Rendez-vous auf dem Place de la Bastille! 31 Jahre nach der ersten Wahl eines sozialistischen Präsidenten in der Geschichte der V. Französischen Republik zieht wieder ein Sozialist in den Elysée-Palast ein. Und, ganz wie am 10. Mai 1981, versammelt sich „das Volk der Linken“ („le peuple de gauche“) am Sonntagabend auf dem Bastille-Platz, um den Wahlsieg zu feiern. Schon am Sonntagvormittag hatten Arbeiter damit begonnen, Scheinwerferanlagen auf dem Platz aufzubauen. Bei der Sozialistischen Partei hieß es da noch, nichts sei geplant. Doch jetzt strömen die Anhänger François Hollandes zu dem historischen Platz, der einst mit dem Sturm auf das Bastille-Gefängnis den Beginn der Französischen Revolution markierte. Hollande sollte noch am Sonntagabend hier seine erste Rede als „Président élu“ halten, als gewählter, aber noch nicht ins Amt eingeführter Präsident der Republik.
Bis zuletzt hatte der Kandidat, der ein „normaler Präsident“ sein will, sein Wahlkampfteam und seine Parteifreunde vor Siegesgewissheit gewarnt. Das Wochenende verbrachte er in der Corrèze, seiner Wahlheimat. In Tulle, wo er Bürgermeister gewesen war, ging er am Sonntagmorgen zur Wahl. Vom Kathedralenplatz in Tulle aus wollte er auch eine erste Erklärung abgeben, bevor er den Rückflug nach Paris anzutreten gedachte.
17 Jahre ist es her, dass zuletzt ein Sozialist im Elysée-Palast waltete. Und auch Hollande selbst hat einen weiten Weg zurückgelegt bis zu diesem Sieg. Er hat in seiner langen politischen Laufbahn viele Enttäuschungen hinnehmen müssen. Obwohl er als einer der besten seines Jahrgangs die Eliteverwaltungshochschule Ena abgeschlossen hatte, zählte er nicht zu den jungen Aufsteigern, die unter Präsident François Mitterrand Karriere machten. Hollande diente zwar als Kabinettsdirektor des damaligen Regierungssprechers Max Gallo, wirkte aber stets im Schatten der Macht. Mitterrand holte Hollande nicht ins Regierungskabinett, anders als dessen Lebensgefährtin Ségolène Royal. Auch später, als die Linke von der übereilten Parlamentsauflösung unter Präsident Jacques Chirac profitierte und 1997 die Regierung bilden konnte, verzichtete Lionel Jospin darauf, Hollande ein Ministeramt zu übertragen. Er vertraute ihm, dem Mann der Kompromisse, lieber den Vorsitz der Sozialistischen Partei an. Von 1997 bis 2008 leitete Hollande die Partei als Vermittler, der den von persönlichen Animositäten und Richtungskämpfen gespaltenen Apparat zusammenzuhalten versuchte. In seinem Wahlkampffilm hebt Hollande hervor, während dieser Jahre „alle Niederungen des menschlichen Charakters“ kennengelernt zu haben.
Während Tony Blair mit „New Labour“ und die SPD unter Gerhard Schröder neue Wege ausprobierten, blieb die Parti Socialiste unter Hollande bestenfalls in Mitterrand-Nostalgie gefangen. Eine gewisse Denkstarre machte sich breit. Anstöße für die europäische Sozialdemokratie gingen nicht vom sozialistischen Parteisitz in der Pariser Rue de Solférino aus. Als Hollande 2008 abtrat, erreichte die Partei bei ihrem Parteitag in Reims einen ihrer Tiefpunkte. Einen Nachfolger hatte Hollande, anders als Jospin, nicht aufgebaut. So fielen die Genossen übereinander her und konnten sich schließlich nur noch auf das Ziel verständigen, Ségolène Royal an der Parteispitze zu verhindern. Unter diesen Vorzeichen beschloss Hollande, seine Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten. Das war damals ein durchaus verwegener Schritt für den Sozialisten, in dem die Parteifreunde bis hin zu seiner früheren Lebensgefährtin vor allem den geborenen Verlierertypen sahen.
