10.09.2003 · Mehr als ein Drittel der Opfer vom World Trade Center können nie identifiziert werden. Die Untersuchungen von DNA-Spuren sind kompliziert und vor allem auf Vergleichsproben angewiesen.
Von Alfons KaiserAuch in der Leichenhalle der New Yorker Gerichtsmedizin ist der 11. September 2001 noch nicht vergangen. Die Kühllastwagen im provisorischen Zelt an der First Avenue bergen Tausende von Knochen und Gewebeteilen.Die Rechtsmediziner arbeiten weiter daran, diese Überreste Opfern zuzuordnen. Aber es dauert. "Vielleicht werden wir den Fall nächstes Jahr im September abschließen", sagt die Deutsche Mechthild Prinz, die seit 1994 beim Office of the Chief Medical Examiner (OCME) arbeitet. Daß es lange dauern würde, wußte man sofort: In den ersten Tagen sprach man von mehr als 6000 Toten, und die erste Vermißtenliste umfaßte gar mehr als 20 000 Namen. Die Arbeit der Rechtsmediziner und Kriminaltechniker besteht, wenn man so will, seit zwei Jahren darin, durch Identifizierung und Ausschließung diese Liste immer weiter zu verkürzen: Zur Zeit liegt die offizielle Zahl der Opfer in New York bei 2792. Viele Familien werden noch einen Totenschein zugestellt bekommen. Aber zahlreiche Hinterbliebene werden nie letzte Gewißheit über den Tod ihres Angehörigen erlangen.
Die Arbeit begann für die Rechtsmediziner schon am Morgen des 11. September 2001. Charles S. Hirsch, der Chief Medical Examiner, machte sich, kaum daß die beiden Flugzeuge um 8.46 Uhr und 9.03 Uhr in die Türme gerast waren, mit sechs Mitarbeitern auf den Weg. Am World Trade Center wollten sie eine provisorische Leichenhalle aufbauen. Als um 9.59 Uhr der Südturm in sich zusammenstürzte, wurden Hirsch und einige seiner Leute verletzt. Aber sie arbeiteten weiter. Einige Stunden später wurde der erste Leichnam gebracht: Mychal Judge, der Kaplan der New Yorker Feuerwehr, dessen Todesumstände im Dokumentarfilm der Brüder Jules und Gédéon Naudet gezeigt werden, bekam die Nummer DM-01-00001 - "DM" für "Disaster Manhattan". 291 vollständige Leichen und mit der Zeit immer mehr Leichenteile wurden ins Zelt der Forensiker an Ground Zero gebracht. In den ersten Wochen bargen Polizisten, Feuerwehrleute und Rechtsmediziner die Toten aus dem gigantischen Trümmerhaufen. Dann brachte man die Trümmer mit Lastwagen und Schleppkähnen auf die ehemalige Mülldeponie Fresh Kills in Staten Island. Dort begann ein Prozeß von makabrer Logik: Wegen der 1,6 Millionen Tonnen Trümmer mußte man das Aussortieren der Leichenteile gewissermaßen industrialisieren. Hunderte Polizisten des New York Police Department (NYPD) und Freiwillige von D-Mort (Disaster Mortuary Operational Response Team) saßen an Fließbändern und suchten aus den kleinen Trümmerteilen alles heraus, was wie ein Überrest eines Menschen aussah.
Kleinstteile von Menschen
Sie konnten nur grob sortieren. In Kriminalfällen bearbeiten Rechtsmediziner oft stecknadelkopfgroße Blutspuren. In der graubraunen Masse auf dem Fließband fand man so kleine Gewebeteile gar nicht. "Die kleinste Einheit, die vom Fließband kam, waren Zähne", sagt Mechthild Prinz. Knochen in der Größe von Zähnen erkannten die Polizisten schon nicht mehr. Von den meisten Opfern fand man keine größeren Körperteile: Als sich selbst Schreibtische, Büroschränke und Computer in Staub auflösten, wurden erst recht die Menschen zum Verschwinden gebracht. Viele aber eben nicht ganz: Von manchen Opfern fand man nur ein kleines Knochenstückchen, von einem Opfer fast 200 Teile.
