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Veröffentlicht: 07.07.2017, 09:54 Uhr

Protest gegen G-20-Gipfel Gipfelgegner stürzen Hamburg ins Chaos

Brennende Autos, Angriffe mit Eisenstangen, eingeschlagene Schaufenster: In Hamburg eskalieren die Proteste gegen den G-20-Gipfel, es gibt zahlreiche Verletzte. Selbst erfahrene Polizisten haben so eine Gewaltbereitschaft selten erlebt.

© Henning Bode Polizei und Demonstranten stehen sich am Freitagmorgen in Hamburg gegenüber

So eine Nacht hat Hamburg noch nie erlebt. Brennende Autos, eingeschlagene Schaufensterscheiben, Angriffe mit Flaschen und Eisenstangen auf Polizisten: Die Proteste von Linksradikalen gegen den G-20-Gipfel sind in einer Weise eskaliert, dass selbst erfahrene Beamte schockiert sind. Von dem Ausmaß der Gewaltbereitschaft. Von der Geschwindigkeit, mit der die Lage außer Kontrolle geraten ist. „Das habe ich so in meiner beruflichen Karriere noch nicht erlebt“, sagte der Hamburger Polizeisprecher Timo Zill am Donnerstagabend. Als Zill unweit des G-20-Aufmarschs ein Interview gab, war kurz zuvor auch er beworfen und angegriffen worden. „Welcome to Hell“, willkommen in der Hölle, hatten die Demonstranten ihre Veranstaltung genannt. Nach dieser Gewaltnacht muss man wohl sagen: Diese Prophezeiung hat sich leider erfüllt.

Dabei hatte der Protest gegen den Gipfel am Donnerstag noch friedlich begonnen. 12.000 Demonstranten zogen durch die Hamburger Innenstadt, um gegen das Treffen der mächtigsten Staats- und Regierungschefs zu protestieren, Plakate wurden hochgehalten, es gab Musikkonzerte. Doch schon bald mischten sich nach Polizeiangaben etwa 1000 Vermummte unter die Demonstranten. Die Beamten stoppten den Zug kurz nach dem Start und setzten Pfefferspray sowie Wasserwerfer ein. Aus den Reihen der Demonstranten flogen Flaschen, Feuerwerk wurde gezündet. Die Menge wurde auseinandergetrieben. An vielen Orten in der Innenstadt gab es anschließend Scharmützel, kleinere Barrikaden wurden errichtet und angezündet. Der Anmelder erklärten die Versammlung nach 20 Uhr für beendet.

© Johannes Krenzer, F.A.Z., Reuters G-20-Krawalle: Hamburg versinkt im Chaos

In der Nacht eskalierte die Situation an vielen Stellen in der Hamburger Innenstadt. In einigen Straßen brannten Barrikaden, Schaufenster wurden eingeschlagen. Im Hamburger Schanzenviertel waren am frühen Morgen noch überall Spuren der Verwüstung zu sehen. Bankautomaten wurden demoliert, ganze Straßenzüge mit waren mit Glasscherben und herausgerissenen Pflastersteinen bedeckt. Auch in anderen Stadtteilen gab es Zerstörungen. Die Stadtreinigung begann mit den Aufräumarbeiten. Der Polizei zufolge beruhigte sich die Lage aber ab Mitternacht, am frühen Morgen blieb es weitgehend ruhig. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagte ein Feuerwehrsprecher.

Am Morgen danach spricht die Polizei von mindestens 76 verletzten Beamten, einer der Initiatioren der „Welcome to Hell"-Demonstration im Gegenzug von „zahlreichen“ Verletzten auf Seiten der Demonstranten. Wie viele Demonstranten festgenommen oder in Gewahrsam genommen wurden, blieb zunächst unklar. Die Polizei wollte sich dazu am Freitagmorgen äußern. Andreas Blechschmidt von den Anmeldern von „Welcome to Hell“ sagte unter Berufung auf Aussagen von Anwälten der Demonstranten, es habe bis zum späten Abend zwischen 10 und 20 Festnahmen gegeben.

Attac: „Eskalation mit Ansage“

Die Veranstalter werfen der Polizei ein unverhältnismäßiges Vorgehen vor. Auch das globalisierungskritische Netzwerk Attac verurteilte die Polizei-Strategie und warf der Polizei eine „Eskalation mit Ansage“ vor. Doch diese Kritik weist die Hamburger Polizei zurück. Polizeisprecher Timo Zill sprach am Freitagmorgen im Deutschlandfunk von einer drohenden „unbeherrschbaren Sicherheitssituation“. Bei der der Demonstration hätten sich zwei schwarze Blöcke gebildet, in denen sich Personen dann vermummt hätten. Zill sprach von 3500 Extremisten vor Ort, die zuvor schwerste Gewalttaten angekündigt hätten. Wenn diese Menschen sich plötzlich vermummen, sei das sozusagen die Vorbereitung von Straftaten. „Dann kann doch nicht von der Polizei erwartet werden, dass man mit diesen Menschen in bewohntes Gebiet geht. Das wäre unverantwortlich“, sagte er. Zill bezeichnete das Vorgehen als „alternativlos“.

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