05.07.2011 · Auch eine Emanzipationsform: Der Frauenfußball ist ein ernsthaftes Diskussionsthema geworden. Birgit Prinz leidet vor dem Spiel gegen Frankreich am Dienstag (20.45 Uhr). Die Kapitänin wird von Silvia Neid nicht geschützt.
Von Michael Horeni, DüsseldorfDer Präsident des Deutschen Fußball-Bundes hat sich am Wochenende zu zwei Problemfällen des deutschen Fußballs geäußert. Man muss kurz daran erinnern, dass die beiden Problemfälle - Michael Ballack und Birgit Prinz - einmal zwei sehr große Glücksfälle des deutschen Fußballs waren. Lange ist das noch nicht her. Aber wie sich Theo Zwanziger in diesen Tagen über Ballack und Prinz äußerte, daran kann man ganz gut den Bedeutungsverlust der lange überragenden Figuren ihrer Nationalmannschaften festmachen.
„Er hat sich in dieser unschönen Diskussion eindeutig in der Wortwahl vergriffen. Er muss sich, wie das echte Männer machen, bei Joachim Löw entschuldigen“, sagte Zwanziger über Ballack. Es wurde dabei zwar nicht ganz klar, für welche Worte genau sich Ballack entschuldigen soll, aber der unmissverständliche Ton machte klar: Der langjährige Kapitän ist beim DFB abgeschlossene Vergangenheit.
Nach seinem Besuch der Frauen-Nationalelf in Düsseldorf vor dem letzten Vorrundenspiel an diesem Dienstag gegen Frankreich (20.45 Uhr / FAZ.NET-Frauenfußball-WM-Liveticker) äußerte sich der DFB-Präsident dann auch über Birgit Prinz, und dabei fielen Sätze, wie sie echte Fußballfunktionäre sprechen. „Birgit ist eine großartige Frau und eine tolle Spielerin, die als Marke des deutschen Frauenfußballs zu sehen ist. Ich bin absolut sicher, dass sie, wenn sie fit ist und sich fit fühlt, der Mannschaft auf dem Weg zum Endspiel helfen kann.“ Die dreifache Einschränkung macht klar: Die langjährige Kapitänin hat beim DFB ungewisse Zukunft.
Aber wie soll Zwanziger ihr den Rücken auch anders stärken, wenn die Verantwortlichen tagelang schweigen? Die Frauen-Nationalelf und ihr gesamtes Umfeld machen in diesen Tagen mit dem Fall Prinz einen Anpassungsprozess an eine neue Wirklichkeit durch. Eine gewisse Unbeholfenheit ist dabei nicht zu übersehen. Zwanziger merkte nämlich auch ganz richtig an, dass die Entscheidung in Sachen Spielführerin allein bei der Bundestrainerin liege.
„Ich hatte ganz gute Gespräche mit ihr“
Aber Silvia Neid hat sich drei Tage lang nach dem 1:0 gegen Nigeria auf den DFB-Pressekonferenzen nicht blicken lassen, kein einziges Wort war bis zum Tag vor dem Spiel in Mönchengladbach gegen Frankreich von ihr über die Rolle von Birgit Prinz zu hören. Am Montag dann beendete Silvia Neid auf der obligatorischen Fifa-Pressekonferenz ihr Schweigen und sagte: „Ich hatte ganz gute Gespräche mit ihr, und wir sehen das beide ähnlich.“ Eine Aussage, die so oder so gedeutet werden kann.
Man muss nicht gleich von einer Demontage sprechen, aber die Diskussion treibt seit Tagen auf alleinige Kosten von Birgit Prinz immer weiter. Bei Birgit Prinz werden jetzt auch schon die Minuten ohne Torerfolg gezählt, dazu die Anzahl ihrer Auswechslungen in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten. Dass ausgerechnet eine der untadeligsten Athletinnen des deutschen Sports, die sich seit vielen Jahren immer in den Dienst der Mannschaft gestellt hat und nie in den Mittelpunkt, zum alleinigen Symbol für einen holprigen WM-Start wird, ist dabei eine ebenso bittere wie ungerechte Lektion.
„Wir reagieren auf Spielverläufe“
Man liegt nicht falsch, wenn man feststellt, dass diese Verengung auf Birgit Prinz das sportliche Problem eines rumpelnden Turnierbeginns nicht ausreichend beschreibt (dafür hakte das Kombinationsspiel an zu vielen Stellen). Die Spielführerin hat es nicht verdient, öffentlich tagelang alleine da zu stehen, nachdem die Bundestrainerin ihr mit der Auswechslung nach 52 Minuten beim Stand von 0:0 auf dem Platz das Vertrauen entzogen hatte. „Wir reagieren auf Spielverläufe, ob jetzt mit Birgit oder anderen Spielerinnen“, sagte Assistentin Ulrike Ballweg. Es sei aber auch klar, dass Birgit Prinz derzeit „nicht blendender Laune“ sei und „nicht pfeifend zum Frühstück“ komme.
Zum ersten Mal bekommen die erfolgverwöhnten Fußballfrauen in diesen Tagen zu spüren, was das Leben im Fokus der Öffentlichkeit nach dürftigen Auftritten auch an Unannehmlichkeiten bereithalten kann. Günter Netzer stellte als „Bild“-Kommentator in ungewohnter Härte für den Frauenfußball fest: „Birgit Prinz kann ebenso wenig wie Ballack trotz nachlassender Leistung nur aufgrund vergangener Erfolge einen Anspruch auf einen Stammplatz in der Mannschaft beanspruchen.“
„Birgit darf nicht alleine als Sündenbock herhalten“
Der Potsdamer Meistertrainer Bernd Schröder forderte dagegen im „Kicker“ mit scharfem Blick auf Neid: „Birgit darf jetzt nicht alleine als Sündenbock herhalten. Ich kann der Bundestrainerin nur raten, Birgit von Anfang an spielen zu lassen, sonst würde sie ihre Spielführerin so beschädigen, dass sie sie gleich nach Hause schicken kann.“ Der Frauenfußball, der sich vor der Weltmeisterschaft vor allem über Lippenstift und Lifestyle positionierte, erlebt im Fall Prinz nun auch seine erste Fußball-Stammtischdiskussion.
Das wiederum ist kein schlechtes Zeichen für seine gewachsene sportliche Bedeutung; für die weitere Entwicklung der Mannschaft aber dürfte der Partie gegen Frankreich größere Bedeutung zukommen. Die Bundestrainerin hatte angekündigt, ihren Spielerinnen durch zahlreiche Übungen wieder Freude und Leichtigkeit am Fußball zu vermitteln. Der Qualifikationsdruck für das Viertelfinale nach zwei wenn auch mühevollen Siegen ist gewichen. So verspricht der Selbstfindungsprozess der deutschen Frauen um Birgit Prinz an diesem Dienstagabend gegen Frankreich eine aufregende Sache zu werden.
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