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25 Jahre AWI Löcher im Eis

14.07.2005 ·  Seit 25 Jahren erforscht das Alfred-Wegener-Institut die Pole und Meere und leistet einen wichtigen Beitrag zur Klimaforschung. Mit der „Polarstern“ verfügt das AWI über den leistungsfähigsten Forschungseisbrecher der Welt.

Von Roland Knauer
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Wie Maulwürfe hocken die Forscher im Schelfeis vor der Antarktis, spähen aus ihren modernen Schneehöhlen und beobachten Klima und Ozonloch. Mit urtümlichen Kettenfahrzeugen rattern sie im Südsommer zwischen Dezember und Februar 750 Kilometer weiter in Richtung Südpol und bohren dort Löcher ins Eis, um das Klima der Vergangenheit zu analysieren.

In der Arktis zerren andere eine Art Kajak über Eisschollen, deren Dicke sie mit einem im Faltboot verborgenen Instrument messen. Knatternd startet ein Hubschrauber mit Wissenschaftlern vom Eisbrecher „Polarstern“, der fast zwischen den Eisschollen verschwindet. Gleichzeitig notiert ein Forscher auf Helgoland akribisch genau, wie sich die Nordsee verändert, wenn die Temperaturen steigen. Am Freitag aber werden diese Wissenschaftler ihre Studien für ein paar Stunden unterbrechen und miteinander anstoßen. Der 25. Geburtstag des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung ist gebührend zu feiern.

Der leistungsfähigste Forschungseisbrecher der Welt

Die Politik stand Pate, als vor genau 25 Jahren, am 15. Juli 1980, in Bremerhaven diese kurz AWI genannte Großforschungseinrichtung getauft wurde. Die sozialliberale Bundesregierung wollte im Konzert der Großen stärker als bislang mitspielen und sich unter anderem die Tür zur Antarktis offenhalten. Schon im Februar 1979 war Deutschland daher dem Antarktis-Vertrag beigetreten und hatte sich damit verpflichtet, auf dem eisigen sechsten Kontinent Flagge zu zeigen.

Löcher im Eis

Eine eigene Forschungseinrichtung mußte her, ein Eisbrecher für die Wissenschaft wurde auf Kiel gelegt. Die „Polarstern“ ist noch heute der leistungsfähigste Forschungseisbrecher der Welt. Ein Schiff braucht aber auch einen Hafen, ein Wissenschaftler macht nicht nur Feldarbeit, sondern forscht auch im Labor. Diese Funktion sollte das AWI in Bremerhaven übernehmen.

Schlag ins Wasser

Unsichtbar stand auch grünes Gedankengut Pate bei der Gründung des AWI. In den siebziger Jahren hatten die Berichte des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ viel Aufsehen erregt, nach denen verschiedene Rohstoffe bald knapp werden sollten. Einen davon sollte das AWI als erste große Aufgabe genauer untersuchen. Die Gewässer der Antarktis wimmeln von kleinen Krebsen; vom Blauwal bis zum Pinguin futtern die meisten Tiere um den Südpol direkt oder indirekt diese Krill genannten Tierchen. Warum also sollte man nicht aus Krill auch leckere Mahlzeiten für den Menschen zaubern können? So einer der Gedanken - und schon war die „Polarstern“ unterwegs, für Deutschland Ressourcen am Rande der Antarktis zu erkunden und das Leben des Krills zu untersuchen.

Die wirtschaftliche Idee mit dem Krill war ein typischer Schlag ins Wasser: Zwar gibt es jede Menge dieser Krebse in den Gewässern der Antarktis. Allerdings müßte man innerhalb von drei Stunden die äußere Schale vom Krill pulen, andernfalls würde von dort sehr viel Fluorid ins Fleisch wandern und dieses ungenießbar machen, erklärt die Biologin Melanie Heacox aus Gustavus in Alaska. Das schnelle Aufarbeiten aber klappt in der Praxis einfach nicht.

Auf Stelzen über dem Eis

Die Krillforschung hat sich trotzdem gelohnt. So entdeckten die AWI-Wissenschaftler zum Beispiel das Winterrevier der kleinen Krebse im Scheckkartenformat: Während der Krill im Sommer im freien Wasser schwimmt, zieht er sich mit Beginn der langen Nächte an die Unterseite des Eises auf dem Meer zurück und weidet die dort lebenden Algen ab. Seither verstehen die Forscher auch, weshalb viele Tiere der Antarktis so gern an der Kante des Eises leben: Dort ist der Tisch mit Krill reich gedeckt.

