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Zinspolitik Leitzinserhöhung der EZB wird unwahrscheinlich

20.08.2007 ·  Die Kreditmarktkrise dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) davon abhalten, ihren Leitzins wie geplant anzuheben. Die Nervosität an den Finanzmärkten gilt als zu groß. In den Vereinigten Staaten dürfte die Zentralbank die Zinsen bald senken.

Von Benedikt Fehr
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Die Turbulenzen auf den Kreditmärkten werden die großen Notenbanken nach Einschätzung vieler Volkswirte dazu veranlassen, ihren geldpolitischen Kurs zu ändern. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte in diesem Zuge von der für September geplanten Anhebung des Leitzinses von 4 auf 4,25 Prozent Abstand nehmen, heißt es. Von der amerikanischen Notenbank Fed wird vielfach erwartet, dass sie nach der Senkung ihres Diskontsatzes am Freitag von 6,25 auf 5,75 Prozent demnächst auch ihren Leitzins senkt.

Am Montag verlief das Geschäft an den Finanzmärkten in deutlich ruhigeren Bahnen als an den Tagen zuvor. Die Risikoprämien für Unternehmenskredite hätten im Tagesverlauf zwar immer noch kräftig geschwankt, allerdings weniger als in der vergangenen Woche, berichtete Philip Gisdakis, ein Fachmann für die Kreditmärkte bei Unicredit. Die Senkung des amerikanischen Diskontsatzes habe die Sorgen gemildert, dass demnächst eine Bank kollabiere. Andrerseits seien sich die Akteure an den Finanzmärkten bewusst, dass die Bereitstellung von Liquidität das tieferliegende Problem, nämlich die steigenden Verluste durch Kreditausfälle, nicht löse. Insofern bleibe die Stimmung nervös.

EZB auch für die Finanzmarktstabilität verantwortlich

Seit der Pressekonferenz von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet Anfang August habe sich die Lage dramatisch verändert, meint Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Barclays Capital Deutschland. Seinerzeit habe Trichet zwar noch für Anfang September eine Zinsanhebung in Aussicht gestellt, doch erscheine ein solcher Schritt aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Mit der jüngsten Liquiditätszufuhr in Milliardenhöhe habe die EZB einer Erhöhung der kurzfristigen Zinssätze gegengesteuert; diese Zinssätze wenig später anzuheben, wäre wenig konsistent - zumal die Probleme aufgrund von Kreditausfällen noch einige Zeit andauern dürften. Sollte sich die Lage zuspitzen, sei eine Senkung des EZB-Leitzinses möglich.

Ähnlich sehen das inzwischen viele Volkswirte. Dies nicht zuletzt, weil Axel Weber, der Präsident der Deutschen Bundesbank, am vergangenen Freitag in einem Interview deutlich gemacht hat, dass die EZB sowohl für die Preisstabilität als auch für die Finanzmarktstabilität verantwortlich sei. Zudem hatte sich Weber geweigert, das Schlüsselwort „Wachsamkeit“ in den Mund zu nehmen, mit dem die EZB üblicherweise eine bevorstehende Zinserhöhung ankündigt.

Finanzierungsbedingungen in Amerika verschärft

Auch in den Vereinigten Staaten haben sich die Erwartungen deutlich gewandelt. Hatte die Fed noch vor einigen Tagen die Inflationsrisiken betont und damit den Spekulationen auf sinkende Leitzinsen eine Abfuhr erteilt, ist für die Volkswirte von Goldman Sachs nun so gut wie ausgemacht, dass der Dollar-Leitzins bis Jahresende um 75 Basispunkte auf 4,5 Prozent sinken wird. Die amerikanische Wirtschaft dürfte im weiteren Verlauf dieses Jahres sowie 2008 nur vergleichsweise schwach wachsen, erläutert Dirk Schumacher, ein Volkswirt bei der amerikanischen Investmentbank in Frankfurt.

Abgesehen davon hätten sich die Finanzierungsbedingungen für amerikanische Unternehmen durch den Anstieg der Risikoprämien auf Kredite sowie die strengere Kreditvergabepraxis der Banken in den vergangenen drei Wochen so verschärft, dass dies einer Anhebung des Leitzinses um rund 60 Basispunkte entspreche.

Wirtschaftswachstum deutet auf Inflationsgefahr hin

Anders als für Schumacher ist für Thomas Mayer, den Chefvolkswirt Europa bei der Deutschen Bank in London, noch offen, ob die Fed ihren Leitzins senken wird. Derzeit liege die Wahrscheinlichkeit dafür bei weniger als 50 Prozent, meint er. Es bleibe abzuwarten, ob sich die Lage an den Kreditmärkten beruhige - oder ob sich die akute Kreditklemme im Interbankenhandel ausweite und die Gefahr eines scharfen Abschwungs der gesamten Wirtschaft heraufbeschwöre. Sollte die Fed ihren Leitzins senken, werde ihr die EZB in ein bis zwei Monaten folgen, sagt Mayer voraus. Eine Anhebung des EZB-Leitzinses hält er in nächster Zeit für extrem unwahrscheinlich. Angesichts der allgemeinen Verunsicherung wäre das „Öl ins Feuer“, merkt er dazu an.

Sollte sich die Lage an den Finanzmärkten entspannen, könnte der EZB-Rat den Leitzins im September doch wie geplant um 25 Basispunkte anheben, meint Schumacher hingegen. Schließlich deute das kräftige Wirtschaftswachstum im Euro-Raum auf Inflationsgefahren hin.

Quelle: F.A.Z., 21.08.2007, Nr. 193 / Seite 21
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