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Frauenfußball Bloß nicht im Abseits stehen

21.06.2011 ·  Homosexualität ist im Fußball immer noch ein Tabu. Bei den Frauen ist man zwar toleranter. Aber noch immer gilt er vielen als „Lesbensport“ - und vermarktet werden die heterosexuellen Spielerinnen.

Von Ursula Scheer
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Philipp Lahm rät davon ab, Manuel Neuer und Mario Gomez raten zu, DFB-Präsident Theo Zwanziger hat jedem, der den Schritt wagen sollte, die Unterstützung des Verbandes zugesagt. Doch bisher hat sich noch kein deutscher Profi-Fußballspieler als homosexuell geoutet. Zu groß ist die Angst der Betroffenen, als Schwule nicht bestehen zu können in der Welt des Fußballs.

Fußball steht, schlicht gesagt, hierzulande für Männlichkeit. So fasst es die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling zusammen, die seit Jahren zu Homophobie im Fußball forscht. Eggeling berät homosexuelle Spieler und ist als Sachverständige in Diskriminierungsfragen für den Deutschen Fußball-Bund tätig. „Bei den Männern steht dieser körperbetonte Kampf- und Mannschaftssport für Maskulinität, wie sie sonst in der Gesellschaft nicht mehr ausgelebt werden kann.“ Ein Homosexueller werde von vielen in diesem Milieu als nicht Manns genug gesehen, um richtig Fußball spielen zu können. Klischees von der triebgesteuerten männlichen Sexualität und das vielzitierte gemeinsame Duschen riefen zusätzlich Ängste hervor. Im Kampf gegen rassistische Diskriminierung habe man Fortschritte erzielt, sagt Eggeling. In Bezug auf Homosexualität sei Toleranz aber noch längst nicht überall angekommen.

Das zeigen zwei Vorfälle von Ende April. Beim Drittligaspiel gegen den SV Babelsberg entrollten Fans von Dynamo Dresden ein vulgär homophobes und sexistisches Transparent. In der Regionalliga West befestigten Anhänger von Eintracht Trier beim Auswärtsspiel gegen den FC 08 Homburg ein Banner mit einem schwulenfeindlichen Schmähtext am Zaun. Das Sportgericht des DFB hat Eintracht Trier inzwischen zu einer Geldstrafe von 1500 Euro verurteilt; gegen Dynamo Dresden läuft das Verfahren des DFB-Kontrollausschusses noch.

19 Fußballvereine haben schwul-lesbische Fanclubs

Jörg Litwinschuh vom „Netzwerk Fußball gegen Homophobie“ sagt, er bekomme häufig Hinweise von empörten Fans gerade aus den unteren Ligen, die von schwulenfeinlichen Rufen, Stadiongesängen oder Plakaten berichteten. Das zeige zwar, dass Schwule immer noch Ressentiments und Aggressionen ausgesetzt seien, andererseits aber auch, dass viele Fußballanhänger inzwischen sensibler auf Diskriminierungen reagierten.

Tatsächlich gibt es seit einigen Jahren viele Fan-Initiativen, die sich für einen toleranten Umgang mit Homosexualität einsetzen, beispielsweise das „Bündnis aktiver Fußballfans“ (Baff), unter anderem mit seiner Wanderausstellung „Tatort Stadion“, die seit 2010 von Fußballclubs und Vereinen gezeigt wird. 19 deutsche Fußballvereine haben schwul-lesbische Fanclubs. Organisiert sind sie im Netzwerk „Queer Football Fanclubs“ (QFF). Die „Meenzelmänner“, Anhänger von Mainz 05, gehören dazu. Ihr Sprecher Markus Delnef berichtet von durchweg guten Erfahrungen. Mit anderen Fangruppierungen, aber auch mit Ultras, hätten sie eine Aktionswoche gegen Homophobie organisiert. Auch Michael Gabriel von der „Koordinationsstelle Fanprojekte“ (KOS), einer vom Bundesfamilienministerium und dem DFB finanzierten Dachgemeinschaft 50 sozialpädagogisch begleiteter Fanprojekte, ist optimistisch: „Die Toleranz der Zuschauer ist größer als gemeinhin angenommen.“

In Frauenfußballteams ist der Umgang mit Homosexualität offener

Dass es bislang keinen offen schwulen Bundesligaprofi gibt, liegt seiner Ansicht nach weniger an Mitspielern, Vereinen und Fans, sondern an der Sorge vor einer möglichen Medienhatz. Vereine wie St. Pauli, Werder Bremen, der FSV Frankfurt und andere hätten Initiativen für mehr Toleranz aufgelegt. „Der DFB ist als Fußballverband beispiellos in seinem Engagement gegen Homophobie“, sagt Gabriel. Theo Zwanziger habe viel in Bewegung gebracht. Der Verband unterstützt schwul-lesbische Fanclubs, sponsert Wagen bei den „Christopher Street Days“ in Köln und Berlin und hat Tanja Walther-Ahrens, eine offen lesbische ehemalige Fußballspielerin, zur Beauftragten für Bildung gemacht.

