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Fragen Sie Reich-Ranicki : Über Musik und Moral

  • Aktualisiert am

Der Zauber der Musik: Zwei Apps wollen ihn auf mobile Geräte übertragen Bild: dpa

Musik mobilisiert das Beste im Menschen. Aber sie kann auch Menschen gefügig machen. Der ursächliche Zusammenhang von Musik und Moral bleibt ein Wunschtraum, jedoch kein leerer.

          Macht Musik die Menschen besser?  (Eleonore Büning, Berlin)

          Die Musik ist eine Göttin und obendrein die herrlichste, die wir kennen. Leider aber hat sich diese Göttin oft genug als charakterlos erwiesen. Sie stand im Laufe der Jahrhunderte und der Jahrtausende allen zur Verfügung, die von ihr Gebrauch machen wollten: den Machthabern und den Politikern, den Führern und den Tyrannen, den Ideologen und natürlich den Geistlichen. Die Musik, sie war und ist zugleich eine Hure, wenn auch womöglich die reizvollste, die es je gegeben hat.

          Ambivalenz der musikalischen Moral

          Wer sich die Menschen gefügig machen wollte, bediente sich der göttlichen Hure Musik - allen voran die Kirchen. Schon im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verkündete der heilige Augustinus, der ausschließliche Zweck der Musik sei es, die Gläubigen in den Zustand der bußfertigen Reue zu zwingen.

          Er warnte vor einer Musik, die gar zu schön wäre und durch ihre Schönheit von der Andacht ablenken könnte. Ob der heilige Augustinus Mozart wohl geduldet hätte? Mit Musik hat man Gottesfurcht erzeugt, mit Musik patriotische Gefühle geweckt, mit Musik die Menschen in die Schlacht und in den Tod getrieben.

          Ein altes deutsches Wort sagt: "Da wo man singt, da lass dich ruhig nieder, / böse Menschen haben keine Lieder." Lieder wurden von Sklaven gesungen und auch von ihren Aufsehern, von Revolutionären und von jenen, die sie niedermachten, von KZ-Häftlingen und auch von KZ-Wächtern. Es ist unsere Pflicht, daran zu erinnern, dass die wunderbarste Musik der Welt und die Schoa das Werk ein und desselben Volkes sind.

          Dienst an den höheren Gefühlen

          Ich weiß schon, nicht Bach, Beethoven und Brahms haben Auschwitz verschuldet. Aber ich weiß auch, dass Bach, Beethoven und Brahms Auschwitz nicht verhindert haben. Der ursächliche Zusammenhang von Musik und Moral ist nur ein schöner Wunschtraum.

          Doch es war gerade der von uns allen bewunderte und verehrte Yehudi Menuhin, der genau daran geglaubt hat. Er hat mit unbeirrbarer Konsequenz in jeder Situation Kunst und Leben, Moral und Musik als Einheit begriffen, ja, diese Synthese immer wieder gepredigt und verlangt, mehr noch, diese Synthese gleichsam vorgelebt. Er hat die Violine zu einer Waffe gemacht, einer Waffe gegen das Unrecht und gegen das Elend auf dieser Erde. Aber dieser hochherzige, dieser edle Versuch Menuhins - ist er denn ganz frei von donquichottesken Zügen?

          Skeptikern kann man mit Goethe antworten: "Den lieb ich, der Unmögliches begehrt." Der Künstler hat das Recht und bisweilen wohl auch die Pflicht, das Unmögliche oder das vielleicht nur scheinbar Unmögliche anzustreben. Daher erübrigt sich die Frage, ob es dem Künstler Yehudi Menuhin gelungen ist, auf den Lauf der Welt einen realen Einfluss auszuüben. Wir wissen immer nur, was die Musiker oder die Dichter nicht verhütet haben.

          Wie aber unsere Welt aussehen würde ohne Musik, ohne Poesie, wissen wir nicht. Doch zu danken haben wir dafür, dass Menuhin uns zu dem Schönsten und dem Höchsten verholfen hat, das die Musik bereiten kann - zu Freude und Glück.

          Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort "Sonntagsfrage", Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.


           

          Quelle: F.A.S.

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