
Wie es sich damit verhält, hat zuletzt eine vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie der Istanbuler Tesev-Stiftung ans Licht gebracht, deren schonungslose Analysen immer wieder zu Debatten führen. Darin werden die „Dorfwächter“ als Urheber zahlreicher Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen in der Region geschildert. „Die Regierung sollte umgehend ihr der Europäischen Union und den Vereinten Nationen gegebenes Versprechen erfüllen und das Dorfwächtersystem sofort abschaffen“, heißt es in der Studie.
Das ist allerdings nicht so einfach: Nach offiziellen Angaben gibt es etwa 70.000 „Dorfwächter“ in der Türkei. Viele Männer können demanch nur dann wirtschaftlich überleben, wenn sie sich ihnen anschließen. Wer diese Männer entlässt und sie nicht in andere Strukturen zu integrieren versucht, schafft also bloß neue Sicherheitsrisiken. Seit langem gibt es daher den Vorschlag, die Regierung solle die Männer in anderen Zweigen beschäftigen, etwa in der Holzwirtschaft.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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