Anders als bei den Männer herrscht im Frauenfußball, zumindest in den Teams, ein offener Umgang mit Homosexualität. Ursula Holl ist zweite Nationaltorhüterin und Torfrau beim FCR 2001 Duisburg und lebt in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit einer Frau. „Diskriminierung habe ich weder im Verein noch von Mitspielerinnen oder von Fans jemals erlebt“, sagt sie. Homosexualität sei bei den Fußballfrauen kein Thema, über das man sprechen müsse. Deshalb habe sie ihre Hochzeit zwar publik gemacht, ihre Homosexualität aber nicht in der Öffentlichkeit ausgebreitet: „Ich will als Spielerin wahrgenommen werden, nicht wegen meines Beziehungslebens.“

Am besten vermarkten sich hübsche, heterosexuelle Spielerinnen

Ähnliche Motive mögen die homosexuellen Spielerinnen haben, die zwar in ihren Vereinen „out“ sind, aber nicht an die Öffentlichkeit gehen. Jörg Litwinschuh vermutet jedoch auch, dass vor der Frauenfußball-WM Homosexualität aus der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt werden soll: „Der DFB ist gewiss nicht homophob. Aber der Frauenfußball wächst, gerade in der Jugend. Und man hat schon die Befürchtung, dass Eltern ihre Töchter nicht Fußball spielen lassen könnten aus Angst, sie könnten sich quasi anstecken.“

Frauenfußball gilt vielen als „Lesbensport“ für „Mannweiber“. Das soll sich im Zuge der Professionalisierung und Kommerzialisierung ändern, vor der WM im eigenen Land erst recht. Einerseits wünschen sich die Spielerinnen die größere Öffentlichkeit. Andererseits könnte die Entwicklung den bisher offenen Umgang mit Homosexualität verändern, denn Heterofrauen, am besten hübsche, sind besser zu vermarkten. Das offizielle Motto der WM ist denn auch: „2011 von seiner schönsten Seite“. Es gibt inzwischen eine Birgit-Prinz-Barbie, die Frauenzeitschrift „Brigitte“ hat mit Spielerinnen eine Modestrecke fotografiert, und die neuen Trikots der DFB-Auswahl sind femininer geschnitten. Tanja Walther-Ahrens ist zwar froh, „wenn den Frauen die Trikots nicht mehr bis zu den Knien reichen“. Sie findet es aber auch bedenklich, wenn der Frauenfußball sich Sponsoren zuliebe verstärkt über weibliche Attraktivität verkauft, nur um aus der „Lesbenecke“ herauszukommen. Mehr als nur weiblich geschnitten sind jedenfalls die nassen Hemdchen, in denen fünf DFB-Spielerinnen sich auf dem Titel der Männerzeitschrift „Playboy“ präsentieren.

Männliche Spieler können sich noch immer nicht outen

Auch Tatjana Eggeling hält das Motto der WM für unglücklich gewählt. Sie hofft, dass im Frauenfußball nicht dieselben Fehler gemacht werden wie bei den Männern. Denn von Enttabuisierung ist man im Männerfußball weit entfernt. Das zeigte im März die ablehnende Reaktion von Oliver Bierhoff auf den Satz eines fiktiven homosexuellen Bundesligaspielers in einer „Tatort“-Folge, die halbe Nationalmannschaft sei angeblich schwul. Aber über Homosexualität im Fußball wird inzwischen diskutiert. Mitte April gab es vor dem Sportausschuss des Bundestages eine öffentliche Anhörung von Sachverständigen zum Thema „Homosexualität und Sport“, in der es hauptsächlich um den Fußball ging. In anderen Ländern gibt es Beispiele für Coming-outs aktiver Athleten in männlich dominierten Nationalsportarten. Der populäre Rugby-Spieler Gareth Thomas outete sich beispielsweise in Wales, und der Vereins-Manager Rick Welts in der Nationalen Basketballliga der Vereinigten Staaten.

„Es wird noch etliche Jahre dauern, bis Homosexualität im deutschen Fußball voll akzeptiert sein wird“, vermutet Eggeling. „Blöde Sprüche wie: ,Was war das denn für ein schwuler Pass‘, sind oft nicht diffamierend gemeint“, sagt Walther-Ahrens. Dafür, dass sie trotzdem diskriminierten, müsse man aber ein Bewusstsein schaffen. Dirk Brüllau von den „Queer Football Fanclubs“ ist nach wie vor skeptisch. In vielen Bereichen fehle noch die Akzeptanz, zum Beispiel in den unteren Ligen oder in Mannschaften, in denen Mitspieler durch ihre Sozialisation oder ihre Herkunft Homosexualität stark ablehnten. Brüllau würde sich wie Delnef und Litwinschuh eine große Initiative des DFB gegen Homophobie wünschen, vergleichbar mit der Anti-Rassismus-Kampagne. Und auch mehr Zivilcourage im Stadion. Daran, dass sich derzeit ein aktiver männlicher Spieler outen könne, glaubt er nicht: „Das Eis ist noch sehr dünn.“

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