14.01.2012 · Königin Margrethe II. ist ihrem Volk nah und wahrt doch Distanz. Seit 40 Jahren arbeitet sie an ihrer Beliebtheit.
Von Matthias WyssuwaIn trüben Zeiten für die europäischen Monarchien, in denen sich gekrönte Staatsoberhäupter entweder anrüchiger Spekulationen erwehren müssen (Schweden), halbseidener Verwandter (Spanien) oder empörter Kopftuchgegner im eigenen Land (Niederlande), steht zumindest ein Königshaus im Norden in voller Pracht und ungebrochener Beliebtheit da. Mehr als 80 Prozent der Dänen sind von ihrer Monarchie angetan, ergaben Umfragen dieser Tage. Es ist der beste Wert in ganz Europa und ein Liebesbeweis zum Thronjubiläum für Königin Margrethe II. Denn an diesem Samstag ist es 40 Jahre her, dass der damalige dänische Ministerpräsident auf den Balkon von Schloss Christiansborg in Kopenhagen stieg und dreimal in verschiedene Himmelsrichtungen ausrief: „König Fredrik IX. ist tot. Lange lebe Ihre Majestät Königin Margrethe II.!“
Seit 1972 sitzt Margrethe II. auf dem dänischen Thron und führt das mit einer gut tausendjährigen Geschichte älteste europäische Königshaus - als Nachfolger von Gorm dem Alten, Sven Gabelbart und gut 50 weiteren Monarchen. Margrethe II. ist erst die zweite weibliche Herrscherin Dänemarks. Margrethe I. hatte vor gut 600 Jahren ein skandinavisches Großreich geschaffen, das immerhin länger währte als sie lebte. Auch während der Regentschaft Margrethes II. tat sich manches im Staate Dänemark: Zehn verschiedene Ministerpräsidenten regierten das Land, zumeist ohne eigene Mehrheit.
Es gab die Dominanz der Sozialdemokraten, deren Zerfall und schließlich die mühsame Teilauferstehung. Dänemark trat der Europäischen Gemeinschaft bei, die zur Union wurde, und diskutierte scharf über Einwanderer, was wiederum der Dänischen Volkspartei zum Aufstieg verhalf und Dänemarks Ruf zumindest doch etwas ankratzte. Eine Frau stand stets wohlgelaunt an der Spitze, eingehüllt in Zigarettenrauch: die kunstsinnige Königin, die manchmal mit ihren Worten, sehr oft aber auch mit ihren bunten Kleidern Akzente setzte. Sie hat neben der schlichten Konstanz ihrem Volk gegeben, was es von einer Monarchin ohne Macht verlangte: das Gefühl der Nähe, ohne dabei die Distanz zu verlieren. Es ist ihr Erfolgsgeheimnis.
Dabei war lange nicht abzusehen, dass Margrethe II. die Monarchie zu einer solchen Beliebtheit verhelfen sollte, ja nicht einmal, dass sie überhaupt Königin werden würde. Nur wenige Tage nachdem deutsche Soldaten 1940 dänischen Boden betraten, wurde sie als Tochter des damaligen Kronprinzen Fredrik geboren. Sie galt als „Lichtblick in dunkler Zeit“, ihr Opa war König und ritt stets demonstrativ durch das besetzte Kopenhagen. Margrethe war zwar die älteste von drei Töchtern, die Thronfolgerin aber war sie nicht. Erst als sie 13 Jahre alt war, änderten die Dänen in einer Volksabstimmung die Thronfolgerreglung und erlaubten so in einem demokratischen Akt auch ihr als Frau, die Krone zu übernehmen. Die kleine Margrethe soll schockiert gewesen sein.
