06.07.2007 · Was wird eigentlich aus den Ehen, die an einem Schnapszahldatum geschlossen werden? Seit wann gibt es das Phänomen Schnapszahl überhaupt? Und wie viel mehr Leute heiraten an einem solchen Tag? Ein Standesbeamter erzählt.
Von Peter-Philipp SchmittEin Standesbeamter, sagt der Standesbeamte Dieter Hettich, vergisst seinen Hochzeitstag nicht. „Am 24. Oktober sind es 38 Jahre.“ Ehen hielten ja nur noch selten eine Ewigkeit. „Ich bin da wohl eine Ausnahme.“ Hettich ist 63, in zwei Jahren geht er in den Ruhestand. Seit 1973 hat er gut 5000 Brautleute verheiratet. Genau weiß er es aber nicht, auch nicht, wie viele von ihnen heute noch ein glückliches Paar sind.
Was aus den Eheleuten geworden ist, die am 8. 8. 88 und am 9. 9. 99 auf seinem Standesamt geheiratet haben, das kann er ziemlich genau sagen, denn darauf hat er geachtet: Ein Standesbeamter muss schließlich auch Scheidungen im Stammbuch vermerken. Und so stellt er fest: „Die Hälfte von ihnen ist nicht mehr zusammen.“
Befürchtet er also Schlimmes für die 22 Brautleute, die sich an diesem Samstag, dem Schnapszahltag 7. 7. 07, im Stuttgarter Standesamt das Jawort geben wollen? „Ich mache mir über die Zukunft meiner Paare nicht mehr so viele Gedanken.“ Da der Tag Glück verheißen solle, wünsche er in seiner Ansprache vor allem dieses. Außerdem seien die 22 geradezu vorbildlich gewesen: „Sie hatten alle schon im März um den Termin nachgesucht.“ Keiner hatte versucht, wie noch vor acht und 19 Jahren, in letzter Minute unbedingt einen Hochzeitstermin zu bekommen.
Statistiken gibt es nicht
Statistiken, ob Hochzeiten, die bislang an einem sogenannten Schnapszahldatum geschlossen wurden, besonders oft oder schnell in die Brüche gegangen sind, gibt es nicht. Trotzdem ist sich der stellvertretende Amtsleiter des Standesamts Stuttgart ziemlich sicher, dass die leicht zu merkenden Daten dazu verführten, rascher und unüberlegter in eine Ehe hineinzugehen, was viele Paare im Nachhinein bereut haben dürften. Genau diese Erfahrung hat Hettich schon zweimal gemacht - und im Gespräch mit Kollegen immer bestätigt bekommen.
Dass überhaupt an einem Schnapszahldatum geheiratet wird, ist nach Auskunft Hettichs ein „neues Phänomen“. Der 7. 7. 77 sei noch ein ganz normaler Arbeitstag für ihn gewesen. Erst gut elf Jahre später habe es plötzlich einen größeren Andrang gegeben, der schließlich im 9. 9. 99 gipfelte. Damals war Hettich noch in Stuttgart-Zuffenhausen Standesbeamter. „Der Stadtbezirk hat gut 30.000 Einwohner. Am 9. 9. 99 (einem Donnerstag) hatten wir zehn Eheschließungen, sonst waren es vier bis fünf.“ Allerdings auch nur an einem Freitag oder Samstag, an Wochentagen wird selten geheiratet. Da trifft es sich gut, dass der 7. 7. 07 auf einen Samstag fällt: Das sei für die 22 Brautpaare gewiss ein weiterer Anreiz gewesen, an diesem Tag zu heiraten, glaubt der Standesbeamte. An „normalen“ Samstagen zählt Hettich im Standesamt in Stuttgart - mit fast 600.000 Einwohnern die größte Stadt Baden-Württembergs - übers Jahr gerechnet im Schnitt zehn bis elf Hochzeiten.
Dann gibt es noch die Steuersparer
Die meisten Eheschließungen gibt es nach Auskunft Hettischs zwischen Mai und Oktober - und am Ende des Jahres steigt die Zahl auch noch einmal. „Wir nennen sie die Steuersparer‘“, sagt Hettich. Wer früher bis Mitte August aufs Standesamt ging, galt fürs ganze Jahr steuerrechtlich verheiratet. Darum gab es auch im August zeitweilig mehr Eheschließungen als im „Hochzeitsmonat“ Mai. Nun reicht es, sich am 31. Dezember zu vermählen, um rückwirkend ganzjährig steuerrechtlich begünstigt zu werden.
Beim Hochzeitsdatum geht es aber nicht nur ums Geld, wie ein Fall vom 8. 8. 88 beweist. Damals habe ein Mann bei ihm seine Hochzeit angemeldet, erzählt Hettich, ohne überhaupt eine Braut zu haben. „Er wollte unbedingt an dem Schnapszahldatum heiraten.“ Am Hochzeitstag erschien er auch mit einer Frau auf dem Standesamt. Die Ehe wurde nach nur zweieinhalb Jahren schon wieder geschieden.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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