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Protestforscher im Gespräch : Was will der Schwarze Block?

  • -Aktualisiert am

Tränengaseinsatz gegen die eingekesselten Demonstranten des Schwarzen Blocks auf der „Welcome To Hell“-Demonstration am Donnerstag Bild: Henning Bode

Verletzte Polizisten, eingeschlagene Scheiben, brennende Autos und mittendrin der Schwarze Block. Was die vermummten Aktivisten wollen und wie sie dabei vorgehen, erklärt Protestforscher Simon Teune.

          In Hamburg ist der Protest gegen den G-20-Gipfel eskaliert, selbst erfahrene Polizisten zeigten sich am Freitag erschüttert von der Gewaltbereitschaft einiger Demonstranten. Immer wieder fällt dabei das Stichwort „Schwarzer Block“. Was die linksradikalen Aktivisten wollen, erklärt Protestforscher Simon Teune im FAZ.NET-Interview:

          Herr Teune, wer verbirgt sich hinter dem Schwarzen Block?

          Der Schwarze Block ist keine geschlossene Gruppe, sondern eine Aktionsform, eine Taktik für Demonstrationen. Die Taktik ist entstanden aus Erfahrungen der Konfrontation mit der Polizei. Durch einheitliche Kleidung, Sonnenbrillen und Kapuzen und durch Front- und Seitentransparente will man kompakt auftreten, nicht identifizierbar sein und Eingriffe der Polizei verhindern.

          Wie ist der Schwarze Block entstanden?

          Diese nicht hierarchisch organisierte Form des Protests – Kleingruppen entscheiden selbst, wie sie handeln – ist in den Achtzigerjahren in der autonomen Szene entstanden, im Kontext von Hausbesetzungen und der Auseinandersetzung um Atomkraft. Sie wird mittlerweile aber auch von rechten Demonstranten übernommen.

          Dr. Simon Teune arbeitet am Institut für Protest- und Bewegungsforschung und forscht zu sozialen Protesten.
          Dr. Simon Teune arbeitet am Institut für Protest- und Bewegungsforschung und forscht zu sozialen Protesten. : Bild: TU Berlin

          Wer macht dabei mit?

          Das kann von Demonstration zu Demonstration ganz unterschiedlich sein, mal ist der Block größer und geschlossener, mal lockerer formiert – da kann es sein, dass man auch mal eine Juso-Fahne sieht. In Kleingruppen legen die Teilnehmer die Strategie fest, mit der sie an die jeweilige Demonstrationssituation herangehen. Es gibt da niemanden, der für alle Entscheidungen trifft. Allerdings konnte man gestern Abend in Hamburg sehen, dass die Anmelder von Demonstrationen zum Teil auch auf den Schwarzen Block einwirken können. Viele Kleingruppen haben sich nach Gesprächen mit der Demonstrationsleitung dazu entschieden, die von der Polizei monierte Vermummung abzulegen.

          Warum ist es attraktiv, Teil des Schwarzen Blocks zu sein?

          Es ist eine bewusste politische Entscheidung, sich an dieser Aktionsform zu beteiligen. Bei Demonstrationen wird die Taktik des Schwarzen Blocks als Möglichkeit gesehen, symbolisch einen grundsätzlichen Widerspruch zu signalisieren und taktisch Vorteile gegenüber der Polizei zu bekommen. Ein Aktivist kann sich so auch klar von anderen Formen des Protests abgrenzen, zum Beispiel von der Demonstration am vergangenen Samstag, bei der die G20 gebeten wurden, ihre Politik zu ändern. Protestierende im Schwarzen Block wollen klarmachen: Es gibt eine Konfrontation mit dem Staat, weil der Staat für Unrecht steht und dieses aufrechterhält – von globalen Handelsbeziehungen bis zur Flüchtlingspolitik.

          Wie groß ist jeweils der Anteil von Krawalltouristen und politischen Aktivisten?

          Auf einer Demonstration wie der gestern sind Leute, die aus politischer Überzeugung teilnehmen und einige von ihnen wenden dabei die Taktik des Schwarzen Blocks an. Ich denke kaum, dass dort viele waren, die ohne politische Motivation das Abenteuer suchen wie jahrelang beim 1. Mai in Berlin.