Insgesamt wurden 19 936 Leichen und Leichenteile in die Rechtsmedizin gebracht. Dort inspizierten ein Mediziner, ein Fotograf und ein Mitarbeiter des DNA-Labors die Überreste äußerlich, fotografierten, numerierten, versahen die Tüten mit Strichcodes, leiteten sie weiter zur Röntgenaufnahme, zur Fingerabdruckstation oder zu den DNA-Fachleuten. Mit konventionellen Methoden - meist über den Zahnstatus, aber auch über Fingerabdrücke, Röntgenabgleiche, Tätowierungen - wurden 726 Leichen identifiziert. Diese Methoden jedoch waren im Mai 2002 erschöpft. Seitdem wird nur noch per DNA untersucht. Und das geht langsam: Waren zum ersten Jahrestag 1402 Opfer identifiziert, so sind es ein Jahr später nur 122 mehr.
Vermißtenliste anfangs voller Fehler
Schon das Sammeln von Daten war schwierig. Die Angehörigen wollten dringend Informationen, aber sie mußten zunächst einmal Informationen abliefern - und auf dem siebenseitigen "Missing Person Report" Fragen beantworten zu Alter, Blutgruppe, Größe, Gewicht, Augenfarbe, Tätowierungen, Narben, Behinderungen, Schmuckstücken, Uhren, bevorzugten Zigarettenmarken des Vermißten. Zudem mußten sie DNA-Proben auf Zahnbürsten, Turnschuhen, Kämmen, Wäsche, Rasierzeug, Taschentüchern zusammentragen. Kinder und Eltern von Vermißten gaben Blutproben ab. Je genauer die Merkmale, desto einfacher die Identifizierung. Und umgekehrt. Viele waren nicht fähig zu Probenbeschaffung und Auskunftserteilung.
Das machte die Arbeit an der Opferliste nicht einfacher. Spitznamen, Mädchennamen, Falschmeldungen mußten gestrichen werden. Die Zahl der Opfer sank stetig, weil viele, die als vermißt gemeldet worden waren, doch überlebt oder sich gar nicht am World Trade Center befunden hatten. Meldungen aus dem Ausland konnten nur schwer verifiziert werden. Zudem waren viele Vermißte irrtümlich doppelt gemeldet und erschienen zweimal auf der Liste - teils wegen der für ein Einwandererland typischen unterschiedlichen Schreibweise von Personennamen. Als die Liste kürzer geworden war, schrieb man die Familien an und richtete eine Hotline ein. So konnten letzte Fragen besprochen werden: Reicht eine Probe der Mutter? Geht auch ein Paar Socken?
Zeitdruck sorgte für Schnellabfertigung
Sogar die Polizisten waren zu Beginn überfordert - obwohl sie es in Kriminalfällen oft mit Beweismitteln zu tun haben. Das Einsammeln der Familienproben lief chaotisch ab. Nach dem 11. September schlängelte sich tagelang eine Hunderte von Metern lange Reihe von Angehörigen um das Armory-Gebäude in der Lexington Avenue. Die Polizisten sahen sich zeitlich unter Druck. Die Objekte wurden teils mangelhaft beschriftet und versiegelt, manche wegen Namensgleichheiten vertauscht. Anfang Februar 2002 mußten die Rechtsmediziner zugeben, daß nicht einmal die Hälfte der von Angehörigen zur Verfügung gestellten DNA-Proben für die Identifizierung verwendet werden konnte. Hunderte Familien mußten wieder nach möglichen Spuren der Vermißten forschen, die in Hautpartikeln, Haaren, Blutresten oder Sperma vorhanden waren. Mechthild Prinz und ihr Kollege Robert Shaler sagen: "Es war einfach zuviel. Alle waren überfordert." Besser wäre es gewesen, man hätte erst nach einigen Wochen mit dem Einsammeln von Vergleichsproben begonnen. Das wiederum war den Familien kaum zuzumuten. Sie wollten schnell Gewißheit erlangen. Doch die gab es nur unter Vorbehalt: Recht bald stellte man - wegen Lebensversicherungen, Pensionen, Betriebsrenten, Entschädigungen - "beschleunigte Totenscheine" aus.
Auch die schiere Masse der Proben und Vergleichsproben machte den Forensikern Schwierigkeiten. Denn seine eigentliche Arbeit mußte das Amt weiterverfolgen. "Wir konnten ja nicht plötzlich die Opfer von Gewaltverbrechen warten lassen", sagt Prinz. Daher beauftragte das OCME, in dem allein fast 90 DNA-Fachleute arbeiten, andere Laboratorien. Alle Knochen wurden in ein Privatlabor in Virginia geschickt. Fingerabdrücke sind in New York - wie andere klassische kriminaltechnische Methoden, etwa die Ballistik - Sache des Polizeilabors. Und die New York State Police - vergleichbar einem deutschen Landeskriminalamt - untersuchte die meisten Vergleichsproben von Familienmitgliedern.
