12.02.2012 · „Die erste Halbzeit war die schlimmste, die ich je als Trainer erlebt habe“, sagte Skibbe nach dem 0:5 in Stuttgart. Eine schlimmere wird er so bald nicht erleiden müssen. Die Hertha-Fans verlangen Aufklärung von den Spielern.
Von Michael Horeni, BerlinMichael Skibbe mochte sich nach dem Debakel der Berliner in Stuttgart nicht von der Routine abbringen lassen. Der Hertha-Trainer bestellte seine Mannschaft am Tag danach wie üblich auf das Olympiagelände. Ein bisschen Auslaufen stand auf dem Programm. Aber nach dem 0:5-Debakel in Stuttgart , der erschütterndsten seiner fünf Niederlagen im fünften Spiel, war Hertha BSC Berlin am Sonntagmorgen von Alltagsnormalität so weit entfernt wie selten zuvor.
Schon kurz vor dem Training wurde die Mannschaft darüber unterrichtet, dass der Klub nach nur 52 Tagen genug von Skibbe hat. Der Berliner Kurzzeittrainer verabschiedete sich sogleich von seinen Spielern, die mit ihm jammervolle Auftritte erlebten, die in Stuttgart „in der schlimmsten Halbzeit“ gipfelten, die Skibbe nach eigenem Bekunden jemals in seiner Karriere erlebt hat.
Während der Trainer seine Sachen packte, formierte sich auf dem Trainingsareal der Widerstand der Fans. Ihre Wut angesichts des Niedergangs und des drohenden Abstiegs war vom Sicherheitspersonal kaum mehr zu zügeln. Etwa 200 Anhänger, vorwiegend Ultras, ließen sich dabei weder von Schranken noch von Einsatzkräften stoppen, um zu den Hertha-Profis vorzudringen, sie zur Rede zu stellen und auch zu beschimpfen. Um die Situation zu beruhigen, entschlossen sich einige Profis um Kapitän Mijatovic zum Gespräch mit der Szene.
Sie setzten sich mit den Protestierern im historischen Kuppelsaal des Olympiaparks zusammen, um über die desolate Lage beim Aufsteiger zu diskutieren, dem angesichts von zehn Bundesligaspielen ohne Sieg wieder die umgehende Versetzung in die zweite Liga droht. Mit anderen Worten: es herrscht Ausnahmezustand beim Hauptstadtklub.
Klaus Wowereit bezeichnete unterdessen die Lage beim Bundesligaklub am Sonntag als „Desaster“ – da wusste der Regierende Bürgermeister aber noch gar nicht, dass Skibbe gehen musste und die Fans in das Klubgelände eingedrungen waren. Am Sonntagabend gab der Klub bekannt, dass die ehemaligen Berliner Profis Rene Tretschok und Ante Covic als Interimslösung fungieren bis ein neuer Trainer gefunden ist. Tretschok betreut derzeit die U-19-Junioren des Vereins, Covic die U 15.
Auf Skibbes Nachfolger wartet zwar keine unmögliche, wohl aber eine ziemlich schwierige Mission, deren erste von dreizehn Etappen kaum unangenehmer sein könnte: Am Samstag bekommt es die tief erschütterte Hertha im Olympiastadion mit Meister Borussia Dortmund zu tun, und dabei treffen zwei Teams aufeinander, die zwar in der gleichen Liga spielen, die aber Welten trennen, nicht nur die sportliche Bilanz 2012: Hertha beklagt fünf Niederlagen und 1:12 Tore, Dortmund steht fünf Siegen und 12:2 Toren an der Spitze. Der letzte Sieg der Hertha in der Bundesliga datiert aus dem vergangenen Oktober.
In Stuttgart forderten die Hertha-Fans schon nach einer halben Stunde den Rauswurf des Trainers, der am Spielfeldrand fassungs- und hilflos erlebte, wie seine Mannschaft dem „Tiefpunkt der Saison“ (Ottl) entgegentaumelte. Nach einer guten halben Stunde lag das zerfledderte Team nach drei Gegentoren innerhalb von acht Minuten – Ibisevic (25. Minute), Harnik (28.), Okataki (32. Minute) – schon aussichtslos 0:3 zurück. Zwischendurch hatte sich zudem Mittelfeldspieler Ottl eine Rote Karte mit einem Foul eingehandelt, in dem sich Disziplinlosigkeit und Überforderung exemplarisch spiegelten. „Ein schwarzer Tag“, sagte der frühere Bayern-Profi nach einer Niederlage mit sofortiger Folge- aber auch möglicher Langzeitwirkung. „Die Gefahr, dass wir zerbrechen, ist sicherlich da.“
Mittelfeldspieler Peter Niemeyer machte aus der Berliner Selbstaufgabe des Tages auch kein Geheimnis mehr. „In der ersten Halbzeit war das Spiel grausam – in der zweiten Halbzeit war es grausam, auf dem Platz zu stehen“, sagte Niemeyer. Die beiden weiteren Treffer durch Harnik (41. und 58.) markierten dann auch statistisch, dass die Berliner in Stuttgart unter Skibbe so tief wie selten zuvor gefallen waren. Es war die dritthöchste Niederlage ihrer Bundesliga-Geschichte – und schneller als Skibbe flogen bisher auch nur drei Trainer in knapp fünfzig Jahren. Aber die hatten keine Winterpause in ihrer Amtszeit.
Das grandiose Scheitern von Skibbe, der in der Vorsaison auch den Absturz von Eintracht Frankfurt nicht verhindern konnte, kommt die mit 35 Millionen Euro verschuldete Hertha nicht nur sportlich teuer zu stehen. Die Berliner hatten nach der Trennung von Babbel den ehemaligen Assistenten von Teamchef Völler sogar aus seinem Vertrag beim türkischen Klub Eskisehirspor herausgekauft. Immer stärker gerät angesichts des wilden Personalwechsels in Berlin auch Manager Michael Preetz in die Kritik.
„Es ist auch meine Verantwortung für Hertha BSC, diese Fehleinschätzung zu korrigieren“, sagte Preetz. „Besonders die Art und Weise der Niederlage in Stuttgart hat uns zum Handeln gezwungen.“ In seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit hat der Manager nun die vierte Trainerentlassung zu verantworten, zuvor mussten schon Lucien Favre und Friedhelm Funkel gehen. Den Abstieg 2010 hat das übrigens auch nicht verhindert.
Wie es jedoch ganz schnell viel besser geht, hat unterdessen Klaus Wowereit seiner Hertha am Sonntag auch verraten. „Gegen Dortmund wird das natürlich schwer – aber drei Punkte müssen her.“ Da klang Wowereit schon fast wie der neue Trainer.
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Die Saison 2011/2012
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