http://www.faz.net/-ijb-8zg9r

Demonstranten bereit für G 20 : „Sie werden uns nicht alle festnehmen können“

  • -Aktualisiert am

Bereit zum Protest: G-20-Gegner bei ihrer Ankunft am Donnerstagmorgen in Hamburg Bild: Reuters

Die Polizei ist auf den G-20-Gipfel vorbereitet. Aber auch die Gipfelgegner arbeiten seit Monaten auf ihre Proteste hin. Sie wollen sich nicht einschüchtern lassen.

          Seit eineinhalb Jahren bereitet sich die Polizei auf ihren Einsatz rund um den G-20-Gipfel vor. Wenn die Augen der internationalen Presse, der Mächtigen und ihrer jeweiligen Entourage auf Hamburg gerichtet sind, soll alles reibungslos ablaufen. Jetzt sei man so gut vorbereitet wie noch nie, hieß es von der Polizei im Juni – mit allem, was die Polizei an Technik und Ausrüstung zu bieten habe: Dienstpferde, Hunde, Hubschrauber, Absperrgitter, Gefangenensammelstelle und mehr als 15.000 Beamte. Für die linken Aktivisten, die zu Massenprotesten in Hamburg auflaufen wollen und teilweise schon dort angekommen sind, heißt das vor allem eins: Die Gefahr, verhaftet zu werden, ob gerechtfertigt oder nicht, ist da. Und sie wird stündlich größer.

          Doch die Gipfelgegner wissen darum. Seit Monaten bauen linke Gruppen in ganz Deutschland Strukturen aus, die ihren Mitgliedern im Falle einer Verhaftung beim G-20-Protest Schutz bieten sollen. In der Nacht zum Montag ist es bei der Räumung eines Lagers in Entenwerder schließlich schon zu einer ersten Verhaftung gekommen. „Was tun wenn’s brennt?!“, steht auch auf einer Informationsbroschüre der Roten Hilfe, einer linken Schutz- und Solidaritätsorganisation, die in weiten Teilen Deutschlands durch ihre Ortsgruppen vernetzt ist.

          Nachttanzdemo : „Lieber Tanz ich als G20“

          Die Broschüre bereitet seit Jahren Aktivisten gezielt auf Demonstrationen vor. 100.000 Exemplare wurden bisher gedruckt. Ständig kommen aktualisierte Auflagen heraus, die jüngste ist gerade rechtzeitig zum G-20-Gipfel fertig geworden und liegt in Hamburg nun an den Info-Ständen aus. Der Druckauftrag: 20.000 Exemplare, eigens für den Gipfel.

          In der Broschüre finden sich Anweisungen wie die oberste Grundregel des „Demo-Einmaleins“: Im Falle einer Verhaftung soll der oder die Betroffene Ruhe bewahren. Darüber hinaus klärt das Schreiben ausführlich über Rechte (zum Beispiel auf zwei Anrufe) und Pflichten (wie die Angabe der Personalien) im Falle einer Verhaftung auf, empfiehlt ausdrücklich die Aussageverweigerung und lehrt taktische Verhaltensweisen im Verhör.

          Auch über Widerstand gegen die Staatsgewalt oder die Verweigerung der persönlichen Angaben und die daraus resultierenden Konsequenzen wird aufgeklärt. Natürlich könne man persönliche Angaben verweigern, heißt es in der Broschüre, „nur lieferst Du ihnen damit einen billigen Vorwand, Dich zu fotografieren, Dir Fingerabdrücke abzunehmen und Dich bis zu 12 Stunden festzuhalten – was sie aber, wenn sie wollen, ohnehin machen können“.

          G-20-Gipfel : Arbeiten in der Sicherheitszone

          „Die Rote Hilfe empfiehlt nicht generell, die Personalien zu verweigern, aber diskutiert, ob und wann das sinnvoll ist“, sagt Markus. Er ist für die Rote Hilfe in Mainz aktiv, an diesem Tag hat sich um ihn eine Gruppe von rund 15 Leuten zum „Aktionstraining für Fortgeschrittene“ gesammelt. Der Schwerpunkt, natürlich, ist G 20. Sie wollen über ihre persönlichen Grenzen bei den Demonstrationen in den kommenden Tagen sprechen, Organisatorisches klären und sich über das informieren, was in den Broschüren der Roten Hilfe zusammengefasst ist.

          Die Szene ist vorsichtig

          Markus will seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen, nicht im Zusammenhang mit seiner Arbeit für die Rote Hilfe. Auch der Betreiber des Hauses, in dem an diesem Tag das „Aktionstraining“ stattfindet, möchte nicht genannt werden. Es herrscht große Vorsicht in der Szene – unter den Broschüren finden sich auch Flyer über Hausdurchsuchungen, Pfefferspray und „Anquatschversuche“ des Verfassungsschutzes, dessen Ziel es sei, „die linke Szene zu durchleuchten und letzten Endes zu zerschlagen“.

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          Markus spricht von einem „großen Verfolgungsdruck“, unter dem man sich die Versammlungsfreiheit nehmen müsse. Die Proteste in Hamburg seien eine „bedrohlichen Situation“, daher wolle man mit gebührender Ernsthaftigkeit die Zeit zur Vorbereitung nehmen. Schließlich soll von Hamburg „ein Signal des Protests und der Vielfältigkeit von anderen Lösungen“ ausgehen. Sechs Monate läuft die Vorbereitung in Mainz bereits. Die Hamburger hätten bereits vor einem Jahr mit der Mobilisierung begonnen, sagt Markus.

          Weitere Themen

          Katalanischer Protest gegen Verhaftung Video-Seite öffnen

          Unabhängigkeitsbewegung : Katalanischer Protest gegen Verhaftung

          Rund 200.000 Katalanen sind in Barcelona nach Angaben der Polizei auf die Straßen gegangen. Sie forderten die Freilassung zweier verhafteter Anführer der Unabhängigkeitsbewegung. Ihnen wird die Organisation separatistischer Proteste vorgeworfen.

          Proteste in Katalonien Video-Seite öffnen

          Geplantes Referendum : Proteste in Katalonien

          In der spanischen Stadt Terrassa haben am Dienstag Demonstranten gegen die Durchsuchung eines privaten Postunternehmens protestiert. Dabei kam es in dem katalanischen Ort zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Zuvor hatten Beamte in den Büros der Firma Unipost nach Wahlunterlagen, Stimmzetteln und Wahlurnen für das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien gesucht.

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.