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Veröffentlicht: 09.07.2017, 10:54 Uhr

G-20-Proteste in Hamburg „Ich will, dass es vorbei ist“

Drei Tage, drei Nächte in Hamburg: Die Polizisten sind freundlich, die G-20-Gegner sanft. Dann läuft alles aus dem Ruder. Ein Annäherungsversuch.

von Anna Prizkau
© Getty Das Schanzenviertel am Freitagabend

Das ist kein Körper mehr, kein Mensch, ich fühle nichts. Wie einen Ball schmeißen sie mich nach links, nach rechts. Es sind vermummte Polizisten, Riesen in breiten Uniformen, mit dicken Helmen. An diesem Abend sind sie auch keine Menschen mehr. Sie sind Maschinen.

Am Tag davor war alles anders, alles zahm. Es gab Gewalt, doch nur Gewalt an Ohren. Das war im Zug nach Hamburg. Im Wagen saßen lauter Journalisten, zu laute Journalisten. Ihr Thema: „GeSa“, die neue Gefangenensammelstelle. Sie wollten unbedingt zu den Containern, die Hamburg hergerichtet hat für den Protest, um die Gewalttäter zu sammeln. Ein breiter Mann brüllte zu den zwei Sitzen gegenüber: „Da geht es ganz gut her. Das werden gute Bilder.“ Die Sitze gegenüber, ein Mann und eine Frau, sagten darauf im schiefen Chor: „Ja, aber da ist viel umzäunt.“

Alles nicht neu, nicht falsch

„Wir schaffen das“, brüllte der Brüllende zurück. Die drei lauten Menschen wollten Gewalt, um ihre Kameras zu füttern. Das, was sie sagten, machte klar: Hamburgs Protest wird zu einem Ritual. Abläufe und Akteure stehen fest. Die Polizei, die Politik, die Demonstranten, die Reporter, der sogenannte Schwarze Block – sie alle haben ihre festen Rollen, befolgen feste Riten. Im Zug traten als Erste die Reporter auf. Das, was sie suchten, bekamen sie am Donnerstag, auf dem „Welcome to hell“-Marsch, der Menschen zu Maschinen machte.

Doch noch ist Mittwoch, noch ist Hamburg zahm. Die großen Zwanzig sind noch nicht in der Stadt. In Altona: ein Women’s March. Es reden Frauen, reden Männer, sie sagen Feministensachen auf. Alles nicht neu, nicht falsch. Sie sprechen von Gewalt, Gehältern und werfen das Wort „Gendergap“ umher, so oft, so unpräzise, dass es nichts trifft und langweilt. Deshalb Smalltalk mit Sarah. Sie, 19, Auszubildende, trägt einen rosafarbenen Choker, ein enges Band um ihren Hals. Mit manikürten Fingern hält sie ein Poster fest. „Fuck Kapitalismus“, steht darauf.

Die eine Seite macht es sich einfach, die andere auch

Warum sie dieses Poster hält?

„Die neoliberale Ordnung ...“, sagt Sarah, stoppt. Nach einer Kunstpause sagt sie: „Dieses System zwingt Frauen, sich genderkonform zu benehmen. Wir optimieren uns andauernd, im Job, im Aussehen. Nur so haben wir die Chance, im Patriarchat zu überleben. Und deshalb Fuck Kapitalismus!“ Das, was sie sagt, klingt nach bekannten Feminismus-Büchern der Britin Laurie Penny. Deshalb Nachfragen zu Deutschland, zum Kapitalismus. Hat der nicht dazu beigetragen, dass Traditionen zerstört, beschädigt wurden? Und wünscht sich Sarah für Deutschland etwa Sozialismus? „Ja!“, schießt sie aus ihren Lippen und danach Slogans gegen das „amoralische, verdorbene“ System. Sie macht aus der komplexen Welt mit ihren Worten eine einfache. Es gibt das Böse, „das System“, das muss man stürzen, und dann wird alles gut. So machen es sehr viele Demonstranten.

Es ist realitätsfern, ja. Aber auch die, die auf der anderen Seite stehen, machen es sich einfach. Der Bürgermeister Olaf Scholz zum Beispiel. Auch seine Worte: Ritus, nicht mal verwandt mit der Realität. „Die Bundeskanzlerin hat mich gefragt, ob der Gipfel in Hamburg stattfinden kann – und ich habe Ja gesagt“, sagte er, Tage vor dem Treffen, und auch, dass man sich keine Sorgen machen sollte, dass Hamburg sicher bleiben würde.

Ein internes Erkennungszeichen

Wenn man sich Sarah ansieht, den Marsch, der jetzt in einen anderen läuft, den Tanz gegen G 20, sieht man noch nicht, wie Olaf Scholz sich irrte. Denn dort nur harte Bässe, Techno, der durch die Körper schlägt, und Seifenblasen. Ein Mann im grau verwaschenen Pullover schenkt mir ein Tuch, auf dem steht „Tötet Putin“ groß, und kleiner, dass man es nicht ernst nehmen sollte.

