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Friedliche Demo in Hamburg : „So überwinden wir den Kapitalismus nicht“

Bild: F.A.Z., Daniel Blum

Viel Bier, viel Musik, keine Ausschreitungen und mehr Teilnehmer als erwartet – auch das ist politischer Protest, fanden fast alle bei „Lieber tanz ich als G 20“. Am Ende gab es eine eindeutige Botschaft an einen prominenten Hamburg-Gast.

          Am Mittwochnachmittag sitzt der Rapper Samy Deluxe vor seinem Barbecue-Lokal im Hamburger Karolinenviertel und raucht einen Joint. In ein paar Stunden wird er für eine große Überraschung sorgen, jetzt verbarrikadiert hinter ihm ein Kollege erst mal die Fenster seines Lokals. Ob es noch etwas zu essen gibt? „Nein.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Auch viele Nachbarläden schließen gerade, Bretter sind aus Angst vor Steinewerfern vor Fenster geschraubt. Hundert Meter weiter hat die Polizei eine Straßensperre errichtet, direkt vor dem Messezentrum, in dem sich von Freitag an die Vertreter der 19 wirtschaftsstärksten Länder der Welt und der EU zum G-20-Gipfel treffen werden.

          Hamburg ist deswegen seit Wochen in Aufruhr, am Mittwochmittag stehen die Wasserwerfer direkt neben dem Karoviertel bereit, Helikopter kreisen über der Stadt, die Polizisten sind aber noch entspannt: Einer tippt auf seinem Handy herum, während er auf seinem Pferd an einer roten Ampel wartet. „Auf dem Pferd ist das also okay?“, ruft ein Fußgänger. Der Polizist grinst und blickt wieder aufs Handy.

          Am Abend vorher hatte die Polizei Wasserwerfer gegen Demonstranten in St. Pauli eingesetzt, zu größeren Auseinandersetzungen war es aber nicht gekommen. Die Aktivisten hatten sich zum „Cornern“ verabredet,  zusammen Bier getrunken, am Mittwoch wollte das Bündnis „NoG20“ zum ersten Mal wirklich demonstrieren. Das Motto: „Lieber tanz ich als G 20“ – und tatsächlich sind schon gegen 18 Uhr tausende Demonstranten an den Landungsbrücken. Der Rave ist eine ungewöhnliche Form des Protests: Über das Elbufer schallen keine Parolen, sondern Technomusik, Rauch steigt nicht aus Feuerwerkskörpern auf, sondern aus Nebelmaschinen.

          Friedliche Form des Protests

          Die meisten haben Bierflaschen in der Hand, sie sind gesprächsbereit, auch wenn sie Journalisten meistens nur ihren Vornamen nennen wollen. Nina zum Beispiel, sie ist zwar schon etwas älter, trotzdem kann sie mit dieser Art des Demonstrierens viel anfangen. „Das ist eine ganz friedliche Form des Protests, ich freue mich darüber, dass so viele unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Generationen sich hier zum Tanzen zusammenfinden.“ Nur eine Sache stört sie: „Die Bässe sind mir ein bisschen heftig.“

          Selbsterklärte „Oma und Opa“ am Rande des Protestzugs.
          Selbsterklärte „Oma und Opa“ am Rande des Protestzugs. : Bild: Johannes Krenzer

          Wenig später wird es an den Landungsbrücken aber schon wieder ruhiger, der Zug setzt sich in Bewegung, zurück bleiben leere Glasflaschen und Pfandsammler – das Bier am Kiosk ist ausverkauft. Die marschierenden Demonstranten tanzen nicht alle. Manche haben auch Plakate in der Hand. Leo zum Beispiel: „Kommt morgen zum Aktionstraining“, steht darauf. Worum es da geht? „Wie man sich gegenüber der Polizei verhält“, sagt er. „Die Polizei ist gut organisiert, die Demonstranten oft nicht – das wollen wir ändern.“ Um dann den Konflikt mit der Polizei zu suchen? „Nein, wir üben nicht, Steine zu schmeißen.“

          Was er von dem friedlichen Motto „Lieber tanz ich als G 20“ hält? „Es ist auf jeden Fall ein ermächtigendes Gefühl, dass wir so viele Leute sind. In den Camps war in den vergangenen Tagen eher wenig los. Und es ist schön, zusammen zu feiern. Aber klar ist auch: Das kann nicht alles sein. So überwinden wir den Kapitalismus nicht.“ Ob er am Donnerstag auf die „Welcome to hell“-Demo der Autonomen gehen wird, bei der schwere Ausschreitungen erwartet werden? „Ich bin mir noch nicht sicher“, sagt er.

