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Finanzwelt im Umbruch Europas Banken verlieren an Bedeutung

 ·  Von den harten Vorgaben der Europäischen Aufsicht profitieren die amerikanischen und japanischen Banken. Sie sind in der Bewältigung der Krise weiter und müssen anders als die Europäer nicht weiter schrumpfen. In den chinesischen Banken hingegen schlummern hohe Risiken.

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© F.A.Z. Die größten Banken

Die Entwicklung dauert nun schon vier Jahre an: Seit 2008 ist der Börsenwert fast aller europäischen Geschäftsbanken gesunken. Nach der internationalen Finanzkrise waren sie gezwungen, weite Teile ihrer Kapitalmarktgeschäfte zurückzufahren. Den letzten Schub hat die Europäische Bankenaufsicht (EBA) ausgelöst, als sie im Dezember in einem Stresstest unter 71 Großbanken bei 31 eine Kapitallücke beanstandete. Insgesamt fehlten nach dieser Analyse 115 Milliarden Euro. Viele Institute haben daraufhin Kapital aufgenommen wie die spanische Santander, Tochtergesellschaften verkauft wie die belgische KBC oder Wertpapiere abgebaut wie die Commerzbank.

Die europäischen Banken müssen auf Geheiß der EBA schon Mitte des Jahres Auflagen erfüllen, für die der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht in seinem neuen Regelwerk (Basel III) Übergangsfristen bis 2019 vorsieht. Der damalige Präsident der Finanzaufsicht Bafin, Jochen Sanio, hatte die EBA im vergangenen Sommer dafür kritisiert, dass sie ohne jede gesetzliche Zuständigkeit eine neue Eigenkapitaldefinition gestrickt und die geltende Rechtslage beiseitegeschoben habe. Die EBA reagiert mit ihren strengen Vorgaben auf die europäische Staatsschuldenkrise. Banken müssen mehr Kapital vorhalten, um gegen Verluste besser abgesichert zu sein.

Die Regierungen der 20 führenden Wirtschaftsnationen (G20) haben ohnehin strengere Kapital- und Liquiditätsregeln für die Banken auf der ganzen Welt beschlossen. Damit wollen sie sicherstellen, dass es keine Schlupflöcher mehr gibt, in denen sich ein hochriskantes Rad drehen lässt. Vergleicht man die Situation der europäischen Banken mit denen in Amerika oder Japan, so scheinen die Institute dort in der Krisenbewältigung schon weiter zu sein. China ist mit seinem hohen Wachstum ein Sonderfall, in dessen Banken viele Risiken schlummern.

Ein gutes Jahr für amerikanische Banken

Die amerikanischen Banken haben ihre akuten Probleme aus der Finanzkrise überstanden. Auf deren Höhepunkt hatten zahlreiche Institute staatliche Kapitalspritzen erhalten, um Verluste abzufedern. Aufseher untersagten ihnen, Dividenden zu zahlen. Die meisten staatlichen Hilfen sind zurückgezahlt. Und mit wenigen Ausnahmen, darunter die beiden Großbanken Citigroup und Bank of America, schütten Banken wieder hohe Dividenden aus. Die Behörden in Amerika scheinen mit der Kapitalausstattung zufrieden. Die Einlagensicherungsbehörde FDIC formulierte es kürzlich so: „Mehr als 96 Prozent aller Institute erfüllten oder übertrafen die mengenmäßigen Auflagen für einen gut kapitalisierten Zustand.“

Die Notenbank Fed unterzieht die größten Banken dennoch regelmäßigen Belastungstests, um zu prüfen, ob sie für neue Schockwellen an den Märkten gerüstet wären. Im jüngsten Stresstest, der eine harte Rezession unterstellte, fielen vier von 19 Instituten durch, darunter die Citigroup. Trotzdem ist das Vertrauen gestiegen. „Die Branche steht auf einem viel festeren Boden als noch vor drei Jahren“, sagte Jason Goldberg, Bankenanalyst der britischen Barclays.

Amerikanische Banken haben im vergangenen Jahr wieder so gut verdient wie 2006, dem Jahr vor der Finanzkrise. Die Gewinne resultierten vor allem aus sinkenden Rückstellungen für notleidende Kredite - eine positive Folge der Konjunkturerholung. Darauf können die europäischen Banken in ihren krisengeschüttelten Heimatmärkten dagegen nicht setzen. Auch Kapitalerhöhungen sind zu den niedrigen aktuellen Aktienkursen ungünstig. Weil viele Banken ihre Geschäftssparten nur schwer loswerden, setzen sie auf Risikoabbau. Andrea Enria, Chef der EBA, hat die Banken aber angewiesen, die Kapitallücken zu schließen, ohne die Kreditvergabe einzuschränken. Wenn sie dagegen ihr Kapitalmarktgeschäft eindampfen, etwa indem sie den Verkauf strukturierter Wertpapiere fördern, hat er nichts einzuwenden. Inzwischen ist sowohl in Amerika als auch in Europa wieder ein Markt für die jahrelang gemiedenen Kreditverbriefungen entstanden, da die Papiere wieder als werthaltiger gelten. Zu den Käufern zählen nicht nur Hedgefonds, sondern auch Versicherer und Pensionskassen, die damit auf zusätzliche Zinseinnahmen hoffen.