Etwas ernst nehmen, ernst reden – geht nicht im Techno, in den Seifenblasen. Deshalb Flucht auf die Treppe, dort sitzt ein Mann in Schwarz, der seine Schuhsohlen bemalt, schwarz anmalt.

Wozu denn das?

„Für Sicherheit“, sagt er, erkennt dann Fragen in meinen Augen. „Damit man uns nicht identifizieren kann“, er spricht wie ein Computer, ohne Regung, „die schwarze Sohle ist internes Erkennungszeichen.“

„Ich versteh’ schon, warum die Leute wütend sind“

Geht’s um den Schwarzen Block? Passiert noch was? Wie sind die Pläne?, sage ich, zu hungrig. Es ist dieser Reporterritus.

Der Schuhanmaler faucht: „Ich kenne dich nicht, solche Informationen gebe ich nur Leuten, die ich kenne. Wer bist du überhaupt?“ Er folgt, anders als die Tanzenden, als Sarah, als die Reporter, anderen Regeln. Der Schwarze Block ist eine Welt, zu der Misstrauen so gehört wie schwarze Kleidung. Mit Journalisten redet man da selten. Tschüss.

© EPA, F.A.Z., Reuters Was der letzte G-20-Gipfeltag in Hamburg brachte

Auf Straßen thronen Wasserwerfer. Sie sehen aus wie Apparate aus der fernen Zukunft. Vor den Maschinen stehen schöne Männer, junge Männer, Polizisten. Mit einer falschen Feuerfrage, dem Deuten auf die Zigarette, ziehe ich zwei Männer ins Gespräch. Entspanntes Reden, Rauchen.

Ist es nicht heiß unter der dicken Uniform?

„Ja, doch morgen wird es schlimmer, weil’s Wetter besser wird“, sagt einer der Dunkelblaugekleideten.

Schon harte Tage, oder?

Es antwortet der andere, der wie ein Teenager aussieht: „Ich will nur, dass es Sonntag ist, dass es vorbei ist.“

„Es kommen so viele Arschlöcher nach Hamburg, um in der Elbphilharmonie zu sitzen und teuren Wein zu trinken. Ich versteh’ schon, warum die Leute wütend sind“, sagt der, der etwas älter aussieht.

Kirche ist wie Protest, Protest wie Kirche

Der Satz ist eine Überraschung, denn dieser Schöne meint Erdogan und Trump und Putin und die anderen. Ein Polizist, der den Protest versteht, ist Sicherheit, Erleichterung.

Wie weit weg von der Realität dieser Gedanke ist, das weiß ich nicht, noch nicht. Vielleicht vergisst in dem Protest in Hamburg jeder die Wirklichkeit für eine Weile. Vielleicht, weil jeder seine Rolle hat – seinen Platz.

Auch Gott. Sagt ein Pastor. Die Christianskirche. Dort fünfzig Menschen, die zum „politischen“ Gebet gekommen sind. Es klingt, sieht aus wie ein Theaterstück. Der Pastor predigt, und eine Frau spricht in die Predigt Zitate aus Zeitungen hinein: Es geht um China, um Hühnerfleischexporte. Alles sehr wirr. Klar ist nur der Gesang. „Imagine“ von John Lennon. Und dann Wolf Biermann, klar!

Appelle an Gefühle, das Wort Moral statt Analyse: Die Kirche ist wie der Protest. Doch vielleicht ist es andersrum, und der Protest ist christlich wie die Kirche. Denn auch der Weg zur Hölle, der Marsch des Donnerstags, beginnt mit Reden von Barmherzigkeit, von Gleichheit, von Moral. Während in einem Hinterhof sich Menschen – vielleicht dreißig – umziehen und schwarz anziehen, hat sich der Himmel schon verkleidet. Zu blau ist er, zu klar, um Hamburg zu gehören. Er spielt einen Himmel aus dem Süden.

Sie sind da für Gewalt

Auf einer Bühne spricht eine Menschenrechtlerin, ich setze mich auf den Asphalt, daneben Frauen, die ihre Jacken falten. „Hey, setz dich bitte weiter weg, ich kenne dich nicht“, sagt eine Rundliche im Tanktop. Ihre schwarzen Schuhe sagen den Rest. Es ist dieses bekannte Misstrauen, ist dieser Schwarze Block.

