15.08.2009 · Vierzig Jahre ist es an diesem Samstag her, dass sich eine halbe Million Menschen auf einer Bauernwiese trafen, um drei Tage im Zeichen von „Love & Peace“ zu feiern. Ohne Eliott Tiber wäre es nicht so weit gekommen. Ein Film von Ang Lee erzählt jetzt seine Geschichte.
Von Roland LindnerElliot Tiber genießt den plötzlichen Rummel um seine Person. Seine Rolle beim legendären Woodstock-Konzert vor 40 Jahren, findet er, ist viel zu lange nicht angemessen gewürdigt worden. Ohne ihn hätte es Woodstock nicht gegeben, sagt er, weil er den Organisatoren die entscheidende Genehmigung für das Festival verschaffte. Zu Prominenz kam er mit diesem Verdienst damals nicht. Jetzt aber hat Starregisseur Ang Lee („Brokeback Mountain“) Tibers Autobiografie verfilmt: „Taking Woodstock“ kommt am 28. August in die amerikanischen Kinos, Deutschland-Start ist am 3. September.
Im Alter von 74 Jahren steht Tiber nun zum ersten Mal im Rampenlicht: Begeistert erzählt er, wie er bei der Filmpremiere in New York vor ein paar Tagen mit Meryl Streep ins Plaudern kam. Und er träumt schon davon, zur Verleihung der „Oscars“ zu gehen: „Bei den prominenten Leuten in unserem Film haben wir gute Chancen auf Nominierungen.“ Es ist eine späte Genugtuung: „Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet. Man hat mich über Jahrzehnte ignoriert.“
Drogen überall, aber keine sanitären Anlagen
Woodstock ist Musikgeschichte. Die Konzerte begannen an diesem Samstag vor 40 Jahren. Musiker wie Janis Joplin und Jimi Hendrix wurden weltberühmt. Das viertägige Festival wurde zum Inbegriff des Hippie-Lebensgefühls von „Love & Peace“. Es zog fast eine halbe Million Menschen an, viel mehr, als die Veranstalter erwartet hatten und bewältigen konnten. So wurde es denn auch chaotisch. Der Verkehr im Umland war lahmgelegt, sanitäre Anlagen fehlten, Drogen waren überall. Und doch ging Woodstock als unschuldiges Fest in die Geschichte ein.
Ohne Elliot Tiber wäre es nicht so weit gekommen. Die Organisatoren hatten Schwierigkeiten, einen Veranstaltungsort zu finden. Viele Gemeinden wollten keineswegs einen Hippie-Ansturm erleben, unter diesen auch die namengebende Stadt Woodstock gut 150 Kilometer nördlich von New York. Tiber hörte von den Sorgen der Konzertmacher und bot seine Hilfe an. Er hatte eine Lizenz für Musikveranstaltungen in der Stadt Bethel etwa 100 Kilometer südwestlich von Woodstock, wo er zusammen mit seinen Eltern das Motel „El Monaco“ betrieb. Tiber brachte die Veranstalter mit dem befreundeten Milchbauern Max Yasgur zusammen, auf dessen Wiesen das Festival schließlich stattfand. Das Motel wurde zum Hauptquartier der Organisatoren. Tiber betrieb dort eine Bar und machte blendende Geschäfte.
Ein Wendepunkt - auch für Elliot Tiber
Woodstock sollte nicht nur zu einem historischen Ereignis für eine ganze Generation werden. Das Festival wurde auch zum Wendepunkt für Elliot Tiber, der bis dahin ein unglückliches Doppelleben führte. An Wochentagen feierte er wilde Partys in der Schwulenszene in New York, wo er als Designer arbeitete - sogar bei den Aufständen in der New Yorker Schwulenkneipe „Stonewall Inn“ ein paar Monate vor Woodstock war er dabei. Am Wochenende half er brav im Motel seiner Eltern mit, die keine Ahnung von seiner Homosexualität hatten.
