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© Film Museum Archive

„Der Kaiser war immer da“

Von STEPHAN LÖWENSTEIN

21. November 2016 · 68 Jahre stand Franz Joseph an der Spitze Österreichs. Schicksalsschläge, Niederlagen und selbst der Erste Weltkrieg verhinderten nicht, dass ein Nimbus um ihn entstand. Sie gaben ihm nur eine bestimmte Note. Einer der letzten Zeitzeugen erinnert sich an „den Oberen, kurz vor dem lieben Gott.“

Es gibt nicht mehr viele Menschen, die sich an die Zeit des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. erinnern können. Einer von ihnen ist Karl Freiherr Karaisl von Karais. Als der Kaiser am 21. November 1916 starb, war Karaisl ein Junge von fünf Jahren und lebte in Prag bei den Großeltern, da der Vater im Krieg war.

© privat Als Franz Joseph starb, war Karl Freiherr Karaisl von Karais noch ein Kind. In seinem Elternhaus war der Kaiser omnipräsent.

Es muss eine Atmosphäre geherrscht haben wie in einem Roman von Joseph Roth. In der Familie, in der auch schon der Großvater selbstverständlich als k.u.k. Offizier gedient hatte, hatte der Kaiser „unsere ganze Wohnung ausgefüllt“ und war „immer da“.

Franz Joseph war „der Inbegriff von etwas, was ich als Kind nicht verstanden habe: des Oberen, kurz vor dem lieben Gott. Überall Bilder von ihm mit seinen beiden Backenbärten. Wenn von ihm gesprochen wurde, hatte man das Gefühl, die Leute erheben sich von den Stühlen.“ Natürlich hatte die schiere Dauer der Regentschaft Franz Josephs, 68 Jahre, etwas zwangsläufig Prägendes. Auch alte Leute wie die Großeltern Karaisl kannten praktisch keinen anderen Monarchen.

  • © DPA Franz Joseph I., das verklärte Symbol einer Epoche, als Puzzle
  • © Picture-Alliance Briefmarken mit Kaiser Franz Josef I. von Österreich
  • © Picture-Alliance Der erste Medienkaiser der Geschichte auf einer Karte anlässlich seines 60. Regierungsjubiläums

1848 war er als Achtzehnjähriger in den Revolutionswirren auf den Thron geschubst worden, um diesen für das Erzhaus Habsburg zu retten. Franz Joseph trat an die Stelle seines Onkels Ferdinand I., der mit dem gesamten Hofstaat nach Olmütz in Mähren fliehen musste und dort nach Niederschlagen des Aufstandes abdankte. Unsterblich wurde er nicht durch Siege und Eroberungen, im Gegenteil überwogen Niederlagen und Verluste: politische, militärische und auch private.

1859 verlor das Kaiserreich die Lombardei, 1866 Venetien und beinahe auch Ungarn. An Erwerbungen war später nur das in jeder Hinsicht zerfurchte und rückständige Bosnien zu verbuchen – kein Ausgleich für Norditalien, sondern der Zünder zur späteren Explosion. Die Niederlage im Krieg gegen Preußen führte außerdem dazu, dass Österreich endgültig den Fuß aus der Tür zu Deutschland nehmen musste, die „kleindeutsche“ Lösung unter preußischer Führung war besiegelt. Die Ungarn konnten durch große Autonomiezugeständnisse im Verband der – seither k.u.k. – Habsburgermonarchie gehalten werden, deren unergründlich fortschrittliches Wesen der Schriftsteller Robert Musil einzigartig beschrieben hat: „Es war der Staat, der sich selbst irgendwie nur noch mitmachte, man war negativ frei darin, ständig im Gefühl der unzureichenden Gründe der eigenen Existenz und von der großen Phantasie des Nichtgeschehenen oder doch nicht unwiderruflich Geschehenen wie von dem Hauch der Ozeane umspült, denen die Menschheit entstieg.“

  • © Picture-Alliance Kaiser Franz Joseph I. mit seinen Jägern, Treibern und einem erlegten Hirsch am 31. Juli 1912 bei Bad Ischl
  • © epd-bild / Keystone Die kaiserliche Familie auf einer undatierten Aufnahme
  • © epd-bild / Keystone Der österreichische Kaiser Franz Joseph I. und seine Frau Elisabeth (genannt Sisi) wurden am 08.06.1867 in Budapest zum König und zur Königin von Ungarn gekrönt.

Das berühmte Wort Franz Josephs, ihm bleibe auch gar nichts erspart, bezieht sich aber nicht auf die politischen Zeitläufte, sondern auf die privaten Schicksalsschläge. Sein jüngerer Bruder Maximilian, der auf Betreiben Frankreichs als Kaiser von Mexiko ausgerufen worden war, wurde von Revolutionären unter Anführung des Benito Juárez gestürzt und an die Wand gestellt (ein Lokal mit scharfer Kost in der Wiener Innenstadt namens „Max und Benito“ erinnert Eingeweihte an das Geschehen vor bald 150 Jahren).

  • © Picture-Alliance „Mir bleibt doch gar nichts erspart auf dieser Welt!“ Der berühmteste Satz Franz Josephs fiel am 10. Juni 1898, als den Kaiser das Telegramm mit der Nachricht vom Tod seiner Frau erreichte. Kaiserin Elisabeth von Österreich war am selben Tag am Genfer See von einem Anarchisten ermordet worden.
  • © Picture-Alliance Franz Joseph I. Bruder, Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich, war von 1864 bis 1867 Kaiser von Mexiko. Er wurde erschossen.
  • © Picture-Alliance Franz Josephs einziger Sohn und präsumtiver Nachfolger Rudolf starb am 30. Januar 1889 auf Schloss Mayerling. Auch wenn die Todesumstände nie vollständig geklärt wurden ist die gängige Annahme, dass er sich und die mit ihm tot aufgefundene Baroness Mary Vetsera mit einem Jagdgewehr erschoss.
  • © Picture-Alliance Nach dem Attentat auf seinen Neffen und Thronfolger Franz Ferdinand (Foto: seine blutdurchtränkte Uniform) am 28. Juni 1914 in Sarajewo schlitterte Europa unaufhaltsam in den Ersten Weltkrieg.