          Das hat er gemeinsam mit Ben. Der arbeitet eigentlich in einer Fabrik im Sauerland, ganz alleine ist er nach Hamburg in ein Hostel gekommen, um gegen den Gipfel zu protestieren. „Der Rest hatte keine Zeit, kein Geld oder kein Interesse“, sagt er. Der Demonstrationszug ist mittlerweile auf der Reeperbahn angekommen, immer noch ist alles friedlich, nur die Menschen werden immer mehr. Die Polizei spricht am Ende von 11.000 Teilnehmern, die Veranstalter von 20.000. An einem Fenster hat ein Anwohner eine Anlage aufgebaut, „Sound of da Police“ schallt über die Partymeile, die Szene ist eine Hommage an den Film „Hass“, in dem einer der Protagonisten mit der Anti-Polizei-Hymne die Straßen der Banlieue beschallt.

          Wenig später zieht die Demo in Sichtweite des Messegeländes entlang, dazwischen liegt nur das Millerntor-Stadion des FC St. Pauli. Ein Demonstrant entleert eine Tüte Mehl über zwei Polizisten, die bleiben ganz entspannt – dafür ärgert sich ein Taxifahrer, der in den Menschenmassen feststeckt. „Die Leute hier demonstrieren doch nicht, die wollen sich nur amüsieren. 90 Prozent haben eine Bierflasche in der Hand“, sagt Ismail Özcan. „Und aus den Lautsprechern kommt nur Musik. Ich würde ja auch demonstrieren – aber ohne Bier. Wer einen Grund zum Saufen sucht, findet immer einen.“

          „Man kann trotzdem ein ernstes Anliegen haben“

          Zwei Hamburger Studenten, die mitdemonstrieren, sehen das ganz anders: „Nur weil man Spaß hat und Bier trinkt, kann man doch trotzdem ein ernstes Anliegen haben“, sagt Michael. „Ich finde eher: Sobald Steine fliegen, geht es nicht mehr um Protest, sondern um den Krawall an sich.“

          Als die Sonne dann langsam untergeht, ist der Demonstrationszug gerade an der Roten Flora angekommen, dem Treffpunkt der Autonomen in Hamburg. Auf dem Dach werden Feuerwerkskörper abgebrannt, die Menge jubelt – und zieht feiernd weiter. Erst am Gänsemarkt wird die Lage kurz unübersichtlich. Die Musik geht plötzlich aus, von einem Demo-Wagen rufen Demonstranten: „Die Veranstaltung wird aufgelöst, passt auf Euch auf.“ Tatsächlich hat die Polizei Wasserwerfer vorgefahren, das Ende der Demonstration war aber mit den Veranstaltern so abgesprochen. Ein paar Demonstranten setzen sich trotzdem auf die Straße, beschimpfen die Polizisten, die sich wenig später aber zurückziehen. „Ich bin völlig irritiert“, sagt einer der Demonstranten in der ersten Reihe. „Das ist das defensivste Verhalten, das ich von der Polizei in acht Jahren erlebt habe. Normalerweise kesseln sie uns von Anfang ein, stoppen irgendwann den Zug – und knüppeln dann los. Heute waren sie kaum zu sehen.“

          Die Veranstaltung dauerte bis in den späten Abend.
          Die Veranstaltung dauerte bis in den späten Abend. : Bild: Johannes Krenzer

          Es sind dann auch nur ein paar Besoffene, die den Polizisten folgen und sie erfolglos zu provozieren versuchen. Für die Demonstranten gibt es am Ende des Abends noch eine Überraschung: Auf einen der Demo-Wagen klettern plötzlich die Rap-Crew „Beginner“ – und Samy Deluxe. Unter dem Jubel der Demonstranten macht der Rapper dann das, was er am besten kann: Freestylen: „Ich will kein Stress, ich bin Pazifist, ich will nur, dass sich Donald Trump schnell aus unsrer Stadt verpisst.“

          Quelle: FAZ.NET

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