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40 Jahre Woodstock Bobbi, Nick und Burk

15.08.2009 ·  Frisch verliebt kam das Paar nach Woodstock. Eng umschlungen und in eine Decke gehüllt standen sie auf einer Wiese. Fotograf Burk Uzzle hielt den Moment mit seiner Kamera fest. Das Motiv wurde später das bekannteste Bild des Festivals.

Von Nina Belz und Matthias Wyssuwa
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Es war kalt an diesem Sonntagmorgen. Die Feuchtigkeit war die Nacht über langsam in die Kleider gekrochen, in die Hemden und in die Hosen. Die Schuhe waren schon lange vorher vom Schlamm durchnässt. Sie wollte aufstehen, sich von dem klammen Gefühl befreien. Gerade hatten Jefferson Airplane auf der Bühne zu spielen begonnen, doch die konnte sie nicht sehen.

Sie stand auf einem Hügel und blickte in ein Tal und auf den nächsten Hügel, und erst in dem Tal dahinter war die Bühne aufgebaut. Nur hören konnte sie die Musik, ohne zu wissen, wer da spielte. Barbara, die alle nur Bobbi nannten, weiß nicht mehr genau, wann sie sich umgedreht hat zu ihrem Freund, doch irgendwann standen sie da. Bobbi mit der großen Sonnenbrille in den Armen von Nick mit der Wuschelfrisur. Eingewickelt in eine zartrosa Decke. Dass sie fotografiert wurden, merkten sie nicht.

„Viel zu teuer für mich.“

Schon viele Monate vor dem August 1969 hatte Bobbi von dem Woodstock-Festival gehört. Sie lebte in Middletown im Bundesstaat New York, einer Kleinstadt mit gut 20 000 Einwohnern. Das Festival sollte in Wallkill, keine 20 Meilen entfernt, stattfinden. „Das Radio, das Fernsehen, alle Kanäle waren voll mit Berichten“, sagt Bobbi heute. Tickets aber mochte sie nicht kaufen. 71 Dollar in der Woche verdiente sie bei einer Bank. Eine Karte für drei Tage sollte 18 Dollar kosten. „Viel zu teuer für mich.“

An dem Freitag, an dem Woodstock begann, dem 15. August 1969, saß sie bei Nick in der Bar und schaute fern. Nick war Student und hatte zwei Nebenjobs. Einen davon als Barkeeper in „Dino’s Bar“. Vor kaum einem Jahr hatte sie ihn dort kennengelernt. Seit Mai waren sie ein Paar. „Dino’s Bar“ war damals ein beliebter Treffpunkt für Studenten und Musiker. Doch an diesem Freitagabend war niemand da, keine Studenten, keine Bands. Nur Bobbi und Nick und drei Freunde, die auf den Fernseher starrten und dem Reporter zuhörten, der von den kilometerlangen Staus auf den Straßen in Richtung Woodstock-Festival berichtete. Von Chaos, Menschenmassen und Dreck. „Meiden Sie unbedingt die Gegend“, hatte der Reporter noch gesagt, und dann entschieden die fünf Freunde, loszufahren.

Sie ließen das Auto stehen

In Wallkill befürchteten derweil die Verantwortlichen, bis zu 50 000 Menschen könnten kommen. Das schien ihnen zu viel, sie entzogen die Genehmigung, das Festival wurde nach Bethel verlegt, etwas 70 Meilen von „Dino’s Bar“ entfernt. Am frühen Samstagmorgen stiegen die fünf in das Auto des Vaters von einem von ihnen, ein weißen 1965er Chevrolet Kombi. „Ein Auto groß wie ein Schiff.“ Noch immer ist Bobbi beeindruckt. Mitgenommen haben sie nur Wein und Bier. „Alles, was wir brauchten.“

Sie wussten aus dem Fernsehen, dass sie die Bundesstraßen meiden mussten, also nahmen sie Seitenwege. Es war heiß, und immer wieder schüttete es. Langsam wurden auch die Nebenstraßen voller, bis es nicht mehr weiterging, Polizeibarrieren sie stoppten. Sie ließen das Auto stehen, wie viele Tausende am Straßenrand oder auf den Feldern, und wanderten los. Viele Meilen waren noch zu gehen, und überall ließen Menschen etwas fallen, weil sie keine Lust mehr hatten, es zu tragen. An einem Straßenrand fanden Bobbi und Nick die zartrosa Decke.

