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Frauenfußball Als sich die Wollstutzen kringelten

16.06.2005 ·  Eine Ausstellung dokumentiert den dornenreichen Weg des Frauenfußballs bis zur Gleichheit vor dem Ball. Hierzulande ist es vor allem eine Geschichte von Ausgrenzung und Spott.

Von Alex Westhoff
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Zarte blaue, gelbe und rote Blüten ranken sich kunstvoll auf dem strahlend weißen Porzellan. Auf Tellern, Tassen, Schüsseln und anderen Dingen, zu sehen in der Wanderausstellung "Verlacht, verboten und gefeiert. Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland". Es sind Originalstücke aus dem 40teiligen Kaffee- und Tafelservice (1b-Ware aus dem Hause Villeroy & Boch), das die deutschen Nationalspielerinnen vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) für ihren EM-Titel 1989 erhalten hatten.

"Plötzlich bekam jede einen großen Karton in die Hand gedrückt. Wir hatten ja nie über Prämien verhandelt", erinnerte sich die damalige Nationalspielerin Martina Voß bei der Ausstellungseröffnung in der Aachener Volkshochschule. Das wäre in etwa so, als ob Jürgen Klinsmanns Ensemble für den WM-Sieg 2006 je einen nicht mehr ganz taufrischen Werkzeugkasten überreicht bekäme. Für die Ausstellung könne sie "locker einige Teile entbehren", sagte Martina Voß und lachte.

Die Autoren Jürgen Nendza und Eduard Hoffmann haben für ihre Ausstellung und das gleichnamige Buch Fotos, Dokumente, Zeitungsartikel und andere Devotionalien von den Anfängen 1894 bis heute zusammengetragen. Herausgekommen ist ein Sammelsurium aus Skurrilem und Wissenswertem. Eine gelungene Mischung aus Information und Unterhaltung, die den dornenreichen Weg bis zur Gleichheit vor dem Ball dokumentiert. Die Geschichte des Frauenfußballs hierzulande ist vor allem eine Geschichte von Ausgrenzung und Spott. Im wilhelminischen Deutschland bediente man sich sogar kruder medizinischer Theorien - durch "Springen und Beinspreizen" würden die "Sexualorgane der Mädchen aus der Lage gebracht" - um die Frauen vom Kicken fernzuhalten. In der Weimarer Republik wurde zwar der erste deutsche Frauenfußballverein in Frankfurt gegründet, doch unter der Nazi-Herrschaft paßte der Sport nicht mehr zur "völkischen Bestimmung im Muttersein". Es ist auch Pionierinnen wie Helga Nell zu verdanken, daß sich der Frauenfußball in der Nachkriegszeit seinen Weg bahnte, immer noch begleitet von Ressentiments und männlichen Klischeevorstellungen, aber oft auch von regem Zuschauerzuspruch. Die heute 64jährige Helga Nell und ihre Mitstreiterinnen von Rhenania Essen scherten sich nicht um das Verbot des DFB von 1955 bis 1970, das allen Vereinen untersagte, Frauen Plätze zur Verfügung zu stellen. Sie erzählte, wie sie zum Fußballspielen durch halb Deutschland getourt ist, schon mal "fünf Mark Torprämie" kassierte und ein Trainer mal mit der ganzen Kasse durchgebrannt sei. "Der heute größte Förderer, der DFB, war lange Zeit einer der größten Verhinderer", sagt der Historiker Nendza. Der Frauenfußball habe in Deutschland eine Wandlung vom "Saulus zum Paulus" genommen. Die Weltmeisterinnen von 2003 werden als "Golden Girls" gefeiert.

Helga Nell lernte noch die "Verlacht-und-verboten-Zeit" kennen. Der Sexismus und die zum Teil offene Ablehnung machte auch vor der männlich dominierten Zunft der Fußball-Berichterstatter nicht halt. Der Kommentator in der "Wochenschau" sprach 1957 anläßlich eines Länderspiels von "echten Hausfraueninstinkten", mit denen die Deutschen "ihr Nest sauberhielten". Die "Aachener Nachrichten" texteten: "Mit weicher Markenbutter-Flanke, aus wiegender Hüfte vorgetragen, saust das Leder, daß sich die Wollstutzen kringeln." Noch bei der inoffiziellen WM 1970 in Italien schrieben Zeitungen, wie deutsche Spielerinnen nach den Hymnen ihre Perücken den Betreuern reichten - nach 50 Sekunden Spielzeit stand es 1:0 für England. Endstand: 1:5. "Zum Siegen sind sie zu schön" oder "Scheiterten die Deutschen am eisernen Busen der Engländerinnen?" lauteten Überschriften. Übrigens: Für den WM-Titel 2003 bekamen die Nationalspielerinnen jeweils 15000 Euro vom DFB, und die Sporthilfe legte noch mal 6000 Euro oben drauf. Nicht nur die Zeit der Sachpreise ist im Frauenfußball vorbei.

Quelle: F.A.Z., 17.06.2005, Nr. 138 / Seite 32
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