Woodstock brachte die Wahrheit ans Licht. Die Bar im „El Monaco“ zog Schwule und Lesben an. Irgendwann im Chaos bekamen Tibers Eltern mit, wie er einen Mann küsste: „Woodstock war mein Befreiungsschlag.“ Über das „Coming-out“ vor den Eltern wurde freilich in der konservativen russisch-jüdischen Familie nie gesprochen. Von den Konzerten selbst bekam Tiber kaum etwas mit, weil er in der Bar abseits des Geländes alle Hände voll zu tun hatte. Nur ein Mal ging er nachts zur Wiese und lernte ein Paar kennen: „Wir nahmen zusammen LSD, und dann hatte ich Sex mit beiden, Junge und Mädchen.“
Eine saftige Ohrfeige von Robert Mapplethorpe
Elliot Tiber lebt heute in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einem Hochhaus unweit des Times Square, für die er 5000 Dollar Miete im Monat bezahlt. Die meisten Abende verbringt er kettenrauchend mit seinem Yorkshire-Terrier Molly vor dem Fernsehgerät. Für Szenebars fühlt er sich heute zu alt, aber er spricht gern über seine wilden Zeiten - und spart nicht an zuweilen drastischen und teils auch nicht ganz glaubwürdigen Details. Über die Nacht, in der er den Fotografen Robert Mapplethorpe im New Yorker Sado-Maso-Club „Mineshaft“ kennenlernte, sagt er: „Er kam auf mich zu, gab mir eine saftige Ohrfeige, legte mir Handschellen an und sagte: So, und jetzt lass uns nach Hause gehen.“ Seine Begegnung mit dem Schauspieler Rock Hudson auf einer Party beschreibt er so: „Er lag nackt auf dem Boden. Völlig zugedröhnt. Hinter ihm eine Schlange von Männern. Einer nach dem anderen hat es mit ihm getrieben. Ich habe mich auch angestellt.“
Diesseits der Exzesse gab es auch Liebe. Mit Andre Ernotte, einem Autor und Regisseur aus Belgien, war er 27 Jahre lang zusammen („davon zehn Jahre monogam“). Lange lebten sie in Europa. 1999 starb Ernotte. Der Verlust macht Tiber bis heute zu schaffen. Nirgendwo an den sonst reichlich dekorierten Wänden in Tibers Wohnung findet sich eine Erinnerung an ihn: „Ich könnte kein Bild von ihm an der Wand haben, es würde mich zu sehr deprimieren.“
Zerrüttetes Verhältnis zur Familie
Noch etwas wühlt Tiber bis heute auf: das zerrüttete Verhältnis zu seiner Familie, die sein Leben nicht akzeptieren wollte. „Niemand von meiner Familie kam zu Andres Beerdigung. Es gab keine Anrufe, keine Blumen, nichts.“ Er kann sich in eine schockierende Rage reden, wenn er von seiner vor einigen Jahren gestorbenen Mutter spricht: „Ich habe sie in ein Altenheim gesteckt und dachte, sie macht es noch zwei Jahre. Dann sind zwölf draus geworden. Ich wünschte, sie wäre gleich gestorben.“ Bei der Trauerfeier habe der Rabbi zu ihm gesagt, als einziger Sohn müsse er etwas Gutes über seine Mutter sagen. „Ich habe gesagt: Mutter ist tot. Gut so!“ Tiber beschreibt seine Mutter als kalt und habgierig, sein Vater habe ihn oft mit einem Gürtel geschlagen. Mit ihm versöhnte er sich aber nach Woodstock.
Elliot Tiber will seine mit dem Film gewonnene Prominenz nutzen, um sich stärker als Aktivist in der Schwulen- und Lesbengemeinde zu engagieren. Er sitzt im Vorstand der Organisation „Gay American Heroes“, die auf Gewaltverbrechen gegen Homosexuelle aufmerksam macht. Im Herbst will er auf eine Vortragstournee gehen, und er schreibt an einem weiteren autobiografischen Buch. Er würde sich auch einen neuen Lebenspartner wünschen. Dann hätte er neben Hündin Molly noch jemand anderen zum Fernsehen.
Ohne Elliot Tiber hätte das Festival nicht stattgefunden. Die vier Tage waren aber auch für ihn entscheidend. Jetzt erzählt ein Film von Ang Lee seine Geschichte.
Von Roland Lindner