Keine Zeit für eine Einarbeitungszeit
Seither aber sollte das Glück ihm zur Seite stehen. Dominique Strauss-Kahn, der Umfrageliebling, schied aufgrund des Sexskandals in New York aus dem Rennen aus. In den ersten offenen Vorwahlen der Partei im Herbst 2011 setzte sich Hollande klar durch. Nicolas Sarkozy unterschätzte ihn lange und entschied sich erst spät, selbst Wahlkampf zu führen. Da hatte Hollande schon wochenlang Frankreich bereist.
Eine lange Zeit der Einarbeitung, von den Franzosen auch „Gnadenstand“ genannt, wird François Hollande nicht beschieden sein. Wichtige internationale Termine erwarten den neuen Staatspräsidenten. Noch am Tag seiner Amtseinführung, vermutlich am 15. Mai, will Hollande nach Berlin reisen. Er ist noch nie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammengetroffen und will für den „Wachstumspakt“ werben, der den Fiskalpakt ergänzen soll. Hollande hat es bedauert, dass die Kanzlerin ihm - im Gegensatz zu Ségolène Royal 2007 - keinen Besuchstermin vor der Wahl gewährt hat. Am 18. und 19. Mai wird der französische Präsident zum G-8-Gipfel in Camp David erwartet. Noch wichtiger ist der anschließende Nato-Gipfel am 20. und 21. Mai in Chicago. Hollande hat im Wahlkampf versprochen, dass bis Ende 2012 die letzten französischen Kampftruppen Afghanistan verlassen haben sollen: „Unsere Mission ist beendet“, sagte Hollande. Bei Präsident Barack Obama und auch bei der Bundeskanzlerin stoßen diese unilateralen Abzugspläne nicht auf Wohlwollen. Für Hollande aber ist es wichtig, gerade die ersten Wahlversprechen einzuhalten.
Er setzt auf die symbolische Wirkung der „ersten 100 Tage“ und hat unter anderem versprochen, seine Bezüge sowie die seiner Minister um 30 Prozent zu kürzen. Die Treibstoffpreise sollen drei Monate lang „eingefroren“ werden - auch das ist eine Geste, um die Franzosen im Sommerurlaub freundlich zu stimmen. Auch für die „rentrée“, den Schulbeginn nach den Sommerferien, gibt sich Hollande spendabel: Die Finanzhilfe für bedürftige Familien mit Schulkindern soll um 25 Prozent erhöht werden. Der Sozialist hat dabei fest die Parlamentswahltermine am 10. und 17. Juni im Blick. Er hofft darauf, dass die Franzosen der Linken eine klare Mehrheit in der Nationalversammlung geben. Dann könnte er gestärkt zu seinem ersten europäischen Gipfeltreffen am 28. und 29. Juni nach Brüssel reisen.
Hollande erzielte bei den Wählern große Wirkung mit seinem Versprechen, in ganz Europa eine Abkehr von der Sparpolitik durchzusetzen und Wachstum und Beschäftigung in den Vordergrund zu rücken. Deshalb feierten seine Anhänger am Sonntag auch das Ende von „Merkozy“. Zu den vielen Schwächen, die Sarkozy von Hollande und seinen Anhängern vorgehalten wurden, zählte jene, zu sehr Angela Merkel gefolgt zu sein. Jetzt wird François Hollande vom „Volk der Linken“ als neuer starker Mann zelebriert, der Europa aus der Dauerkrise reißt.
Vielleicht hat Romney nun doch noch Chancen
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 07.05.2012, 16:48 Uhr
Hollande gegen Sarkozy die Präsidentenwahl in Frankreich als
Lehrbuch für die Demokratie
nikolaus neugrodda (eifelstar)
- 07.05.2012, 16:19 Uhr
Hollande ist Präsident. Er ist Gewinner.
bernd ullrich (demokrat2)
- 07.05.2012, 14:29 Uhr
Vive la France -
Jack Murphy (JackMurphy)
- 07.05.2012, 13:52 Uhr
Sauce Hollandaise, griechischer Salat
Werner Bläser (JonSwift)
- 07.05.2012, 13:33 Uhr