Solche Grundlagenforschung ist denn auch das Erfolgsrezept des AWI. Die Wissenschaftler arbeiten aber nicht nur in den diversen Gebäuden, die inzwischen über weite Teile Bremerhavens verteilt sind, sondern haben auch Basen in den Polregionen. Da gibt es etwa die Neumayer-Station auf dem sogenannten Ekström-Schelfeis im Nordosten der Antarktis. Seit 1981 überwintern die Forscher dort tief eingegraben im Eis, weil eine Station an der Oberfläche von den ewigen Stürmen des sechsten Kontinents rasch verschüttet würde. Vom Jahr 2008 an aber bekommt die Station Fenster und wird auf Stelzen über dem Eis stehen. Dann kann der Wind unter den Labors durchpfeifen, und die Wissenschaftler können das Wetter auch direkt beobachten.

Nie soviel Kohlendioxyd in der Luft

Von der Neumayer-Station aus brechen die Forscher auch zur Kohnen-Station auf, die auf dem Festlandeis der Antarktis liegt. Dort bohrt ein Team europäischer Wissenschaftler 3.200 Meter tiefe Löcher ins Eis, um aus den Bohrkernen das Klima der vergangenen 800.000 Jahre zu ermitteln. Die Federführung hat das AWI. Erste Ergebnisse sind schon veröffentlicht; so gab es etwa in der letzten halben Million Jahre nie soviel Kohlendioxyd in der Luft wie heute. Das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas hat also das Klima schon so stark verändert, daß die Forscher es nicht mehr exakt vorausberechnen können - Überraschungen sind daher möglich.

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung messen die AWI-Forscher auch, wenn sie im Norden Sibiriens die Dauerfrostböden analysieren. Dort lagern riesige Mengen des Gases Methan, die in die Luft blubbern können, wenn der Boden bei steigenden Temperaturen auftaut. Methan ist ebenfalls ein Treibhausgas und würde die Erde weiter aufheizen. Da ein Viertel des festen Landes der Erde Dauerfrostböden sind, könnte dort eine der Überraschungen liegen, die Klimaforschern Sorge bereitet.

17 Milliarden Liter Wasser

In ihrer Station auf Spitzbergen untersuchen AWI-Forscher auch, wie denn die Algen unter dem Meer auf die stärkere ultraviolette Strahlung reagieren, die durch ein Ozonloch auf die Erde fällt. Manche blocken die gefährlichen Strahlen mit einem selbsthergestellten Sonnenschutz in ihren Zellen ab. Andere dagegen riskieren Erbschäden, weil ihnen ein solcher Schutz fehlt. Etliche Kilometer weiter im Südwesten gurgeln zwischen Island und Grönland jede Sekunde 17 Milliarden Liter Wasser in die Tiefe des Nordatlantiks.

Dieser gigantische, aber unsichtbare Strudel zieht Wasser aus der Karibik an der Meeresoberfläche nach Norden, das wiederum Europa als Warmwasserheizung recht angenehme Temperaturen bringt. Wird es wärmer, könnten diese Strömungen abreißen, und Europa würde bibbern, während der Rest des Globus zunehmend ins Schwitzen kommt. Die genauen Daten zu diesen Meeresströmungen liefern AWI-Forscher.

Dorado der Meeres- und Polarforscher

Wenn die Wissenschaftler in Bremerhaven Fische durch einen Kernspintomographen schwimmen lassen, mit dem sonst die inneren Organe von Patienten unter die Lupe genommen werden, oder im Dallmann-Labor auf der Antarktischen Halbinsel untersuchen, weshalb die Muscheln im eisigen Wasser dort so steinalt werden, arbeiten sie natürlich auch mit Universitäten zusammen. Damit aber verändern sich die Hochschulen. So galt die Bremer Universität in den siebziger Jahren als linke Kaderschmiede der Geisteswissenschaften.

Seit der Gründung des AWI aber hat sich die Universität in der Hansestadt zu einem Dorado der Meeres- und Polarforscher gewandelt. Sie hat inzwischen auch in den Naturwissenschaften einen hervorragenden Ruf. Das wiederum bringt auch die Wirtschaft im eigentlich strukturschwachen Bundesland Bremen auf Trab. Die politische Entscheidung vor 25 Jahren für das AWI als Zentrum für Grundlagenforschung an den Polen und in den Meeren hat viele Arbeitsplätze nach Bremen gebracht.

Quelle: F.A.Z., 14.07.2005, Nr. 161 / Seite 7
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