Die Bühne nie gesehen

Nach einigen Stunden fing es an zu riechen. „Der Geruch“, sagt Bobbi, „war das Einprägendste.“ Es roch nach Modder, nach Essen, nach Marihuana, nach Schweiß, nach Kot und nach Urin. Genau konnte man nicht ausmachen, wo das Festivalgelände begann oder aufhörte, aber irgendwann standen sie auf ihrem Hügel, und es ging nicht mehr weiter, so viele Menschen waren um sie herum. Gekommen waren nicht 50 000, sondern 500 000. Die Bühne hat Bobbi nie gesehen, an eine bestimmte Band kann sie sich nicht erinnern. Aber das war ihr egal, erinnert sie sich, sie hatte ihren Nick, in den sie frisch verliebt war, und sie wanderten herum und beobachteten die Menschen. Wie sie tanzten, sangen, aßen, schliefen, ihren Rausch feierten.

Die Musik war kaum mehr als ein Hintergrundrauschen. Irgendwann kam der Junge auf dem bösen Trip angetanzt, mit dem Schmetterlingsdrachen in der Hand. Der Junge schrie, er suche seine Freunde, und Bobbi hat sich um ihn gekümmert. Und dann wurde es Nacht. Bobbi kann sich nicht entsinnen, geschlafen zu haben. Nur ein wenig gedöst auf der Decke im Schlamm vielleicht. Die Nacht über hatten die Lichter der Bühne den Himmel erhellt, bis wieder die Sonne aufging.

Das gesuchte Motiv

Für Burk Uzzle war das Paar, das sich da aneinanderlehnte, genau das, wonach er gesucht hatte. Noch heute ist er dankbar dafür. Burk war mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen aufs Land gefahren. Sie wollten Forellen fischen, an einem Fluss, nur zwei Meilen von dem Festival entfernt, und beschlossen dann doch, hinzufahren, um ein bisschen von der guten Musik zu hören, wie er erzählt. Burk war Fotograf, seine Kamera hatte er immer dabei. Sie kamen schon am Freitagmorgen, von Norden her war der Verkehr nicht ganz so schlimm, doch irgendwann mussten auch sie das Auto stehen lassen. Einmal in der Menschenmenge drin, war es nicht einfach, ihr wieder zu entkommen.

Mit einem Poncho, den er über Stacheldraht spannte, schützte er die Familie vor dem Regen, der sich immer wieder über das Gelände ergoss. Burk schaffte es bis vor die Bühne; dort lieh er sich aber nur Farbfilme von Kollegen, um sich wieder unter die Menschen zu mischen, auf der Suche nach dem Bild, das die Stimmung am besten einfängt. Seine Frau und die Kinder waren bereits nach Hause gefahren, als Burk am Sonntagmorgen vor Bobbi und Nick stehenblieb und seine Leica-Kamera ansetzte. Der Tag war gerade erst angebrochen, das Licht fahl. Fünfzehn Sekunden Belichtungszeit. Burk glaubt auf der Bühne Grace Slick „Bringing up the dawn“ singen zu hören.

Der Junge auf dem Trip

Ein Jahr später, an einem Abend im Jahr 1970, hatte ein Freund von Bobbi und Nick eine Schallplatte mitgebracht, den Soundtrack von Woodstock, zwei Songs von jedem Konzert, auf dem Cover das Foto von den beiden. Sie hätten sich zunächst nicht erkannt, erzählt Bobbi, nur den Schmetterlingsdrachen links auf dem Bild. Der Junge auf dem Trip. Dann erkannten sie die Decke und dann sich selbst. „Keine große Sache“, sagt Bobbi. Später hat sie die Platte ihrer Mutter gezeigt. „Schön“, habe diese gesagt. „Und was willst du zum Abendbrot?“

Bobbi und Nick Ercoline sind heute 60 Jahre alt, verheiratet sind sie seit 38 Jahren. Bobbi arbeitet als Krankenschwester in einer Schule, Nick war Schreiner und ist im Ruhestand. Sie haben zwei Söhne und wohnen in einem Haus mit zehn Zimmern, im Bundesstaat New York. Wer zu ihnen will, muss vorbei an einer Amerika-Flagge und einer Jungfrau Maria. Und vorbei an einem Schild, auf dem steht „Hippies use backdoor“, Hippies bitte durch die Hintertür. Das Bild von dem Paar, eingehüllt in die rosa Decke, hängt in der Küche.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik.

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