Neuartiger DNA-Test war notwendig
Beim OCME blieben die Gewebeproben. Meist waren sie stark verwest, weil die Bergung bis in den Mai 2002 dauerte. Zudem waren die Leichenteile durch die hohen Temperaturen und die Reibungsgewalt beim Zusammenbruch der Türme stark beeinträchtigt. "Die DNA", sagt Mechthild Prinz, "war schwer zu extrahieren. Sie war vielfach degradiert." Statt langer DNA-Moleküle gab es vor allem kurze Bruchstücke. Daher funktionieren manche Tests nicht mehr: "Je kürzer das DNA-Stück ist, das man für einen Test braucht, desto besser die Chance, noch ein Ergebnis zu erhalten." So nutzte man eine Methode, die bis dahin in den Vereinigten Staaten für die forensische Arbeit noch nicht verwendet worden war. Für den geläufigen STR-Test ("Short Tandem Repeat") braucht man 100 bis 300 Basenpaare der DNA. Gerade rechtzeitig stand nun der neue SNP-Test ("Single Nucleotide Polymorphism") zur Verfügung, für den man nur 60 bis 80 Basenpaare benötigt. Zunächst mußte der Test noch auf Reproduzierbarkeit und Zuverlässigkeit geprüft werden: Die forensische Validierung fand seit April 2002 unter Anweisung des OCME statt. Seit kurzem ist die Methode nun für den forensischen Gebrauch zugelassen. So hat die Arbeit an der Katastrophe rechtsmedizinische Methoden vorangetrieben.
Nicht allein auf die Technik dürfen sich die Forensiker verlassen. Jede Probe muß mit einer anderen Probe verglichen werden. Wenn der Fingerabdruck stimmt, wird auch noch die DNA verglichen. Wenn man nur eine identifizierte DNA-Probe hat, wird sie zur Sicherheit mit einer Familienprobe verglichen. Nach dieser doppelten Prüfung schaut man noch einmal in die Unterlagen: Stimmen Namen und persönliche Angaben? Ist die richtige Zahnbürste eingereicht worden? So mußten zum Beispiel Vergleichsproben, die von einer Zahnbürste genommen worden waren, mit denen der Eltern des Opfers verglichen werden. Erst dann wird der Totenschein ausgestellt und die Polizei benachrichtigt. Sie informiert alle Angehörigen persönlich. Auch die Rechtsmediziner bemühen sich um einen persönlichen Zugang und finden sich dabei in einer ungewöhnlichen Rolle wieder. Während sie in Kriminalfällen nur mit Staatsanwaltschaft und Polizei zu tun haben, führen sie nun regelmäßig Hinterbliebene durch das Zelt mit den Überresten.
Noch zahlreiche unvollständige Profile
Dabei müssen sie auch berichten, daß es noch immer zahlreiche unvollständige DNA-Profile gibt. 7465 einzelne Überreste wurden 1524 Namen zugeordnet. 1268 Opfer - etwa 45 Prozent - konnten noch nicht identifiziert werden. "Wir testen weiter", sagt Mechthild Prinz. "Wir werden sicherlich noch 200 weitere Personen identifizieren." Vermutlich ist von mehr als einem Drittel der Opfer nichts gefunden worden. Andererseits können 12 471 Leichenteile aus den Trümmern des Word Trade Centers keiner Vermißtenmeldung zugeordnet werden. Nun muß man sich behelfen. Trocknungsgeräte entziehen den letzten sterblichen Überresten Feuchtigkeit. Danach werden sie in Plastikbeuteln vakuumversiegelt und mit Strichcode versehen.
Eines Tages könnten bessere DNA-Analysemethoden noch mehr Sicherheit bringen. So lange bleiben die Überreste in der Leichenhalle und vielleicht schon bald in einer Gedenkstätte an Ground Zero - wenn denn in diesem Herbst eine Entscheidung für einen der eingereichten Entwürfe fällt. Viele Hinterbliebene haben Erklärungen unterschrieben, daß sie nach einem bestimmten Datum keine Mitteilung mehr erhalten möchten. Andere können offenbar mit noch mehr Ungewißheit leben. Die Familien von etwa vierzig Vermißten haben noch keinen Totenschein beantragt - weil sie nicht wahrhaben möchten, daß ihr Verwandter tot ist, weil sie nichts vom World Trade Center im fernen New York wissen oder weil sie der Tod ihres Angehörigen nicht interessiert.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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