Margrethes Vater pflegte einen lebensbejahenden Lebensstil und war auf der Brust kräftig tätowiert. Als er starb, bezeichneten sich nur gut 40 Prozent der Dänen als Anhänger der Monarchie. Dann kam Margrethe. Ihr Wahlspruch als Königin verkündete sie auf dem Balkon von Christiansborg: „Gottes Hilfe - des Volkes Liebe - Dänemarks Kraft.“
Der Liebe des Volkes konnte sie sich bald sicher sein. Margrethe wurde anfangs als schüchtern und unsicher beschrieben. Sie hatte ein exzellente Ausbildung erhalten. An den Universitäten in Kopenhagen, Aarhus, Cambridge, Paris und London studierte sie Politische Wissenschaft und Archäologie. So schuf sie sich die Aura der Intellektuellen mit der Krone. In London lernte sie ihren späteren Mann kennen, den französischen Diplomaten Graf Henri de Laborde de Monpezat. 1967 heirateten die beiden, und aus Henri wurde Prinz Henrik. Rasch bekamen sie zwei Söhne, Kronprinz Frederik und Prinz Joachim. Als Königin legte Margrethe II. ihre Unsicherheit ab, sie fand ihre Sprache, schaffte es mit legendären Ermahnungen und persönlichen Bezügen, ihre Neujahrsansprache zum Pflichttermin zu machen, und achtete bei den Sommerfahrten mit der königlichen Yacht „Dannebrog“ stets darauf, alle Teile ihres Königreichs zu besuchen. Die Presse begleitete sie wohlwollend, und so wurde Margrethe II. in einem Land, das Gleichheit stets groß schrieb, zu einer hoch geschätzten Monarchin.
Die Königin schuf sich derweil ihre Fluchten. Ihre Liebe zur Archäologie, zur Malerei und zu sonstigen Künsten lebte sie lange im Verborgenen aus. Als Ingahild Grathmer illustrierte sie Tolkiens „Herr der Ringe“, und als H. M. Vejerbjerg übersetzte sie gemeinsam mit ihrem Mann Simone de Beauvoirs „Alle Menschen sind sterblich“ ins Dänische. Den Ausgleich in der Kunst sucht sie noch immer, doch lange nicht mehr im Geheimen. Längst hat es sogar Ausstellungen mit ihren Landschaftsbildern (deren Qualität recht unterschiedlich beurteilt wird) gegeben. Sie entwirft Kulissen fürs Theater, und auch von ihrem Mann ist bekannt, dass er gerne dichtet, über seine Frau zum Beispiel oder die Dackel der Familie.
In all den Jahren blieb eines sehr rar: die Skandale. In den achtziger Jahren wurden empörte Stimmen vernommen, als die Königin ihr Volk zu mehr Toleranz gegenüber Fremden aufforderte. Schließlich hat sich die Monarchin politisch bedeckt zu halten. Später dann giftete eine schwedische Zeitung gegen sie, da sie in einem Altersheim geraucht hatte. Mit der Kritik aus dem ungeliebten Nachbarland aber war für die Dänen der Rubikon überschritten, und das Volk scharte sich hinter ihr.
Nur privat lief nicht immer alles geschmeidig: Margrethe selbst macht kein Geheimnis daraus, dass sie wohl keine gute Mutter gewesen sei. Ihr Mann soll zudem ein recht robustes Erziehungskonzept verfolgt haben. Von den Kindern ist die Bemerkung überliefert, man sei bei den Eltern zu Gast gewesen. Zudem schienen beide Söhne die lebensbejahende Art von ihrem Opa geerbt zu haben. Ihr Interesse soll vor allem Frauen, Partys und teuren Autos gegolten haben, was zum Missfallen der Königin auch in den Zeitungen nicht unerwähnt blieb. Ebenso wenig wie auch die spektakuläre Flucht ihres Mannes nach Frankreich im Jahr 2002, der sich zurückgesetzt und ungeliebt fühlte.
Schnell aber war Prinz Henrik wieder bei seiner Königin, und längst sind auch die Söhne verheiratet, Joachim sogar schon zum zweiten Mal. Fredrik ist als Kronprinz und stets stolzer Vater beliebt im Königreich. So beliebt sogar, dass 40 Prozent der Dänin es gerne sähen, wenn die Königin in den kommenden fünf bis zehn Jahren ihre Krone an ihn weiterreichte.
Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Auch in den vergangenen Tagen, in denen das ganze Land sich schon auf die Festivitäten zum Thronjubiläum einstimmte - der Höhepunkt wird an diesem Samstag ein Kutschfahrt der Königin vom Schloss Amalienborg zum Kopenhagener Rathaus sein - blieb der Hinweis nicht aus, dass Abdankung keine Option für die Königin ist. Schließlich hat überhaupt erst ein dänischer König abgedankt, und zwar Erik III., genannt „das Lamm“, vor gut 850 Jahren. Die Krone wird Königin Margrethe II. also wohl - so verlangt es die Pflicht und so hat sie es in verschiedenen Varianten auch schon wissen lassen - nur der Tod entreißen können.