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          G-20-Gipfel Hamburg : Alle Demos in der grafischen Übersicht Bild: F.A.Z.

          Stehen alle radikalen Linken unter den Anti-G-20-Demonstranten hinter dem Schwarzen Block?

          Es gibt eine Strömung innerhalb der radikalen Linken, die sich von der rituellen Konfrontation mit der Polizei absetzt. Dieser Teil der Szene will mit Blockaden eine Botschaft der radikalen Ablehnung des G20 senden und hat sich dabei auf den Konsens festgelegt: Von uns geht keine Eskalation aus, unser Gegner ist nicht die Polizei. Die Diskussion, was vertretbar und vermittelbar ist, hält an.

          Schadet die Gewalt den Zielen der G-20-Gegner?

          Die Situation ist paradox: Auf der einen Seite besteht die Gefahr, dass in der öffentlichen Meinung alle Proteste gegen den Gipfel verurteilt werden, weil brennende Autos alles überschatten und nicht mehr zwischen den verschiedenen Protestgruppen unterschieden wird. Zum anderen liegt allein durch die Gefahr der Eskalation eine so große Aufmerksamkeit auf den Protesten, dass über die Medien auch viele Anliegen der Gipfelgegner eine Öffentlichkeit bekommen und nicht nur über die Ausschreitungen berichtet wird.

          Schwarzer Block in Hamburg : Busfahrgäste in Angst

          Wie blicken Sie auf die eskalierte Demonstration am Donnerstagabend?

          Ich bin nicht wirklich überrascht, aber trotzdem schockiert vom Vorgehen der Polizei. Es ist klar, dass unter den Demonstranten auch Leute sind, für die Sachbeschädigungen oder Angriffe auf die Polizei zum Kalkül gehören. Aber das ist, wenn man das ganze Demonstrationsgeschehen betrachtet, eine Zahl im einstelligen Prozentbereich. Da stellt sich schon die Frage, was man damit erreicht, wenn man eine Demonstration ohne Not zerschlägt und alle Versammelten daran hindert, ihre Meinung auszudrücken. Das führt letztlich dazu, dass sich die Haltung aller Demonstranten verhärtet und dass dann vielleicht auch Leute die Polizei attackieren, die das unter anderen Umständen nicht gemacht hätten, weil sie Polizisten bisher nicht als ihre Feinde gesehen haben.

          Hamburg hat eine starke linke Szene – welche Rolle spielt das für die Proteste?

          Es gibt dort eine lange Geschichte der Konfrontationen zwischen Polizei und Demonstrierenden. Das hat man am Donnerstagabend gesehen. Für viele Leute aus dem Hamburger Raum ist deshalb klar: Es geht bei den Protesten auch um ein Kräftemessen mit der Polizei. Aus dieser Dynamik kommt man schwer wieder heraus. Mit jedem Einsatz, der mit der sogenannten Hamburger Linie gefahren wird, wird das Feindbild Polizei neu belebt.

          Welche Folgen hat das für den G-20-Gipfel?

          Durch die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen ist der Druck auf die Einsatzkräfte noch größer. Dazu kommt, dass es unter den Demonstranten eine viel größere internationale Beteiligung gibt. Diese Aktivisten bringen teilweise eine ganz anderer Protestkultur mit, etwa aus Griechenland oder Frankreich, wo Konfrontationen mit der Polizei ganz anders ablaufen. Und sie fühlen sich auch nicht unbedingt an Absprachen gebunden, die im Vorhinein gemacht wurden.

          Was erwarten Sie von den weiteren Demonstrationen, die für die Gipfeltage geplant sind?

          Ich erhoffe mir, dass es ein politisches Signal gibt, dass Protest erwünscht ist und dass er stattfinden kann; dass klargestellt wird, dass dieser Polizeieinsatz nicht vereinbar ist mit der Ankündigung, das Versammlungsrecht würde während des G-20-Gipfels nach wie vor gelten. Es wäre gut, wenn die Demonstrationen, besonders die große am Samstag, ungehindert laufen könnte, aber ich gehe von beidem nicht aus.

          Dr. Simon Teune ist Soziologe an der Technischen Universität Berlin und forscht zu sozialen Bewegungen und Protesten. Er ist außerdem Vorstandsmitglied des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

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          Quelle: FAZ.NET

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