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Florida Knabenschule mit Friedhof

In der Arthur G. Dozier School for Boys in Florida kamen etwa 100 Jungen ums Leben. Überlebende berichten von sexuellem Missbrauch und Gewalt. Wissenschaftler untersuchen nun unmarkierte Gräber auf dem Schulgelände.

© REUTERS Vergrößern Schrecklicher Verdacht: Jason Byrd (links) hilft den Wissenschaftlern Erin Kimmerle (Mitte) und Christian Wells, sterbliche Überreste zu bergen.

Gerüchte gab es immer wieder. Auch damals, als Thomas Varnadoe verschwand. Der Sheriff der Kleinstadt Brooksville hatte den Dreizehnjährigen im September 1934 zur Florida Industrial School for Boys geschickt, die jugendliche Straftäter zu gesetzestreuen Amerikanern erziehen sollte. Thomas und sein Bruder Hubert waren des „arglistigen Hausfriedensbruchs“ beschuldigt worden, weil sie angeblich eine Schreibmaschine von der Veranda einer Nachbarin gestohlen hatten.

Einen Monat nach der Ankunft im Erziehungsheim war Thomas tot. „Wir erhielten damals nur einen Brief. Darin stand, dass er gestorben war und beigesetzt wurde. Die Familie war nicht benachrichtigt worden. Da stimmte etwas nicht“, erinnert sich Richard Varnadoe. Als Sechsjähriger hatte er miterlebt, wie seine Brüder in die mehr als 500 Kilometer entfernte Industrial School nach Marianna gebracht wurden. Thomas sollte er nie wiedersehen. Sein damals 15 Jahre alter Bruder Hubert kehrte als verstörter junger Mann zurück.

Mindestens 50 Kinder verschwanden

Als Hubert Varnadoes Sohn Glen Anfang der neunziger Jahre auf der Suche nach dem Grab des unbekannten Onkels nach Marianna fuhr, stieß er unbeabsichtigt die Aufklärung des wohl erbarmungslosesten Missbrauchs in einer amerikanischen Jugendeinrichtung an. „Hier oben wurden eine Menge Kinder begraben“, ließ ein Mitarbeiter des nach einem ihrer Leiter inzwischen zur Arthur G. Dozier School for Boys umbenannten Erziehungsheims ihn damals wissen. Nach dem Besuch des verwahrlosten Friedhofs auf dem etwa 560 Hektar großen Terrain führte er Varnadoe zu einer Lichtung, auf der mindestens sechs weitere Gräber vermutet werden.

Wie die „Tampa Bay Times“ in den folgenden Jahren rekonstruierte, starben in der Einrichtung, die im Sommer 2011 nach 111 Jahren geschlossen wurde, etwa 100 Jungen. Mindestens 50 der meist wegen Schulschwänzens oder Autodiebstahls eingewiesenen Minderjährigen verschwanden unter rätselhaften Umständen. Ehemalige Insassen der Dozier-Schule berichten von sexuellen Übergriffen durch Aufseher und Schlägen mit Lederriemen, die Fetzen der Schlafanzüge in das blutende Fleisch der Jungen trieben.

Jason Byrd clears dirt from a tarp while refilling a hole dug to exhume human remains from a grave at the now closed Arthur G. Dozier School for Boys in Marianna © REUTERS Vergrößern Anonyme Gräber: Eine untersuchte Stelle neben der Schule wird zugeschüttet

Einige wurden angeblich bei Versuchen, über die bewaldeten Hügel an der Grenze zu Alabama zu fliehen, von den Kugeln der Aufseher getroffen. Die Sterbeurkunden der Sechs- bis Achtzehnjährigen konnten die Ermittler der Polizeibehörde des Bundesstaates Florida (FDLE), die der damalige Gouverneur Charlie Crist im Dezember 2008 einschaltete, in den Akten der Dozier-Schule aber ebenso wenig finden wie ihre Gräber.

Nach jahrzehntelangen Spekulationen über das Schicksal der Jungen entdeckte eine Forschungsgruppe der Universität von Süd-Florida (USF) in der Nähe der 31rostigen Metallkreuze des Friedhofs jetzt die Überreste von zwei zehn- bis dreizehnjährigen Jungen. Wie die forensische Anthropologin Erin Kimmerle am Mittwoch mitteilte, lagen die Särge der Kinder in flachen, unmarkierten Gräbern. In den kommenden Monaten werden die Knochen im Labor der University of South Florida in Tampa mit DNA-Proben von Angehörigen verglichen, um die Toten unter Umständen doch noch zu identifizieren.

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Veröffentlicht: 05.09.2013, 20:05 Uhr

Warum Politiker lügen müssen

Von Werner Mussler

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