Sein Sohn und präsumtiver Thronfolger Rudolph erschoss eine Geliebte und sich mit dem Jagdgewehr. Seine schwierige, aber von ihm geliebte Ehefrau Elisabeth wurde von einem Anarchisten ermordet. Und der nächste Thronfolger Franz Ferdinand, wenn auch vom Oheim Franz Joseph weniger innig geliebt, wurde zusammen mit seiner Frau Sophie von serbischen Nationalisten in Sarajewo erschossen. Danach schlafwandelte Europa hinter Österreich und Deutschland her in den Ersten Weltkrieg.

Aber Niederlagen und Schicksalsschläge begründen nicht einen Nimbus, sie geben ihm nur eine bestimmte Note. Zum Nimbus Franz Josephs I. gehören natürlich die schiere Dauer seiner Zeit auf dem Thron – und die Jahrhunderte, in denen sein Haus die höchste weltliche Würde der Christenheit innegehabt hatte. Aber die ungeheure Präsenz und persönliche Verehrung, wie sie auch unser betagter Zeitzeuge noch in Erinnerung hat, muss doch mit Weiterem zusammenhängen. Und daran dürfte die Tatsache ihren Anteil haben, dass trotz der im alten Monarchen sinnbildlichen Stagnation gleichzeitig eine ungeheure Modernisierung in seinem Reich Einzug gehalten hat.

Franz Joseph war zum Beispiel ein, nein, der Medienkaiser. Kein Mensch seiner Zeit soll öfter fotografiert worden sein – mit der Folge besagter Omnipräsenz. Sein Bild hing nicht nur in allen Amtsstuben und in Wohnungen wie jener der Karaisl, sondern die Verbreitung reichte – wie Joseph Roth in womöglich nur wenig übertriebener sarkastischer Zuspitzung geschrieben hat – bis ins Provinzbordell.

  • © Picture-Alliance Kaiser Wilhelm II., König von Preußen, an der Seite von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich
  • © Picture-Alliance Kaiser Wilhelm II, Ferdinand I., Mehmed V., Franz Josef I.
  • © Picture-Alliance Ankunft von Kaiser Franz Joseph I. zu den Kaisermanövern 1898 in Bánffyhunyad bei Klausenburg in Siebenbürgen
  • © Picture-Alliance Besuch im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie am Wiener Stubenring (1910)
  • © Picture-Alliance In Berlin feiert man am 4 August 1914 die Kriegserklärung gegenüber Großbritannien.

Hinzu kam eine unerbittliche, aber auch redliche, pflichtschuldige und durch Schlamperei gemilderte Bürokratie. Auch sie wurde gewissermaßen durch den Kaiser verkörpert. Zur halben Nacht pflegte er sich wecken zu lassen, um bis zum Frühstück Akten abzuarbeiten – buchstäblich bis zu seinem letzten Tag. Sogar seine Liebschaften scheint er auf eine geradezu bürokratische Weise abgewickelt zu haben. „Aufstehen, waschen, ankleiden, herrschen, sterben“, hat die Wiener „Presse“ jetzt einen Essay des Historikers Manfried Rauchensteiner über den alten Kaiser treffend betitelt. Fiebrig und mit einer beginnenden Lungenentzündung, die ihn nicht vom Abwickeln irgendwelcher Regierungsgeschäfte abhielt, legte sich Franz Joseph am Abend des 20. November 1916 nieder – unter Anteilnahme nicht nur des Hofes, der sich schon auf die Übernahme der Geschäfte durch seinen Großneffen Karl ausrichtete, sondern auch der durch die Zeitungen auf dem Laufenden gehalten Wiener Bevölkerung. Tags darauf „hörte sein edles Herz auf zu schlagen“, wie die Hofberichterstatter schrieben.

  • © Picture-Alliance Auf einen lang anhaltenden Krieg hatte Franz Joseph seine Armee nie vorbereitet. Nur mit massiver Hilfe Deutschlands konnte Österreich-Ungarn während des Ersten Weltkriegs vor der sicheren Niederlage bewahrt werden. Die Aufnahme zeigt österreichische Soldaten 1915 an der italienischen Isonzo-Front.
  • © Picture-Alliance Uniformen Kaiser Franz Josephs
  • © Picture-Alliance Begräbnis Kaiser Franz Josephs I.: Der Leichenwagen auf dem Heldenplatz

Karl Karaisl erinnert sich noch heute an die gedrückte und ernste Stimmung, die damals auch bei den Erwachsenen in seiner Prager Umgebung herrschte. Die Stadt hing voll schwarzer Fahnen. Auch wenn Karl gekrönt wurde, mochte sich ein Gefühl des „der Kaiser ist tot, es lebe der Kaiser“ nicht mehr so recht einstellen. Es begriffen wohl viele schon am 21. November 1916, dass etwas Größeres zu Ende gegangen war als ein Menschenleben.

© Picture-Alliance Pflichtbewusst bis zuletzt. Noch am Tag vor seinem Tod kümmerte sich der fiebrige und von einer beginnenden Lungenentzündung zusätzlich geschwächte Franz Josef um Regierungsgeschäfte. Das Foto zeigt ihn auf dem Totenbett.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 21.11.2016 19:11 Uhr