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Der Fischmarkt füllt sich und wird dunkler. Extremisten ziehen ihre Jacken an, es werden immer mehr. Sie sehen aus wie Aliens. Schwarze Sturmhauben, Sonnenbrillen und Kapuzen. Die Außerirdischen sind zärtlich miteinander. Um sich nicht zu verlieren, halten sie sich an ihren Schultern fest. Der Marsch beginnt. Drei hübsche junge Hamburger, auf keinen Fall vom Block, reden über richtige Bekleidung. Der große Blonde sagt, dass man kein T-Shirt tragen kann, auf dem irgendeine große Marke steht. „Mit Sicherheit stirbt Freiheit“, steht auf dem T-Shirt seines Freundes. Sie sprechen über Menschen, die in Somalia verhungern. „Dass Arme arm sind, Reiche reich, das ist Realität“, sagt der im Freiheits-Shirt. Doch diese Wirklichkeit, sie spielt jetzt keine Rolle. Der Schwarze Block schiebt sich zu dicht zu uns, es sind zu viele. Und ihr Benehmen, ihre Kleidung zeigen die Realität in Hamburg: Sie sind nicht da, um zu marschieren, protestieren. Sie sind da für Gewalt. Der Marsch stoppt. Die Polizei fordert Vermummte auf, ihre Vermummung abzulegen.

Jetzt schau nach Fluchtwegen

Der große Blonde, der morgen Abiturball hat, erklärt: „Die Polizei versucht, den Block zu trennen.“ Der Block, das sind vielleicht tausend Menschen. Der Rest sind acht-, neuntausend in diesem Augenblick. Im nächsten rennen alle. Der Abiturient und ich, wir haben keine Chance. Im Rücken eine Wand, kein Ausweg rechts, kein Ausweg links. Die Polizisten, vollvermummt, rennen der Wand entgegen, uns entgegen. Wie ferngelenkt erheben sich die Hände, alle, die nicht zum Schwarzen Block gehören, erheben ihre Hände. Die Polizisten, die gestern menschlich waren, mir Sicherheit versprachen, sind jetzt Maschinen. Sie wissen selbst nicht, in welche Richtung sie mich schmeißen sollen, der eine schubst nach links, der andere schubst nach rechts. Dann laufe ich. Die Hände immerzu erhoben. Der Marsch ist eine Falle. Überall stehen die Helmmaschinen und ihre Wasserautomaten. Etwas abseits ein Stromkasten, er wird zum Schutzschild. Die Hände trauen sich nicht runter, die Tränen rollen über das Gesicht, während mehr Polizeibusse anrollen. So hockend, heulend vergehen die Minuten. Der Fluchtinstinkt schreit laut im Kopf, doch Fliehen geht nicht. Überall Maschinen, Wasserwerfer. Auf einmal schreien vor dem Schutzschild, dem Stromkasten, die Schwarzgekleideten, sie schreien: „Die ganze Welt hasst die Polizei.“

„Haut bitte ab“, schreie ich ihnen entgegen, denn wo sie sind, ist die Gefahr. Doch sie verstehen nichts, skandieren auch: „Haut ab!“

Mehr Tränen. Dann hält mich eine Frau in ihren Armen, auch sie trägt eine schwarze Sonnenbrille, drückt mir einen Riegel in den Mund. „Das hilft gegen den Schock“, sagt sie und dann: „Jetzt schau dich um und schau nach Fluchtwegen.“ Sie zeigt auf einen Abhang voller Brennnesseln. Beruhigend ist das nicht. Die Helmmaschinen laufen wieder, sie jagen Aliens. Es ist ein Film, jeder spielt seine Rolle.

Dasselbe Rituel, nur mehr Gewalt

„Wenn Polizisten vor dir sind, dann darfst du niemals rennen“, erklärt die Riegel-Frau. Doch ich will rennen, weg. Das Zeitgefühl ist jetzt verloren. Minuten sind wie Stunden. Es ist ein bisschen ruhiger irgendwann. Wir gehen. An der Bushaltestelle auf dem Weg zu der Bahn sitzt einer, der apathisch ist, Blut läuft ihm aus dem Kopf, läuft über seine Brauen. Die Helferin mit Riegeln hilft. Ich fühle nichts und mache nichts. Dann ist er weg. Wie? Keine Ahnung. Zum Abschied sagt die Riegel-Frau, dass ich die kleinen Straßen gehen muss. Okay. Vor dem Eingang zur Bahn schon wieder die Maschinen, schon wieder erheben sich die Hände automatisch. „Bitte! Ich bin nur Journalistin!“ Sie lassen mich zur Bahn, und einer ruft hinterher: „Schreiben Sie was Gutes über uns!“

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Im Hotel, in Sicherheit, vergeht der Schock, und der Hunger kommt. Es gibt kein Restaurant, und Rausgehen geht nicht. Dort sind die Demonstranten, die Maschinen, der Block, die Jagd, direkt unter den Fenstern. Dann Schlafen gegen Hunger.

Am Morgen spielt die Stadt dasselbe Spiel, es läuft dasselbe Ritual, aber mit mehr Gewalt als gestern. Vor dem Hotel schlafen die Wasserwerfer, erwachen manchmal, werfen Wasser. Jeder ist immer noch in seiner Rolle. So geht der Tag. Am Abend meldet sich der Körper, den gestern die Maschinen pressten, schubsten. Alles tut weh. Ich will raus aus dem Ritual, das diese Stadt durchzieht – zurück in die Realität.

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