Neue Vorschriften schrecken die Japaner nicht

Kaum von den schärferen Aufsichtsregeln betroffen sind die japanischen Banken. Sie haben den Umbau, den Europas Banken noch vor sich haben, erfolgreich absolviert. Vor zehn Jahren saßen sie noch auf umgerechnet rund 120 Milliarden Euro an faulen Krediten. Der damalige Wirtschaftsminister Heizo Takenaka befürchtete den Zusammenbruch des Bankensystems - und verordnete ihm eine Rosskur. Am Ende stand ein stabiles System, das den aktuellen Krisen gelassener entgegensehen kann als die Wettbewerber in Europa oder Amerika.

Die künftigen Eigenkapitalvorschriften schrecken japanische Banken nicht. Durch Kapitalerhöhungen haben sie sich in den vergangenen Jahren gestärkt. Die Regierung rechnet damit, dass die drei Megabanken Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ, Sumitomo Mitsui und Mizuho kein neues Kapital brauchen. Japans Bankhäuser gehören nach Einlagen zwar zu den größten der Welt, sind aber nicht so international verflochten wie Banken anderer Länder. Im Schnitt machen sie nur 20 bis 30 Prozent ihrer Geschäfte im Ausland.

China wartet mit ambitionierten Regelungen auf

Auch die chinesischen Banken drängen nicht in die Lücken, die europäische Banken öffnen. Akquisitionen von risikobehafteten Vermögenswerten sind unwahrscheinlich, da Chinas Bankenaufsicht strenge Auflagen zu gefährdeten Engagements und zur Eigenmittelquote erlassen hat. Das rührt daher, dass die Institute Rekordvolumina an Krediten vergeben haben, um die Konjunktur anzukurbeln. „Die chinesischen Banken sind nicht so stark, wie sie ihrer Größe nach aussehen“, sagt Huang Weiping, Professor für Volkswirtschaft an der Renmin Universität in Peking. „Sie müssen viel für die Qualität ihrer eigenen Vermögenswerte tun und ihr Kapital aufstocken.“

Nach Angaben des Weltwährungsfonds IWF haben Chinas Geldhäuser in der Finanzkrise seit September 2008 umgerechnet 3800 Milliarden Dollar verliehen. Niemand weiß, wie viel sie davon je zurückbekommen. Fachleute wie der Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Asien, Michael Spencer, vermuten, „dass der Anteil fauler Kredite in den Banken höher sein könnte, als sie berichten“. Um die neuen Kapitalanforderungen zu erfüllen, müssen die Banken akut 16 Milliarden Dollar aufnehmen. Bis 2019 betrage der Kapitalbedarf rund 140 Milliarden Dollar, heißt es. Derzeit sammelt die Bank of Communications (Bocom) in einer Privatplazierung 56,6 Milliarden Yuan (9 Milliarden Dollar) ein. Das ist die größte Emission der Welt seit zehn Monaten. Die chinesischen Regelungen gehen noch über Basel III hinaus. Die systemrelevanten Banken wie die ICBC, die Bank of China oder eben die Bocom müssen eine Kernkapitalquote von 11,5 Prozent erreichen und eine harte Kernkapitalquote von 9,5 Prozent. Auch zeitlich ist China ambitionierter: Die neuen Regelungen sollen noch in diesem Jahr gelten.

Es gibt ein weiteres Problem mit Ländern, deren Finanzsektor eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung hat. Dazu zählen Großbritannien mit dem Londoner Finanzplatz sowie die Vereinigten Staaten mit der Wall Street. Hier befürchten deutsche Banken eine laxere Handhabung der Aufsichtsregeln. Darüber hinaus bleiben die risikofreudigen Hedgefonds von der Regulierung weitgehend verschont. In London und New York haben Wertpapierhändler der Investmentbanken die Fronten gewechselt und bauen Händlerteams für Hedgefonds auf.

Es berichten: Christian Geinitz (Peking), Carsten Germis (Tokio), Norbert Kuls (New York) sowie Markus Frühaus, Philipp Krohn und Hanno Mußler (Frankfurt)

Quelle: F.A.Z.
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