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150 Jahre „Tube“ in London Im Untergrund sind alle gleich

 ·  Die Londoner lieben sie, hassen sie – und könnten ohne sie nicht leben: Die „Tube“ wird 150 Jahre alt.

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© dpa Vergrößern Mehr als 400 Kilometer Netz unter der Stadt: Das U-Bahn-Logo vor Big Ben.

Es sei eine „Beleidigung der Vernunft“, ereiferte sich die „Times“ im November 1861, anzunehmen, „dass die Menschen es jemals vorziehen würden, in der mit Händen zu greifenden Dunkelheit durch die stinkende Unterwelt Londons gefahren zu werden“. Damals war die Arbeit an der ersten Untergrundbahn der Welt schon weit fortgeschritten.

Dennoch hielt die „Times“ das Projekt für utopisch. Die ganze Idee sei vergleichbar mit Plänen für fliegende Maschinen, Kriegführung mit Ballons, Tunnel unter dem Ärmelkanal und anderen kühnen, aber gefährlichen Vorhaben ähnlicher Art.

Jungfernfahrt von zweieinhalb Stunden

In der Tat müssen sich die 700 Ehrengäste, die vor 150 Jahren, am 9. Januar 1863, die Stufen hinabgingen, kurz nach ein Uhr mittags in Paddington die mit Gas beleuchteten Waggons der endlich fertiggestellten Metropolitan Line bestiegen und die knapp sechs Kilometer lange Strecke ostwärts bis Farringdon zurücklegten, vorgekommen sein wie in einem phantastischen Roman von Jules Verne.

Die Jungfernfahrt dauerte zweieinhalb Stunden statt der eigentlich benötigten achtzehn Minuten, weil die Gäste an jeder der fünf Zwischenstationen ausstiegen, um zu bewundern, was die „Times“, die unterdessen einen Sinneswandel erlebt hatte, zu einer der großen Ingenieurleistungen der Epoche erklärte.

Am Ziel wurde im feierlich ausgeschmückten Bahnhof Farringdon ein Bankett für die Honoratioren gegeben. Der 79 Jahre alte Premierminister Lord Palmerston hatte abgesagt mit der Begründung, noch einige Jahre über der Erde verweilen zu wollen. Wie sich herausstellte, waren ihm weniger als zwei Jahre beschieden.

In der ironischen Absage des betagten Premiers schwingt freilich auch die atavistische Furcht vor dem Abgrund mit, die bis heute - neben der Unannehmlichkeit von überfüllten Zügen, Ausfällen und Verspätungen - das ambivalente Verhältnis der Londoner zu ihrer Untergrundbahn bestimmt. Der Prediger, der unkte, dass der Bau der in die infernalischen Regionen vordringenden und somit den Teufel störenden Untergrundbahn den Weltuntergang beschleunigen werde, stand mit seinen apokalyptischen Ängsten keineswegs allein. Ein ums andere Mal werden in den Beschreibungen von Zeitgenossen Metaphern der Hölle für die neue Errungenschaft bemüht.

„Erste Erfahrung des Hades“

Ein ausländischer Journalist notierte 1887 in seinem Tagebuch, er habe gerade seine „erste Erfahrung des Hades“ gemacht, und wenn die wahre Unterwelt so sei, werde er sich nie wieder etwas zuschulden kommen lassen. Das Abteil sei gefüllt gewesen mit Pfeife rauchenden Passagieren - „wie es der englischen Gewohnheit entspricht“ -, und die Tunnel seien voll von Schwefelgasen.

Er sei vor Erstickungsanfällen und Hitze beinahe gestorben, berichtete er. Der Chronist sagte voraus, dass diese Verkehrsmittel bald eingestellt werden müssten, weil sie eine Gefahr für die Gesundheit darstellten. Ein anderer Reisender ließ sich in der Frühzeit der Untergrundbahn, als die Züge noch von Dampf angetrieben wurden und die Lüftung unzureichend war, wegen Atemnot in einer Apotheke behandeln.  Dort stellte man sogleich die Diagnose: „Metropolitan Railway“ und verabreichte dem Patienten ein Weinglas mit einer „Metropolitan-Arznei“. Als er fragte, wie oft so etwas vorkomme, sagte der Apotheker, er behandele oft 20 Fälle am Tag.

Allerdings war die rapide wachsende Hauptstadt des Weltreiches auch auf der Straßenebene zu einer Art Hölle geworden. Im Jahr 1800 hatte London knapp eine Million Bewohner, 1851, im Jahr der Weltausstellung, stand die Zahl bereits bei 2,36 Millionen, und beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren es sieben Millionen.

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