Home
http://www.faz.net/-gum-75llf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

150 Jahre „Tube“ in London Im Untergrund sind alle gleich

Die Londoner lieben sie, hassen sie – und könnten ohne sie nicht leben: Die „Tube“ wird 150 Jahre alt.

© dpa Vergrößern Mehr als 400 Kilometer Netz unter der Stadt: Das U-Bahn-Logo vor Big Ben.

Es sei eine „Beleidigung der Vernunft“, ereiferte sich die „Times“ im November 1861, anzunehmen, „dass die Menschen es jemals vorziehen würden, in der mit Händen zu greifenden Dunkelheit durch die stinkende Unterwelt Londons gefahren zu werden“. Damals war die Arbeit an der ersten Untergrundbahn der Welt schon weit fortgeschritten.

Gina Thomas Folgen:    

Dennoch hielt die „Times“ das Projekt für utopisch. Die ganze Idee sei vergleichbar mit Plänen für fliegende Maschinen, Kriegführung mit Ballons, Tunnel unter dem Ärmelkanal und anderen kühnen, aber gefährlichen Vorhaben ähnlicher Art.

Jungfernfahrt von zweieinhalb Stunden

In der Tat müssen sich die 700 Ehrengäste, die vor 150 Jahren, am 9. Januar 1863, die Stufen hinabgingen, kurz nach ein Uhr mittags in Paddington die mit Gas beleuchteten Waggons der endlich fertiggestellten Metropolitan Line bestiegen und die knapp sechs Kilometer lange Strecke ostwärts bis Farringdon zurücklegten, vorgekommen sein wie in einem phantastischen Roman von Jules Verne.

Die Jungfernfahrt dauerte zweieinhalb Stunden statt der eigentlich benötigten achtzehn Minuten, weil die Gäste an jeder der fünf Zwischenstationen ausstiegen, um zu bewundern, was die „Times“, die unterdessen einen Sinneswandel erlebt hatte, zu einer der großen Ingenieurleistungen der Epoche erklärte.

22713594 © INTERFOTO Vergrößern Würdenträger auf der ersten Fahrt: Die Eröffnung der Metropolitan Line

Am Ziel wurde im feierlich ausgeschmückten Bahnhof Farringdon ein Bankett für die Honoratioren gegeben. Der 79 Jahre alte Premierminister Lord Palmerston hatte abgesagt mit der Begründung, noch einige Jahre über der Erde verweilen zu wollen. Wie sich herausstellte, waren ihm weniger als zwei Jahre beschieden.

In der ironischen Absage des betagten Premiers schwingt freilich auch die atavistische Furcht vor dem Abgrund mit, die bis heute - neben der Unannehmlichkeit von überfüllten Zügen, Ausfällen und Verspätungen - das ambivalente Verhältnis der Londoner zu ihrer Untergrundbahn bestimmt. Der Prediger, der unkte, dass der Bau der in die infernalischen Regionen vordringenden und somit den Teufel störenden Untergrundbahn den Weltuntergang beschleunigen werde, stand mit seinen apokalyptischen Ängsten keineswegs allein. Ein ums andere Mal werden in den Beschreibungen von Zeitgenossen Metaphern der Hölle für die neue Errungenschaft bemüht.

„Erste Erfahrung des Hades“

Ein ausländischer Journalist notierte 1887 in seinem Tagebuch, er habe gerade seine „erste Erfahrung des Hades“ gemacht, und wenn die wahre Unterwelt so sei, werde er sich nie wieder etwas zuschulden kommen lassen. Das Abteil sei gefüllt gewesen mit Pfeife rauchenden Passagieren - „wie es der englischen Gewohnheit entspricht“ -, und die Tunnel seien voll von Schwefelgasen.

Er sei vor Erstickungsanfällen und Hitze beinahe gestorben, berichtete er. Der Chronist sagte voraus, dass diese Verkehrsmittel bald eingestellt werden müssten, weil sie eine Gefahr für die Gesundheit darstellten. Ein anderer Reisender ließ sich in der Frühzeit der Untergrundbahn, als die Züge noch von Dampf angetrieben wurden und die Lüftung unzureichend war, wegen Atemnot in einer Apotheke behandeln.  Dort stellte man sogleich die Diagnose: „Metropolitan Railway“ und verabreichte dem Patienten ein Weinglas mit einer „Metropolitan-Arznei“. Als er fragte, wie oft so etwas vorkomme, sagte der Apotheker, er behandele oft 20 Fälle am Tag.

Allerdings war die rapide wachsende Hauptstadt des Weltreiches auch auf der Straßenebene zu einer Art Hölle geworden. Im Jahr 1800 hatte London knapp eine Million Bewohner, 1851, im Jahr der Weltausstellung, stand die Zahl bereits bei 2,36 Millionen, und beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren es sieben Millionen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Geduldsprobe für Pendler S-Bahn-Verkehr normalisiert sich nach Schienenbruch

Weil ein Bauteil an einer Schiene kaputt war, mussten sich ungezählte Pendler in Frankfurt in Geduld üben. 30 Züge fielen ganz oder teilweise aus. Nun läuft aber alles wieder nach Plan. Mehr

16.12.2014, 13:58 Uhr | Rhein-Main
Kinderwagen rollt auf U-Bahngleise

In einer Londoner U-Bahn-Station hat viel Glück und schnelles Handeln ein Unglück verhindert. Eine Frau sprang auf die Gleise, um einen heruntergerollten Kinderwagen samt Kind wieder hochzuholen. Mehr

12.08.2014, 10:37 Uhr | Gesellschaft
Kassel Diebe klauen 3408 Tuben Zahnpasta

Zahnpasta hat jeder - aber gleich 3408 Tuben. Diebe haben in der Nähe von Kassel Zahnpasta im Wert von 8500 Euro geklaut, bis zum Lebensende dürfte das wohl reichen. Mehr

12.12.2014, 16:03 Uhr | Rhein-Main
Manhattanisierung Londoner gespalten zu immer mehr Wolkenkratzern

Überall in London sprießen neue Hochhäuser in den Himmel: In den kommenden zehn Jahren sollen es mehr als 230 sein. Die traditionelle Skyline der britischen Hauptstadt dürfte sich weiter verändern, und zwar deutlich. Die Londoner sind in ihrer Meinung über die "Manhattanisierung" gespalten. Mehr

27.11.2014, 13:37 Uhr | Gesellschaft
Arabischer Investor Sitz von Scotland Yard in London verkauft

Der Sitz der Londoner Polizei, New Scotland Yard, geht an einen arabischen Investmentfonds. Für 370 Millionen Pfund wechselt das Gebäude den Besitzer. Mehr

09.12.2014, 16:32 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.01.2013, 19:31 Uhr

Fußballstar in Bronze Ronaldo errichtet sich eigenes Denkmal

Ronaldo verewigt sich in Bronze, Madonna veröffentlicht vorzeitig sechs Songs ihres neuen Albums und Schüler finden eine alte Flaschenpost von Kardinal Reinhard Marx – der Smalltalk. Mehr 5

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden