http://www.faz.net/-gum-74m5j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Veröffentlicht: 26.11.2012, 15:48 Uhr

14 Tote in Behindertenwerkstatt Noch nach Stunden rauchte es

Beim Brand in einer Behindertenwerkstatt im Schwarzwald sind 14 Menschen ums Leben gekommen. Das Feuer war offenbar in einem Lagerraum ausgebrochen. Dort soll es zu einer Explosion gekommen sein.

von
© dpa Großeinsatz der Feuerwehr in Titisee-Neustadt

Gegen 15.10 Uhr bekam der Bürgermeister von Titisee-Neustadt, Armin Hinterseh, eine alarmierende Nachricht: Im Gewerbegebiet des beliebten Wintersportortes im Schwarzwald, 30 Kilometer südöstlich von Freiburg gelegen, gebe es einen Großbrand. Das Gewerbegebiet liegt am Ortseingang von Neustadt.

Rüdiger Soldt Folgen:

Hinterseh konnte da noch nicht ahnen, welche Katastrophe sich in seiner Gemeinde ereignet hatte. Um 15.40 Uhr gab dann der Sprecher der Freiburger Polizei, Marco Troll, eine schreckliche Nachricht bekannt: In einer Behindertenwerkstatt der Caritas seien durch einen Großbrand 14 Menschen ums Leben gekommen und zahlreiche weitere schwer verletzt worden.

© dpa, Reuters Titisee-Neustadt: 14 Tote bei Brand in Behindertenwerkstatt

Die Behindertenwerkstatt ist eine Zweigstelle der Freiburger Caritas-Werkstätten. 120 Menschen mit „geistiger oder mehrfacher Behinderung“ arbeiten dort jeden Wochentag in einem dreistöckigen modernen Flachbau. Die Behinderten bearbeiten Holz oder Metall, es gibt einen Bereich für Elektromontage und einen für Konfektionierung. Um 14 Uhr muss im Lagerraum ein Feuer ausgebrochen sein, das schnell auf den Dachstuhl des mit einer modernen Brandmeldeanlage ausgestatteten Gebäudes übergriff.

Viele Behinderte gerieten in Panik

In einem Lagerraum soll es zu einer Explosion gekommen sein. Möglicherweise wurden in dem Raum auch Chemikalien gelagert. Die Brandmeldeanlage löste bei der Leitstelle in Freiburg Alarm aus. Als die ersten Feuerwehrleute eintrafen, quoll dichter Rauch aus dem Dachstuhl, hilflose, panische Menschen standen an den Fenstern und schrieen um Hilfe. Polizei und Feuerwehr mussten Verstärkung anfordern. Bei Ausbruch des Feuers waren nach ersten Schätzungen etwa 50 Menschen in dem Gebäude. Die Feuerwehrleute konnten sich nur mit schweren Atemschutzgeräten Zugang in das Gebäude verschaffen. Mehrere Notärzte und Rettungsfahrzeuge sowie ein Hubschrauber waren im Einsatz.

Feuer in Behindertenwerkstatt © dpa Vergrößern Das Feuer wurde offenbar durch eine Explosion in einem Lagerraum ausgelöst

Auch Stunden nach Ausbruch des Feuers drang noch Rauch aus dem Gebäude. Viele Behinderte seien wegen der Flammen in Panik geraten. „Wir haben hier mit Menschen zu tun, die naturgemäß nicht rational reagieren“, sagte Kreisbrandmeister Alexander Widmaier. Als Bürgermeister Armin Hinterseh im Gewerbegebeit Bildstöckle eintraf, bot sich ihm ein Bild des Grauens. „Wir können noch nicht viel sagen, es sind 14 Tote, die Brandursache ist unklar“, sagte ein Sprecher der Polizei dieser Zeitung. Um 16.45 Uhr schafften es die Feuerwehrleute, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Die Bergungsarbeiten in dem Gebäude seien abgeschlossen. „Das Gebäude ist leer, es gibt keine weiteren Toten“, sagte ein Polizeisprecher.

Kretschmann reist per Hubschrauber an

Das Unglück löste bundesweit Entsetzen und Trauer aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erkundigte sich laut Regierungssprecher Steffen Seibert bei dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), über die Katastrophe. „Sie ist tief erschüttert, sprachlos und fassungslos angesichts dieser schrecklichen Ereignisse“, sagte Kretschmann.

Er und Landesinnenminister Reinhold Gall (SPD) waren mit einem Hubschrauber zum Unglücksort geflogen, der rund 40 Kilometer östlich von Freiburg im Breisgau liegt. „Der Brand ist eine Katastrophe für die Betroffenen, für den Ort und ganz Baden-Württemberg, sagte Kretschmann. „Solche Schicksalsschläge sind schwer zu verkraften.“ Er dankte den Einsatzkräften, die so rasch zur Stelle gewesen seien.

Auch Bundespräsident Joachim Gauck gedachte der Opfer. „Ich denke an die armen Menschen, die Opfer zu beklagen haben“, sagte Gauck am Montagabend in Duisburg zum Abschluss seines Antrittsbesuchs in Nordrhein-Westfalen. Er habe mit Kretschmann telefoniert und sein Beileid ausgedrückt.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ehemaliger Feuerwehrmann Bewährungsstrafe für Brandstifter von Einhausen

Immer wieder brennt es in Einhausen, die Feuerwehr ist am Ende ihrer Kräfte. Monate später gesteht ein Kamerad aus ihrer Mitte die Brandstiftung. Liebeskummer soll ein Auslöser gewesen sein. Mehr

28.04.2016, 16:58 Uhr | Gesellschaft
Video Großbrand wütet in Möbelfabrik

Ein Feuer im Lager einer Möbelfabrik im amerikanischen Bundesstaat Illinois hat Einsatzkräfte von gleich acht Feuerwachen in Atem gehalten. Der Brand in Woodridge südwestlich von Chicago war nach Angaben der Feuerwehr aus bisher ungeklärter Ursache gegen sechs Uhr morgens Ortszeit ausgebrochen. Mehr

22.04.2016, 08:13 Uhr | Gesellschaft
Feuer für Rio 2016 Ein Flüchtling als olympischer Fackelträger

In Syrien verlor Schwimmer Ibrahim Al Hussein bei einem Bombenangriff seinen halben Unterschenkel. Nun ist der Flüchtling einer der Athleten, die die olympische Fackel nach Rio tragen. Mehr

27.04.2016, 12:39 Uhr | Sport
Bolivien Demo auf Rädern und Krücken

Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, ziehen derzeit über 100 Rollstuhlfahrer und andere Behinderte 370 Kilometer quer durch Bolivien. Der Marsch ist beschwerlich. Vier Menschen seien auf dem Weg schon gestorben, sagte einer der Teilnehmer. Mehr

22.04.2016, 16:39 Uhr | Gesellschaft
Kanada Zehntausende fliehen vor Flammen

Wegen eines Waldbrandes haben die kanadischen Behörden die Stadt Fort McMurray mit fast 100.000 Einwohnern evakuiert. In den sozialen Netzwerken dokumentieren die Menschen ihre dramatische Flucht durch das Feuer. Mehr

04.05.2016, 05:34 Uhr | Gesellschaft

David Coulthard Formel-1-Star fährt zu schnell

David Coulthard ist in Frankreich geblitzt worden, Jörg Hartmann will seine beiden Töchter zu selbstbewussten Frauen erziehen, und Hulk Hogan zieht wieder gegen „Gawker“ vor Gericht – der Smalltalk. Mehr 5

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden